Bergische Uni Wuppertal Die Kirchen, die Gewalt und der Missbrauch

Wuppertal · Der Wuppertaler Sozialpädagoge Fabian Kessl, Mitglied des Expertenteams der breit angelegten ForuM-Studie zur sexualisierten Gewalt und anderen Missbrauchsformen im Bereich der Evangelischen Kirche Deutschlands und der Diakonie, sagt: „Was die Aufarbeitung angeht, steht die Kirche noch sehr am Anfang.“

Prof. Dr. Fabian Kessl.

Prof. Dr. Fabian Kessl.

Foto: UniService Transfer

Eine übergreifende Missbrauchsstudie für den Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie durch den unabhängigen Forschungsverbund ForuM wurde im Januar der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Studie besteht aus sechs themenbezogenen Teilprojekten, wurde von der EKD 2020 in Auftrag gegeben und mit 3,6 Millionen Euro mitfinanziert.

Sexualisierte Gewalt im kirchlichen Bereich

Sexualisierte Gewalt im Bereich der christlichen Kirchen beschäftigt die Gesellschaft seit langem. Die Meldungen dazu reißen nicht ab. Jüngstes Beispiel sind die Kinderleichenfunde in einem Umerziehungslager in Kanada. Der Druck der Öffentlichkeit auf die Kirchen wird größer, die Aufarbeitung indes kommt nur langsam in Gang. „Wir haben seit 2010 eine Situation im bundesdeutschen und auch internationalen Zusammenhang, dass das Thema sexualisierte Gewalt insbesondere auch in Bezug auf institutionalisierte Zusammenhänge öffentlich diskutiert wird“, sagt Kessl.

Das habe viel damit zu tun, dass Betroffene ihre Stimme noch deutlicher erhoben hätten und es außerdem eine Öffentlichkeit gab, und damit auch Medienvertreterinnen und .vertreter, die diese Stimmen gehört hätten. Immer wieder stelle man sich seither die Frage, warum ein Übergriff, warum Gewalt und Missbrauch in Schulen, in Internaten, in Jugendhilfeeinrichtungen, aber auch im Gesundheitsbereich, im Sport, in Vereinen usw. nicht verhindert werde.

„Wir müssen feststellen, dass die Kirchen in diesem Kontext schlicht eine weitere gesellschaftliche Organisation darstellen, in der es zu Machtmissbrauch kommt“ erklärt der Wissenschaftler, „das heuißt, Kirchen wie kirchliche Träger sind genauso mit dem Problem konfrontiert, dass es zu Übergriffen und Gewalt kommt, wie alle anderen Organisationen in der Gesellschaft. Und das ist vielleicht die zentrale Erkenntnis sowohl der beiden Studien zum katholischen wie nun unserer zum evangelischen Bereich: Die christlichen Kirchen sind trotz ihrer Position als moralischer Instanz nicht frei von gesellschaftlichen Verhältnissen, mit denen Machtmissbrauch und Gewalt verbunden ist.“

Problem mit der Wahrheitsfindung?

Im Erzbistum Köln hat Kardinal Wölki eine erste Aufarbeitungsstudie für die Katholische Kirche abgelehnt und eine neue in Auftrag gegeben, die vor kurzem veröffentlicht wurde. Das Ergebnis war unbefriedigend, er bekam sogar Besuch von Vatikanvertretern, die Papst Franziskus schickte und zog sich ein halbes Jahr aus der Öffentlichkeit zurück. Der Rest ist bis heute Schweigen.

„Die Situation in der katholischen Kirche, noch dazu in einem spezifischen Bistum, können wir nicht direkt mit der in der evangelischen Kirche vergleichen – das lässt die Anlage unserer Studie gar nicht zu“, sagt Kessl. Aber man könne Strukturlogiken nennen, also Bedingungen für sexualisierte Gewalt und Bedingungen, die sie ermöglichen oder nicht verhindern. Diese stellen sich in großen Teilen von Kirche und Diakonie genau so dar wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen. „Ich glaube allerdings, die Kirchen – und da kann man schon von beiden sprechen - tun sich aufgrund der öffentlichen Zuschreibung wie ihres Selbstbildes, eine moralische Instanz zu sein, besonders schwer mit dem Thema.“

Interdisziplinäres Expertenteam

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich finanziell mit 3,6 Millionen Euro an der breit angelegten Studie ForuM (Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland) zur sexualisierten Gewalt und anderen Missbrauchsformen im Bereich der EKD und der Diakonie beteiligt. Das Expertenteam war interdisziplinär aufgestellt.

Kessl erläutert seine Rolle als Wissenschaftler im Bereich der Sozialpädagogik darin so: „In der sozialpädagogischen Forschung interessiert uns ja besonders der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und individuellen Lebensentwürfen. Wenn es dabei zu Brüchen und Widersprüchen kommt, sind sozialpädagogische und sozialarbeiterische Angebote gefragt. Das Thema Gewalt, sexualisierte Gewalt, wurde auch in unseren Bereichen in den vergangenen 10 bis 15 Jahren zunehmend präsent. Ich bin vor allem in dem Bereich der Jugendhilfe unterwegs, als einem Teil der Sozialpädagogik, und da sehen wir zunehmend, dass zum Beispiel unter der Überschrift Kinderschutz das Thema Gewalt stärker auf die Agenda rückt.“

2019 wurde die Studie ausgeschrieben und Kessl plädierte zusammen mit seinem Hannoveraner Kollegen Martin Wazlawik für die Einrichtung einer interdisziplinären Forschungsgruppe, um das Thema mit vielen unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. „Die Sozialpädagogik kommt auch deshalb dazu, weil es in diesem Kontext von Kirche ganz oft um sozialpädagogische Konstellationen geht. Denkt man an die Kindertagesstätten, an die Jugendarbeit, die auch den Konfirmandenunterricht umfasst, oder andere offene Angebote. Die Diakonie ist einer der größten Arbeitgeber für Sozialpädagogen und Sozialarbeiter überhaupt in der Republik. Insofern haben wir das als notwendig erachtet, dass wir da auch systematisch mit hingucken.“

Studie nimmt Expertise von Betroffenen auf

Das Element der Betroffenenpartizipation sei ein sehr überzeugender Faktor der Studie, formuliert ein Presseartikel. Zwar habe die Studie erst 2021 begonnen, erklärt Kessl, jedoch werde die Forschung zum Thema Gewalt schon seit 2010 intensiv gefördert, so dass es bereits viele Kontakte zu Betroffenen gab. „Betroffene, die sich gemeldet haben, waren auch in allen Teilprojekten der Studie beteiligt. Sie haben uns in der Fallauswahl beraten, aber auch bei der Interpretation und bei den Ergebnissen, die wir immer wieder haben kommentieren lassen.“ Die Mitarbeit der Betroffenen war eine ungemeine Hilfe für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, weil sie immer ihre Perspektive, Expertise und ihre Kompetenz mit einbringen konnten.

Unabhängige Forschung

Das Expertenteam des Forschungsverbundes ForuM agierte unabhängig, denn es war vertraglich vereinbart, dass die Ergebnisse, und damit auch der Abschlussbericht von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verantwortet wird. Dazu Kessl: „Wir haben durchaus auf Erfahrungen reagiert, dass man mit einer Auftragsforschung in die Gefahr geraten kann, dass das Gegenüber irgendwann sagt, nein, das wollen wir nicht im Abschlussbericht stehen haben. Auch sollte der Bericht nicht in der berühmten Schublade verschwinden.“

Die gefundene Absprache sei auch im Sinne beider Seiten gewesen: für die Wissenschaft wie die Evangelische Kirche und die Diakonie. Denn dadurch konnte nicht nur das Expertenteam forschen, ohne ständig eine Schere im Kopf zu haben, sondern auch die Evangelische Kirche verfüge nun über unabhängige Forschungsergebnisse, mit denen sie jetzt arbeiten könne.

Die Alltäglichkeit von Gewalt

„Ein zentrales Ergebnis dieser Studie ist sicherlich die Alltäglichkeit von Gewalt“, erklärt Kessl, „wir müssen verstehen, dass sexualisierte Gewalt etwas ist, was uns gewissermaßen überall begegnen kann.“ Statistisch säßen in jeder Schulklasse alleine ein oder zwei betroffene Kinder, das wisse man bereits, fährt er fort, und daher wäre auch von vornherein klar gewesen, dass auch in der Evangelischen Kirche viele Betroffene seien. „Über die Zahlen können wir dennoch nicht so viel sagen, denn das war eines der Probleme, dass wir zu den Akten nicht die Zugänge bekommen haben, die eigentlich vereinbart waren.“

Ein weiteres Ergebnis der Studie betrifft die Tatkonstellation. „Wir können auch für den evangelischen Bereich nicht sagen, ein Pfarrhaus oder eine Jugendeinrichtung ist besonders belastet. Vielmehr fanden wir Berichte über Gewalt in allen Bereichen: in der Kita, im Konfirmandenunterricht, in der Jugendarbeit, im Pfarrhaus, zwischen Erwachsenen und zwischen Kindern. Ergebnis ist also: Es gibt keine spezifische evangelische Konstellation für Gewalt und Übergriffe.“

Ein weiterer zentraler Befund sei die Unvorstellbarkeit, erläutert der Wissenschaftler, die Erkenntnis also, dass man sich Gewaltübergriffe für den eigenen Bereich nicht vorstellen könne und es dadurch schnell zu einem Abwehrverhalten käme, wenn man mit Hinweisen oder Anzeigen konfrontiert werde. „Kirchliche Vertreterinnen und Vertreter sind bemüht, möglichst schnell zu einem Abschluss der Auseinandersetzung zu kommen. Dann werden zum Beispiel strafrechtliche Entscheidungen, wenn es zu keinem ausreichenden Anfangsverdacht kommt und die Staatsanwaltschaft kein Verfahren eröffnen kann, schnell kommuniziert als: Ach, da war nichts. Das ist aber ein riesiges Missverständnis, weil wir wissen, sexualisierte Gewalt verweist oft auf eine Konstellation, die man weder schnell noch immer eindeutig klären kann. Vielmehr haben wir es mit großer Ungewissheit zu tun. Hier spielt die Tatsache, dass Menschen oft erst viele Jahre später überhaupt fähig sind, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen, es oft schwierig macht, die Dinge strafrechtlich aufzuklären oder so zu klären, dass sie kriminalistisch eindeutig sind.“ Das heiße aber noch lange nicht, dass es nicht etwas aufzuarbeiten gäbe.

Ebenso könne das Selbstbild beispielsweise eines Pfarrers oder einer Kita, progressiv und modern zu sein, in manchen Fällen eine Blockade produzieren und dazu führen, dass man nicht mehr genau hinsehe, nach dem Motto: „In einer evangelischen Kita mit modernen Spielkonzepten kann es doch nicht zu Gewalt unter Kindern kommen, oder dass ein Kirchenmusiker eine Pfarrerin sexuell belästigt, kann doch in unserer gleichberechtigten Gemeinde nicht sein!“

Forschende finden eigene Position zum Thema

„Forschungsthemen lassen einen nicht kalt“, sagt Kessl, „und so ein Thema insbesondere nicht. Aber wenn man in der Sozialpädagogik und der Sozialpolitik forscht, dann ist einem die Belastung und das Ringen der Menschen in belastenden Lebenssituationen nicht fremd. Gleichzeitig muss man sich immer klarmachen, die eigentliche Belastung liegt nicht bei uns Forschenden, sondern bei den Betroffenen, die sich gar nicht entscheiden können, sich mit dem Thema auseinandersetzen zu wollen. Betroffene müssen sich, oft ein Leben lang, mit diesem Thema auseinandersetzen. Das wurde uns auch immer wieder von Neuem sehr deutlich, weil wir uns während dieser Studie immer intensiv von Betroffenen begleiten und beraten ließen.“

Die zentrale Herausforderung für die Wissenschaftler geht für Kessl mit der Frage einher: Wie verhalten wir uns zum Thema? Mit Belastung könne man umgehen, da gäbe es Unterstützung und Austausch. Aber man müsse eine eigene Position finden. Er fühle dabei eine Verpflichtung als Wissenschaftler. „Ich möchte, dass die Gesellschaft aufgeklärt wird über die Logiken von solchen Gewaltkonstellationen. Ich tue das auch, weil ich glaube, Wissenschaft kann zu Veränderung beitragen.“

Handlungsempfehlungen

Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, hat den Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche im Augst 2023 als unzureichend kritisiert. „Noch immer gibt es auch regional Regelungen, wonach Betroffene, die Anerkennungszahlungen beantragen, nicht nur die Taten plausibel machen, sondern auch das institutionelle Versagen nachweisen sollen", sagte sie der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Erste Handlungsempfehlungen des Expertenteams bietet die Studie auch, so Kessl: „Wir haben Handlungsempfehlungen formuliert, die allerdings nicht so detailliert sind, wie Empfehlungen einer Untersuchungskommission im parlamentarischen Bereich.“

Das habe damit zu tun, dass das Team auf die gesamte EKD mit 20 Landeskirchen geschaut habe und es natürlich extreme Unterschiede zwischen den Landeskirchen sowie auch innerhalb der Landeskirchen gäbe. Eine dieser Empfehlungen sei die, dass sich die Evangelische Kirche externe Unterstützung auf unterschiedlichen Ebenen holen müsse. Zum Beispiel würden manche Betroffene nicht mehr mit Kirche in Kontakt sein wollen, was Zugänge zu außerkirchlichen Unterstützungsstrukturen erforderlich mache. Auch sei die Kirche, was die Qualifikationen angehe, auf Unterstützung angewiesen, eingedenk der Tatsache, dass sie sich historisch erst seit ungefähr 2018 explizit mit dem Thema auseinandersetze. Insofern fehle es auch schlicht an Erfahrung und Wissen.

Und last but not least müsse die Unabhängigkeit der Anerkennungskommissionen, die über die Entschädigungszahlungen auf Ebene der Landeskirchen entscheiden, gewährleistet sein. Diese gelte es im Weiteren auch quer zu den Landeskirchen mit tragfähigen Standards zu versorgen. Darüber hinaus sei eine unabhängige Ombudsstelle als Anlaufstelle für Betroffene vonnöten.

Bei allen Empfehlungen ist Kessl vor allem eines wichtig: „Es muss in allen Auseinandersetzungen gewährleistet sein, dass Betroffene strukturell beteiligt werden, systematisch beteiligt werden und zwar nicht nach dem Gusto von Kirche und Diakonie, das heißt, der Beteiligungsprozess muss so gestaltet sein, dass auch, wenn die Betroffenen aus Sicht der Kirche anstrengende Forderungen formulieren, wenn sie nachhaken und hartnäckig bleiben, der Beteiligungsprozess auf allen Ebenen gegeben ist.“

Die Praxis der Aufarbeitung

Prof. Dr. Martin Wazlawik von der Hochschule Hannover, Koordinator und Sprecher des Forschungsverbundes, sagt: „Die evangelische Kirche und die Diakonie stehen erst am Anfang ihrer Beschäftigung mit der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt.“ Dieser Prozess muss nun beginnen, sonst kommen Erkenntnisse und Empfehlungen dieser Studie auch nicht über den Papierstatus hinaus.

„Wir haben uns in unserem Teilprojekt, das ja hier an der Bergischen Universität gemeinsam mit der FH Potsdam verwirklicht wurde, mit der Praxis der Aufarbeitung selbst beschäftigt“, sagt Kessl. „Wir hatten die These, dass nach 2010 bereits Fälle aufgearbeitet wurden. Das konnten wir aber so gar nicht finden. In den Fällen – wir haben evangelische Kindertagesstätten und Kirchengemeinden untersucht - müssen wir feststellen, dass es in nur einem Gemeindefall überhaupt erst erste Schritte zur Aufarbeitung gibt. In allen anderen Fällen kam es noch gar nicht dazu. Allein auf dieser Ebene ist der empirische Befund deutlich: Die Kirche steht noch sehr am Anfang.“

Was jetzt geschehen müsse, sei eine Auseinandersetzung in Kirche und Diakonie, mit und in Gesellschaft. „Das meint eine umfassende Auseinandersetzung, die theologische und pädagogische Dimensionen hat. Was Aufarbeitung heißt, wie sie umgesetzt werden muss, ist von Landeskirche zu Landeskirche, von Kirchenkreis zu Kirchenkreis, von Gemeinde zu Gemeinde, von Kita zu Kita usw. durch zu deklinieren“, fasst Kessl zusammen. „Wir Forscher können nun anbieten, dass wir mit unserer Expertise bereitstehen. Aber in der Pflicht sind jetzt die Kirchen und die Diakonie.“