1. Sport
  2. Sporttexte

Fußball-Regionalligist Wuppertaler SV kämpft ums finanzielle Überleben

Fußball-Regionalliga : WSV-Vorstand Ries: „Krise trifft auch unsere Sponsoren“

Einfach wäre die Aufgabe für Stephan Ries sowieso nicht gewesen. Auch ohne die Corona-Pandemie hätte das neue Vorstandsmitglied alle Hände voll zu tun, um den Fußball-Regionalligisten Wuppertaler SV wieder auf Kurs zu bringen. Aber die Chancen stünden natürlich sehr viel besser. „Wenn die Wirtschaft jetzt in eine Krise gerät, dann wird es natürlich noch schwieriger, es zu schaffen“, sagt der Rechtsanwalt. Kämpfen will er trotzdem.

Die Ausgangslage ist alles andere als einfach. Rund 1,4 Millionen Euro Verbindlichkeiten belasten den Club, davon rund 1,1 Millionen an „Finanzverbindlichkeiten“, so der Sprachgebrauch, gegenüber der Stadtsparkasse und Bürgen. Seit Wochen laufen die Gespräche über einen Schuldenschnitt auf Hochtouren. „Wir waren eigentlich auf einem guten Weg. Wir hätten dann sicher auch noch einen Teil der Restsumme wegbekommen …“

Nun aber müsse man abwarten, wie die Unternehmen reagierten, sagt er. „Die gegenwärtige Krise trifft auch unsere Sponsoren in besonderer Weise. Keiner weiß ganz genau, wie die kommenden Wochen verlaufen werden. Und wer jetzt demnächst vielleicht Kurzarbeit anmelden und seine eigenen Mitarbeiter vertrösten muss, kann natürlich nicht anderweitig großzügig Geld geben. Deshalb bitte ich auch um Verständnis, dass ich es bei einem so sensiblen Thema einzelnen Beteiligten selbst überlassen möchte, zu diesen Fragen Auskunft zu erteilen. Wir sind denjenigen Sponsoren, die uns momentan helfen, jedenfalls außerordentlich dankbar für ihre Hilfe und ihr Bekenntnis zum WSV.“ Viele Vereine sind ähnlich betroffen. Deshalb gibt es von Seiten des Westdeutschen Fußballverbandes am morgigen Mittwochnachmittag eine große Telefonkonferenz mit allen Beteiligten; nach dieser gemeinsamen Runde sehe man wohl schon etwas weiter. „Anschließend werden wir das natürlich sofort intern beratschlagen“, so Ries weiter.

Er sieht vor allem seine Aufgabe darin, „Brücken zu bauen“ – und die vereinsinternen „Grabenkämpfe“ zu beenden. Er will zwischen den Beteiligten vermitteln. So, dass eine geordnete Arbeit möglich ist. Das Wort „Insolvenz“ nehme er eigentlich nicht so gern in den Mund. Aber Corona habe doch viel verändert. Wie man sich aus dieser Zwangslage wieder befreien könne, hänge von vielen Faktoren ab – der Bereitschaft zum Schuldenschnitt etwa, ab wann und bis wann die Saison fortgesetzt wird, aber auch daran, „was an Unterstützung möglich ist“, etwa von Verbandsseite. „Wir sind ja nicht der einzige betroffene Verein.“ Von struktureller Kurzarbeit (momentan hält sich jeder Spieler individuell fit) über finanzielle Gespräche mit den Übungsleitern, die derzeit kein Training durchführen können, bis zu weiteren Krisenmechanismen. Der 62-Jährige arbeitet eng mit Finanzvorstand Melanie Drees, Sportdirektor Thomas Richter („Er ist für den WSV sehr wichtig!“) dem in Sanierungs- und Organisationsthemen erfahrenen Betriebswirt Fariborz Khavand und dem Verwaltungsratsvorsitzenden Christian Vorbau zusammen.

Die Jahreshauptversammlung, auf der Weichen gestellt werden sollten, ist vom 28. März auf den 5. Mai verlegt worden. Klar ist, dass Ries („Die Finanzdecke war nicht ganz so, wie sie zuletzt dargestellt wurde“) nicht für längere Zeit Vorstandsmitglied sein will. „Ich bin einfaches Vereinsmitglied Nr. 800 und wurde aus unterschiedlichen Richtungen um Hilfe gebeten, zuletzt sogar von Seiten des Amtsgerichts. Ich habe aber nie selbst ein Funktionsamt angestrebt. Ob ich eines Tages einmal als 13. Mitglied den Beirat unterstütze, muss heute nicht entschieden sein.“

Ende der 1960er Jahre war der in Bad Wildungen geborene Sanierungsfachmann erstmals mit seinem Vater im Stadion am Zoo. Das legendäre 1:1-Unentschieden gegen den FC Bayern München in der Saison 1972/73 verfolgte er sitzend auf der Radrennbahn. Später kickte er in einer Runde mit Erich Miß regelmäßig in der Cronenberger Alfred-Henckels-Halle: „Da war der WSV natürlich auch immer ein Thema.“ 2013 wurde er vom ehemaligen Wuppertaler Oberbürgermeister und Verwaltungsrat Dr. Hans Kremendahl angesprochen und als Fachmann für Insolvenzrecht um Rat gefragt. Durch den Insolvenzplan 2014 konnte sich der Verein weitgehend entschulden. Doch in den kommenden Jahren häuften sich wiederum neue Verbindlichkeiten in siebenstelliger Höhe an.

Der Verein „hat immer noch einen guten Markenkern“, sagt Ries, der in der Solinger „Cobra“ (unter anderem mit dem heutigen BHC-Chef Jörg Föste) und im Cronenberger TiC beruflich aktiv war bzw. heute noch ehrenamtlich ist. Mit den Wirtschaftsjunioren rief er das Veranstaltungsformat „Wuppertal 24h live“ ins Leben, bis Mai ist er noch im Vorstand des Cronenberger Heimat- und Bürgervereins. Nur wenn es dem WSV gelinge, den Verein in seinen Gremien zu befrieden, in der Stadt wieder Vertrauen aufzubauen und neue Fachleute heranzuführen, habe der Club eine Chance: „Jedes Unternehmen, das uns hilft, könnte ja eventuell auch operativ mitwirken und einen Vertreter seines Vertrauens entsenden.“

Die Zeiten, in denen man von einem Sponsor einen Betrag X erbete und dann vier Wochen später erneut vorstellig werde, müssten vorbei sein: „Man sollte offen und ehrlich miteinander umgehen!“ Jetzt mehr denn je.