Podiumsdiskussion des Sozialverbandes VdK Nicht wegsehen bei häuslicher Gewalt

Wuppertal · Häusliche Gewalt zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und ist vielfach immer noch tabubehaftet. Untersuchungen zeigen: Im Jahr 2022 wurden rund 64.000 Menschen in NRW Opfer von häuslicher Gewalt – 8,9 Prozent mehr als im Vorjahr. 72 Prozent der Opfer waren weiblich. Mit acht Experten und einem Betroffenen klärte jetzt der Sozialverband VdK bei einer Podiumsdiskussion darüber auf, welche Hilfen man leisten kann und welche Möglichkeiten für Betroffene zur Verfügung stehen.

 Die Initiatoren der Experten-Diskussion zum Thema häusliche Gewalt (von links): Berthold Gottschalk, VdK-Kreisverbandsehrenvorsitzender, Horst Kaldyka, Vorsitzender des VdK Cronenberg und Matthias Müller, Vorstandsmitglied des Cronenberger VdK.

Die Initiatoren der Experten-Diskussion zum Thema häusliche Gewalt (von links): Berthold Gottschalk, VdK-Kreisverbandsehrenvorsitzender, Horst Kaldyka, Vorsitzender des VdK Cronenberg und Matthias Müller, Vorstandsmitglied des Cronenberger VdK.

Foto: VdK

Guido Liedke, leitender Kriminaldirektor des Polizeipräsidiums Wuppertal, Christina Bock, Oberamtsanwältin und Dezernentin für häusliche Gewalt bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal, Martina Zsack-Möllmann, Geschäftsführerin des Frauenhauses in Solingen, Sandra Jüppner, Fallmanagerin vom Landschaftsverband Rheinland, Klaudia Duhr vom „Weißen Ring“, der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Bialas aus Wuppertal, die Leiterin des Jugendamtes Wuppertal, Christine Roddewig-Oudnia, sowie Vanessa Patz, Referentin für Sozialpolitik vom VdK-Landesverband NRW zählten zu den acht Diskutanten, die eine Vielzahl brisanter und wichtiger Fragen des Publikums beantworteten. Verständlich wurden kausale Zusammenhänge, die zu häuslicher Gewalt führen können, erklärt.

Kriminaldirektor Guido Liedke wies darauf hin, dass Einsatzkräfte der Polizei zur Schadensabwehr und zum Schutz der Opfer unverzüglich die „Wegweisung“ sowie ein Näherungsverbot verhängen – und zum Schutz eventuell betroffener Kinder das Jugendamt informieren.

Oberamtsanwältin Christina Bock klärte darüber auf, dass es nicht immer einfach sei, Täter zu verurteilen, wenn Opfer ihre Aussagen zurückziehen, Angehörige von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machten oder noch im Gerichtssaal versucht wird, glaubhaft zu machen, dass man sich gerade verlobt habe, womit das Gesetz „ausgehebelt“ werde.

Die Leiterin des Jugendamtes, Christine Roddewig-Oudnia, machte deutlich, dass das Jugendamt im Fall häuslicher Gewalt 24 Stunden lang erreichbar ist. Auch der „Weiße Ring“ sei ein adäquater Ansprechpartner, wenn es um häusliche Gewalt geht, so dessen Leiterin Klaudia Duhr, die darauf hinwies, dass die Inanspruchnahme des „Weißen Rings“ in Sachen Rechtsberatung oder Gerichtsbegleitung kostenlos ist.

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) war mit Sandra Jüppner, die als Fallmanagerin durch das soziale Entschädigungsrecht führt, gut vertreten. Der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Bialas riet, wachsamer im Umfeld zu sein – und brachte eine völlig neue Überlegung in die Runde: „Häuser der Hilfe“ zu errichten, damit vermieden wird, dass sich die Opfer immer wieder erklären müssen.

Sozialreferentin Vanessa Patz vom VdK-Landesverband NRW hob hervor, dass es dem Sozialverband VdK wichtig ist, dass gerade Opfer von Gewalttaten schnell, unbürokratisch und mitfühlend versorgt werden – und dass langjährige Bezieherinnen und Bezieher von Entschädigungsleistungen eine Verbesserung ihrer Versorgung erfahren müssen. Allerdings, so Vanessa Patz, können zu der Versorgung auch Traumabehandlungen gehören, die nicht umfänglich finanziert sind.

Vor Beginn der Diskussion hatte es ein bewegendes Interview mit dem 49-jährigen Düsseldorfer Tumuci El Galuszka gegeben, der als Kind täglich, ebenso wie seine beiden Schwestern und seine Mutter, schwerer häuslicher Gewalt ausgesetzt war. Die Schilderungen des heutigen Fallmanagers für Eingliederungshilfe reichten weit zurück – und erzählten die aufwühlende Geschichte von Gewalt in der Familie, die sich über zwei Generationen immer wieder fortsetzte.

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ des Bundesamtes für Familie ist unter der Nummer 116 016 rund um die Uhr zu erreichen – und anonym. Internet-Infos: www.hilfetelefon.de