Krieg, Angst und Trauer

Krieg, Angst und Trauer

"Aufenthaltsgenehmigung". Mit diesem Wort hat Omar so seine Schwierigkeiten. Es will einfach nicht korrekt aus seinem Mund kommen. Wie eine Schallplatte mit Sprung bleibt Omar bei diesem bürokratischen Wortungetüm immer wieder hinter "Aufenthalt" ratlos hängen.

Dabei lacht er. So offen und herzlich, als hätten seine Augen nie etwas Schlimmes gesehen. So als wäre sein 18 Jahre alter Bruder nicht durch eine Bombe getötet worden. Als wären seine Großmutter und sein Onkel nicht einfach auf der Straße erschossen worden.

Omars 18-jähriger Bruder wurde durch eine Bombe getötet, Großmutter und Onkel wurden erschossen. In der Flüchtlingsunterkunft verarbeitet er das Geschehene und wartet auf eine Aufenthaltserlaubnis. Foto: Jens Grossmann

Doch so war es. So war sein Leben in Syrien, bevor der 30-Jährige aus seiner Heimat vor Krieg und Terror geflohen ist. Seine Flucht hat ihn hier her nach Wuppertal geführt. Viele tausend Kilometer und eine Odyssee liegen dazwischen. Einen Monat lang dauerte seine Flucht über den Libanon, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Wien, Frankfurt und Dortmund. In gebrochenem Englisch erzählt Omar, der in seiner Heimat nahe der Golanhöhen als Assistenzarzt gearbeitet hat, wie er mit 40 Flüchtlingen auf einem Schlauchboot das Mittelmeer überquerte, wie er Kilometer um Kilometer zu Fuß lief, bis ihn die Kräfte verließen und davon, wie er von der Polizei immer wieder eingesperrt wurde. "Vor dem Krieg", sagt Omar, "hatte ich ein gutes Leben. Ich habe für zwei Krankenhäuser und beim Roten Kreuz gearbeitet, meine Kinder hatten eine Zukunft."

In der Flüchtlingsunterkunft an der Edith-Stein-Straße lebt Omar zusammen mit weiteren 50 Flüchtlingen aus zehn Nationen. Sie kommen aus dem Irak, Pakistan, Afghanistan, dem Senegal, Nigeria, Eritrea oder wie er aus Syrien. 50 Geschichten von Krieg, Angst, Trauer und Verzweiflung. Von Frauen und Kindern, die in einem anderen Teil der Welt leben, in dem sie nicht sicher sind. 50 Menschen, die hier ein neues Leben beginnen wollen. Eines in Sicherheit. In Frieden.

Mohamud hat Schleppern 2.000 Dollar für einen Platz in einem kleinen Boot bezahlt, ein halbes Jahr dauerte seine Flucht. Foto: Jens Grossmann

Zu ihnen gehört auch Mohamud aus Somalia. Auch er möchte gerne seine Geschichte erzählen. Mit einer Stimme so leise, als könne er das, was er erlebt hat, niemandem zumuten, berichtet der 26-Jährige von seinem kleinen Geschäft in Mogadischu. Hier verkaufte der Vater von vier Kindern auch Zigaretten und Tabak. "Eines Tages kamen Mitglieder der Al-Shabaab und verboten mir den Verkauf von Tabak", sagt Mohamud. "Sonst würden sie mich umbringen." Al-Shabaab gilt als regionaler al-Qaida-Ableger und kontrolliert Teile Südsomalias und setzt dort die Scharia in strenger Form durch. Mord und Hinrichtungen sind keine Seltenheit.

Die Angst war so groß, dass Mohamud aus seinem Land floh. Sechs Monate war er auf der Flucht, zahlte Schleppern 2.000 Dollar für einen Platz auf einem kleinen Boot, das ihn zusammen mit 120 weiteren Flüchtlingen nach Europa bringen sollte. Er hatte Glück. Im Gegensatz zu so vielen anderen wurde ihr Boot von einem Schiff aufgegriffen und an Land gebracht. Seit sieben Monaten ist er nun hier in Deutschland, in Wuppertal. Jeden Tag hofft er, dass es seiner Frau und den Kindern gut geht, dass sie noch leben, dass sie eines Tages auch nach Deutschland kommen können.

"Die Deutschen müssen uns Zeit geben", sagt Ali. Er ist seit drei Monaten in Wuppertal und hat das, worauf viele hier noch sehnlich hoffen: eine Aufenthaltserlaubnis. Und eine Wohnung. Auch er kommt aus Syrien, war dort Zahnarzt mit einer eigenen Praxis. "Wir brauchen Zeit, um uns an unsere neue Heimat zu gewöhnen, um uns anzupassen an eine komplett andere Kultur, ein völlig anderes Leben." Er spricht schon ein wenig Deutsch, das sich immer wieder in seine englischen Sätze mischt, als er erzählt, dass er gerne bald wieder arbeiten will. "Wenn man uns hier nicht will, dann werden wir das zurückspiegeln", sagt Ali. "Dann werden wir unsere neue Heimat nicht lieben und keine Bereicherung für das Land sein, das uns aufgenommen hat. Aber das wollen wir."