Mitte Mai fährt Lothar Kümmel mit seinem Auto auf den Media-Markt-Parkplatz an der Bundesallee. Dass dieser Vorgang einmal in der Zeitung stehen würde, hätte der 86-jährige Rentner aus Heckinghausen nie gedacht: Doch was sieben Tage später per Brief ins Haus flattert, macht ihn wütend. Ihm wird vorgeworfen, fürs Parken nicht bezahlt zu haben, obwohl er im Shop sein Kennzeichen auf einem Display eingegeben und somit freigeschaltet habe. Er soll 54 Euro Strafe zahlen.
Er ist nicht der Einzige. Die Umstellung vom klassischen Parken mit Ticket zum digitalen sorgt derzeit für Schlagzeilen. Auf immer mehr Parkplätzen im Tal werden Kameras installiert und Schranken abgebaut. Wer nicht bezahlt oder gegen die Regeln verstößt, wird zur Kasse gebeten. Das Problem: Im Gespräch mit der Rundschau berichten Kunden, Einzelhändler und die Wuppertaler Verbraucherzentrale, dass genau das derzeit vielen passiert. (Bilder)
So auch auf den 1.600 Stellplätzen der Wicküler City, zu der der Parkplatz am Media Markt gehört. Die Flächen gehören einer Tochterfirma der Clees-Unternehmensgruppe, die Eigentümerin das Komplexes ist. Sie werden seit Anfang März vom Grünwalder Unternehmen „Mobility Hub“ bewirtschaftet. Die Einzelhändler vor Ort haben mit den Auto-Abstellplätzen nichts zu tun, doch sie bekommen teils den Frust der Kunden ab.
Lothar Kümmel sagt etwa, dass er in Zukunft dort nicht mehr einkaufen werde. Media-Markt-Geschäftsführer Pierre Schürmann hat deswegen alle Kassierer angewiesen, jeden Kunden über die Parksituation aufzuklären. „Ich kriege die Beschwerden ab“, erzählt er. Einige Kunden seien „richtig sauer“ gewesen, sie würden von „Wucher“ sprechen. Am Eingang hat er zusätzlich ein Schild mit dem Hinweis aufgestellt, dass Media Markt keinen Einfluss auf den Parkplatz und dessen Preisgestaltung habe.
Im nahe liegenden Kaufland im Hauptgebäude erzählt ein Verkäufer, dass sich in den vergangenen Wochen „sehr viele Kunden“ beschwert hätten. Der häufigste Kritikpunkt sei die „hohe“ Vertragsstrafe von 54 Euro. In einem Brief an die Rundschau spricht ein weiterer Leser von „Abzocke“.
Auf öffentlichen Parkplätzen kostet das Auto-Abstellen ohne Ticket in der Regel 20 Euro. Auf privaten Stellflächen wird es meist teurer, allerdings muss die Höhe der Vertragsstrafe angemessen sein: Bereits vor sechs Jahren hat der Bundesgerichtshof in einem ähnlichen Fall entschieden, dass 30 Euro zulässig seien.
Jochen von Köller von der Verbraucherzentrale Wuppertal empfiehlt, bei Parkentgelten ab 50 Euro Widerspruch einzulegen. Es passiere häufig, dass Unternehmen dann geringere Gebühren verlangten. „Allerdings kommt es immer auf den Einzelfall und die AGBs vor Ort an“, erklärt er. Laut Verbraucherzentrale müssen die Parkbedingungen vor Ort sichtbar ausgehängt sein. Ansonsten würde es sich ebenfalls lohnen zu widersprechen.
Auf Anfrage widerspricht die zuständige Firma „Mobility Hub“, die in Wuppertal zudem jeweils eine Parkfläche in der Kaiserstraße und der Gambrinusstraße betreibt, dem Vorwurf der „Abzocke“. 99,5 Prozent der Parkvorgänge würden reibungslos funktionieren. Häufiger Grund für eine Strafzahlung sei, dass Nutzer ihr Kennzeichen falsch eintippen, doch das ließe sich durch den Kundenservice meist „schnell klären“.
Das Unternehmen teilt zudem mit, dass es keine Inkassodienstleister einsetze, was andere Bewirtschafter teils tun. Ziel der Vertragsstrafe von 54 Euro sei es sicherzustellen, dass die Stellplätze den Kunden vorbehalten blieben. In der Wicküler City gilt das nicht für alle: Nur Kunden von Kaufland und „Action“ erhalten Freiminuten, alle anderen zahlen 1,50 Euro pro angefangene Stunde.
Die Rückmeldungen zum neuen System habe man von Beginn an sehr ernst genommen, teilt Alexander Clees, Geschäftsführer der Clees-Unternehmensgruppe ,mit. Man setze auf eine „klare Beschilderung“. Zudem gab es eine Info-Kampagne und Ansprechpartner vor Ort. „Der Großteil der Anlauffragen hat sich dadurch schnell erledigt.“ Das neue System hat laut Clees Vorteile: Es sei ressourcenschonend, weniger störanfällig und komfortabler für die Besucher. Und: „Vorrangiges Ziel der Parkraumbewirtschaftung ist nicht die Erlöserzielung, sondern ein funktionierendes Parkangebot.“
Laut Verbraucherberater von Köller gehe es den Firmen trotzdem darum, Geld zu erwirtschaften: „Das Verdienen mit Vertragsstrafen nimmt zu.“ Alle Anbieter hätten dabei das gleiche Ziel. Der Markt der digitalen Parkraumbewirtschaftung ist umkämpft: Auch weitere Unternehmen der Branche expandieren in Wuppertal, wie Recherchen der Rundschau zeigen.
Lothar Kümmel hat sich entschieden, das geforderte Parkentgelt zu bezahlen: Ihm gehe es nicht mehr um das verlorene Geld, sondern um Gerechtigkeit. Zu Kümmels Fall gibt „Mobility Hub“ aufgrund von Datenschutzbestimmungen keine Stellungnahme ab.