"Auf ein Bier": Redakteure besuchen Kneipen in Wuppertal

Rundschau-Serie „Auf ein Bier“ : Als es das Bier nur durch die Klappe gab

Die Kneipe Nordpol öffnet seit 1912 – ununterbrochen. Seit 1991 bewirtschaftet Familie Basic die geschichtsträchtigen Räume. Heute gibt es viele alte Geschichten und köstliche Balkanküche.

Ganz früher war der Eingang auf der anderen Seite. Und dort, wo heute die Tür in die gepflegte Gaststätte an der Markomannenstraße 38 führt, ging eine Klappe auf. Dort, und nur dort, durften die Arbeiter aus dem Gründerzeit-Quartier ihr Bier bestellen. Hier, dein Pils, her mit dem Geld, aber komm‘ bloß nicht hinein!

Denn die Gaststätte selbst war der gehobenen Gesellschaft vorbehalten. Der konservative Wirt, der den Nordpol in der unteren Nordstadt führte, hat sich selbst, mit dem Humpen am Hals, in der noch heute erhaltenen Bleiverglasung unsterblich gemacht. Seine Klassentrennung dagegen – längst Geschichte! Das ganze Viertel und seine multikulturellen Bewohner aus allen Schichten saßen nach seiner Zeit nebeneinander am Tresen.

Rudi Basic kennt all die Geschichten. Er weiß von dem benachbarten Konvent, dessen Ordensfrauen in der Kneipe Kindern tagsüber Unterricht gaben. Und von dem Sohn eines Wirtes, der bierselig eine Wette verloren hatte und mitten in der Nacht seine Orgel aus der Wohnung auf die Straße hievte und dort vor den Stammgästen ein spontanes Konzert spielte.

Foto: Rundschau

Sein Vorgänger hat Rudi all diese Geschichten übergeben, genau wie den wunderschönen bronzefarbenen Tresen, einen der ältesten im Tal. Er pflegt beides. Wie ein antikes Schmuckstück glänzt das Lokal, durch seine Historie so symbolisch für diesen Berg – und sein gut erhaltenes Interieur.

Dieses Nordstadtding, zusammen Geschichten erzählen, nebeneinander am Tresen sitzen können, egal woher man kommt, genau das ist es, was Rudi Basic, selbst in den steilen Straßen der Nordstadt groß geworden, so mag.

Während Bleiverglasung und Bronzetresen mit Liebe und Sorgfalt gepflegt werden, weht mit Familie Basic auch ein frischer Wind durch die geschichtsträchtigen Räume. Moderne dezente Dekoration, frische Tulpen und eine Speisekarte mit hervorragenden Balkan-Spezialitäten. Rudis Frau, Neca Basic, macht alles selbst, das ist Ehrensache. Und an den Wochenenden hilft die Tochter, eine Chemiestudentin, die ihre Eltern heute mit einer bestandenen Prüfung stolz strahlen lässt, das Bier unter die Gäste zu bringen.

Übrigens, auch in deren Reihen mischt sich neuer Geist. Studenten schätzen die Kneipe im Ex-Arbeiterviertel, das heute Kultcharakter hat. Und so haben nicht nur pensionierte Oberschullehrer, sondern auch die Erstsemester ihren Spaß auf der hauseigenen Kegelbahn. Und genau das ist wieder Rudis Ding – diese verschiedenen Menschen, die zusammenkommen und friedlich zusammen ein Bierchen trinken.

Wer den Berg bis zur Markomannenstraße erklimmt, um im Nordpol einzukehren, kann dieses besondere Fleckchen Wuppertaler Erde auf eigene Faust entdecken.

Oder aber beim Wuppertal Marketing aus der großen Auswahl der Stadtführungen einen Kneipenbummel über den Ölberg buchen, der genau das vermittelt: Wuppertaler Historie aus der Zeit der Industrialisierung des Tals, Dönekes aus der damals zahlenmäßig explodierenden Arbeiterschaft und die Entwicklung zum multikulturellen Quartier, das heute einen bunten Mix von jung und alt, schlicht und intellektuell widerspiegelt.

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