Expertin aus Wuppertal Sandra Valentin auf Kräuterjagd: „Fast nichts ist Unkraut“

Wuppertal · Im Frühjahr beginnt die Hochsaison für Wildkräuter. Was für viele nach unscheinbarem Begleitgrün aussieht, ist für Sandra Valentin eine wertvolle Ressource.

Kräuterexpertin und Autorin Sandra Valentin.

Foto: Sandra Valentin

„Fast nichts ist Unkraut“, sagt sie, „man muss nur wissen, wie man es nutzt.“ Über die Heilwirkung von Wildpflanzen hat sie auch ein Buch geschrieben, inklusive vieler Rezepte – und auf ihren Touren zeigt sie, welche Wildkräuter jetzt im Bergischen wachsen und wie sie sich im Alltag nutzen lassen.

Sandra und ich treffen uns für unsere kleine Tour am Scharpenacken. Zur Begrüßung reicht sie mir ein Getränk, das direkt meine Neugier weckt: Ein frisch gemixter Drink aus Giersch mit Birne aus dem eigenen Garten, überraschend mild und erfrischend – lecker. Ich, die noch so gut wie nichts über Wildkräuter weiß, bin sofort angefixt auf das, was ich heute noch lernen werde. Denn ich bin ehrlich: Ich hatte vorher kein echtes Konzept davon, was Giersch überhaupt ist. Was mich also noch alles erwartet?

Zwischen jungen Trieben und feuchtem Erdboden bleibt Sandra immer wieder am Wegesrand stehen, an dem Spaziergänger, Hundebesitzer und Jogger vorbeilaufen. Die Biologin beugt sich nach unten, streicht mit der Hand durch das frische Grün und pflückt einige Blätter. „Heilpflanzen wachsen überall. Wusstest du, dass das hier gut für die Leber ist?“, fragt sie und hält ein Blatt mit gezackten Rändern in der Hand, es ist ein Löwenzahn.

Zusammen mit dem Giersch und der Brennnessel gehört er zu den Top 3 Pflanzen, die fast überall wachsen. Löwenzahn und Brennesseln können kaum mit giftigen Doppelgängern verwechselt werden – anfängerfreundlich also, selbst für jemanden wie mich. Beim Giersch hingegen muss man dagegen etwas achtsamer sein, wird aber von Sandra behutsam an die Hand genommen.

Gibt‘s bei Kräuterführungen oft zum Probieren: selbstgebackenes Brot mit Frischkäse, Wildkräutern und essbaren Blüten.

Foto: Sandra Valentin

Wer mit ihr unterwegs ist, darf nicht nur zuschauen, sondern bekommt immer wieder kleine Kostproben: Kleine Blätter, Blüten oder zubereitete Varianten, die direkt vor Ort probiert werden können. So wird aus Theorie schnell ein sehr praktischer Zugang.

Oft unterschätzt: Der Löwenzahn

Der Löwenzahn gehört zu den bekanntesten Wildpflanzen und hat einen optischen Wiedererkennungswert. „Man kann die komplette Pflanze verwenden“, erklärt Sandra. Sowohl Blätter als auch Blüten und Wurzel lassen sich verarbeiten. Die jungen Blätter eignen sich etwa für Salate oder Smoothies, die Blüten können zu Sirup oder als essbare Dekoration genutzt werden. Charakteristisch ist der leicht bittere Geschmack, der durch enthaltene Bitterstoffe entsteht.

Diese werden traditionell mit einer unterstützenden Wirkung auf die Verdauung in Verbindung gebracht. Neben Bitterstoffen enthält Löwenzahn unter anderem Vitamine und Mineralstoffe wie Kalium und Magnesium. Gerade im Frühjahr sei die Pflanze daher eine einfache Möglichkeit, frische, nährstoffreiche Zutaten in den Speiseplan zu integrieren.

Vom „Unkraut“ zur Zutat: Giersch

Noch stärker unterschätzt ist der Giersch. In vielen Gärten gilt er als lästig, weil er sich schnell ausbreitet. In der Küche hingegen lässt er sich vielseitig verwenden. „Die jungen Blätter sind mild und erinnern geschmacklich ein wenig an eine Mischung aus Petersilie und Möhren“, sagt Sandra. Sie können roh im Salat oder im Smoothie genutzt werden, ältere Blätter eignen sich eher zum Kochen – etwa in Suppen oder Aufläufen.

Giersch enthält verschiedene Mineralstoffe sowie Vitamine und wird in der Naturheilkunde traditionell unter anderem mit entzündungshemmenden Eigenschaften in Verbindung gebracht. Ganz wichtig ist hier allerdings die sichere Bestimmung. Sandra warnt: „Giersch sieht beispielsweise der giftigen Hundspetersilie oder dem Gefleckten Schierling ähnlich.“

Ein eindeutiges Merkmal, um den Giersch als solchen zu identifizieren, sei der dreieckige Blattstiel. Hier gilt: Nur pflücken, wenn man schon Expertise hat und sicher in der Bestimmung ist.

Nährstoffreich und vielseitig: die Brennnessel

Die Brennnessel ist vor allem wegen ihrer fiesen Härchen bekannt – autsch. Dabei zählt sie zu den nährstoffreichsten heimischen Wildpflanzen. Sie enthält unter anderem Eisen, Vitamin C und verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe. In der Küche lässt sich die Pflanze ähnlich wie Spinat verwenden. „Sobald man sie verarbeitet, verlieren die Brennhaare ihre Wirkung“, erklärt Sandra.

Die Blätter können gekocht, als Tee aufgegossen oder roh im Smoothie verwendet werden. Auch die Samen eignen sich als Ergänzung für Salate oder Dressings. Die Pflanze wirkt harntreibend, blutreinigend, entgiftend und blutbildend. Außerdem ist sie gut für Haare und Nägel, da sie Kieselsäure enthält. Sandras Tipp: „Man kann aus Brennnesseltee super Spülungen machen, um das Haarwachstum anzuregen.“

Worauf es beim Sammeln ankommt

So einfach viele Pflanzen zu finden sind, beim Sammeln gibt es ein paar Regeln. Sandra empfiehlt: „Man sollte nie einen Standort komplett abernten.“ Stattdessen gelte die sogenannte Handstrauß-Mentalität: Nur so viel mitnehmen, wie man tatsächlich braucht und den Bestand erhalten.

Ebenso wichtig sei die Wahl des Standortes. Gesammelt werden solle nur dort, wo die Pflanzen unbelastet sind – also nicht direkt an stark befahrenen Straßen, auf Flächen mit möglicher Schadstoffbelastung oder an Orten, die häufig von Hunden genutzt werden. Ein weiterer zentraler Punkt sei die sichere Bestimmung. Gerade bei weniger bekannten Pflanzen bestehe teilweise Verwechslungsgefahr mit giftigen Arten. Anfänger sollten sich deshalb zunächst auf gut erkennbare Pflanzen konzentrieren – oder sich, wie bei einer Führung, anleiten lassen!

Neben Löwenzahn, Giersch und Brennnessel zeigt Sandra Valentin unterwegs auch weitere Arten wie die Knoblauchsrauke, die tatsächlich nach Knoblauch schmeckt, Spitzwegerich, der in vielen Hustensäften enthalten ist, oder Bärlauch, dessen Knospen und Blätter sich gut in der Küche verwenden lassen. Sogar der japanische Staudenknöterich, ein invasiver Neophyt, der sich stark ausbreitet, heimische Pflanzen verdrängt und deshalb vielerorts gezielt bekämpft wird, erinnert an Rhabarber und kann auf die gleiche Art beispielsweise in Kompotten verarbeitet werden.

Wer genauer hinschaut, entdeckt also eine überraschend vielseitige Ergänzung für die eigene Küche, kostenlos, verpackungslos, nährstoffreich und quasi direkt vor der eigenen Haustür.

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