Bergische Uni Wuppertal Architektur-Studium: Lassen sich die Risse so kitten?

Wuppertal · Die Streichung des Studiengangs an der Bergischen Universität ist vom Tisch, doch Uni-Rektorat und Protestbewegung müssen wieder zueinander finden. Ein Annäherungsversuch im Hörsaal.

So stellt sich Rundschau-Redakteur Tomas Cabanis den Umbau des Architektur-Studiengangs vor: Mithilfe von KI lässt er Michael Müller, Vorstand des BDA Wuppertal, die Leiter halten, auf der Professor Holger Hoffmann einen Riss zuspachelt. Friederike Proff vom BDB rührt Mörtel an, Uni-Prorektorin Susanne Buch kommt mit dem Hammer, SPD-Bundestagsabgeordneter Helge Lindh trägt Steine weg. Professor Christoph Grafe hält einen Balken, sein Kollege Arndt Goldack überprüft die Tragfähigkeit. Architektenkammer-Präsidentin Katja Domschky fegt schon einmal durch, und die Studierenden Anouk Hedemann sowie Anton von der Heyden bauen eine Mauer. Teamarbeit eben.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Tomas Cabanis

Es ist gut möglich, dass viele der Wuppertaler Architekten ihr erstes Gebäude als Kind in einem Sandkasten gebaut haben. Dabei haben sie sicherlich einiges gelernt: Eine Burg hält nur, wenn der Boden darunter fest ist – es braucht also ein gutes Fundament. Und wenn ein anderes Kind kommt und alles zusammenhaut, wird es Streit geben. Doch am Ende sollte man sich wieder vertragen. Das Bittere ist, dass es im Erwachsenenleben oft genau so weiter geht.

Da bauen sich Lehrende und Lernende einen brillanten Architektur-Studiengang, und plötzlich kommt Ende 2025 eine Landesregierung und streicht der Bergischen Universität 4,608 Millionen Euro. Das Unirektorat muss das Kind im Sandkasten spielen, das Burgen einreißt.

Für die Uni-Architekten planen sie sogar einen Komplett-Abriss: Die ursprüngliche Idee ist es, den Architektur-Studiengang in den kommenden sieben Jahren auslaufen zu lassen, die Stellen in Pension gehender Professoren sollen nicht nachbesetzt werden. Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Nach der Hiobsbotschaft folgen Proteste der Fakultät, von Architekten und der Studierendengruppe „fundament.tal“, die beweisen: Wenn der Studiengang ein Gebäude wäre, ist es ziemlich standhaft.

Denn, Ende April folgt die gute Nachricht: Der Studiengang ist gerettet. Das Fundament hat gehalten, doch die Wände haben Risse bekommen. Und auch die Beziehung zwischen Fakultät und Uni-Rektorat ist noch nicht ganz gekittet. Eine Studentin hätte ihren Frust bei Rektorin Birgitta Wolff lautstark zum Ausdruck gebracht, erzählt man sich auf den Fluren.

Nun will man sich wieder vertragen: Auftakt der Versöhnung war jetzt die Podiumsdiskussion „Gerettet? – Architektur in Wuppertal“ im größten Hörsaal des Campus Haspel, wo der betroffene Studiengang gelehrt wird. Holger Hoffmann, Professor für Darstellungsmethodik und Entwerfen, nennt die Veranstaltung „einen ersten zarten Versuch“, wieder zusammenzukommen.

Dort ging es um die Aufarbeitung der vergangenen Monate und vor allem um die Zukunft des Studiums. Damit der Umbau nicht zum Luftschloss wird, haben die Beteiligten ein erstes Konzept erarbeitet, was laut Susanne Buch, Prorektorin für Studium und Lehre, „nicht einfach“ war. Ziel ist es, einen kammerfähigen Studiengang anzubieten. Die Rundschau stellt die wichtigsten „Bausteine“ innerhalb und außerhalb des Konzepts für die Zukunft vor:

Baustein Nr. 1: Verbesserung der Kommunikation

Von den inzwischen verworfenen Plänen, den Studiengang zu schließen, erfahren Studierende und die Architektur-Branche zuerst aus der Presse: Für viele war es ein „Schock“, wie etwa Friederike Proff vom Bund Deutscher Baumeister (BDB) und Katja Domschky, Präsidentin der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, berichten. „Mein erster Gedanke war: Wie abstrus ist das, dass ein Studiengang, der so ein Alleinstellungsmerkmal hat, gestrichen werden sollte?“, berichtet Domschky bei der Podiumsdiskussion.

Die Universität lässt sich zwei Monate Zeit, bis sich Rektorin Birgitta Wolff öffentlich äußert. Das Ende des Schweigens kommt zu dem Zeitpunkt, an dem das Land die Kürzungen für die Universitäten im Haushalt festzurrt. Davor sei vieles unklar gewesen, rechtfertigt Susanne Buch, Prorektorin für Studium und Lehre der Uni, das Innehalten: „Wie gut es da war, dass manche Dinge sehr früh in die Öffentlichkeit kolportiert wurden, weiß ich nicht“, sagt sie.

Das Rektorat hätte sich damals entschieden, nichts zu kommentieren: „Wir haben das über uns ergehen lassen, was von außen kam“. SPD-Bundestagsabgeordneter Helge Lindh erzählt am Abend, dass sich Birgitta Wolff über die Proteste gefreut habe, da dadurch die Folgen der Landeskürzungen deutlich würden.

Das Schweigen sorgt für Kritik. Michael Müller, Vorstand des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Wuppertal, erinnert sich: Mit der Universität zu kommunizieren, sei die „größte Schwierigkeit“ gewesen. Man hätte gucken müssen, wo der nächste Wettkampf ausgetragen werde und dass man niemanden auf die Füße trete. Friederike Proff bilanziert, dass man eher übereinander als miteinander geredet habe. „Das hat sich nun geändert“, sagt sie.

Doch die Studierenden Anouk Hedemann und Anton von der Heyden bemängeln weiterhin, dass für die Studierenden vieles im Unklaren ist. Man wisse nicht, wie das neue Konzept aussehe. Von der Heyden, der Fachschafts-Vorsitzender ist, berichtet zwar, dass sie manchmal mehr wüssten, allerdings sei es nicht ihre Aufgabe, die Kommunikation für die Universität zu übernehmen. „Es ist eine Rettung, die von der Uni-Seite nicht richtig kommuniziert wurde“, sagt er.

Doch was schiefläuft, kann korrigiert werden, sind sich die Beteiligten einig. Abschließender Tenor zu diesem Thema: Wir lernen daraus und wollen es beim nächsten Mal besser machen.

Baustein Nr. 2: Stiftungsprofessur

Professorin Susanne Gross hört im kommenden Semester auf. Ihr Kollege Karsten Voss folgt ihr 2027. Vier weitere der derzeit zwölf Lehrenden werden sich in den folgenden Jahren in die Pension verabschieden. Diese Stellen sollen laut Konzept nicht mehr nachbesetzt werden. Doch „ein i-Tüpfelchen“ – wie es Arndt Goldack, Professor für Tragkonstruktionen, Baustatik und Baudynamik, nennt – soll es trotzdem geben: eine Stiftungsprofessur. Die Stelle ist auf zwischen fünf und zehn Jahre befristet und wird durch einen Stifter finanziert.

Derzeit gibt es an der Universität eine ähnliche Stelle in den Wirtschaftswissenschaften. Das Geld für die weitere Professur ist allerdings noch nicht da. Die Beteiligten werben dafür. Nicht jedoch die zwei Studierenden bei der Diskussion, die Bedenken äußern, dass dadurch die Lehre privatisiert werde. Susanne Buch widerspricht: Die Geldgeber stimmten nur das Oberthema ab, hätten sonst keinen Einfluss.

Baustein Nr. 3: Kooperation mit Bauingenieurwesen sowie Kunst und Design

Studierende sollen zukünftig Kurse im Bauingenieurwesen oder in der Fakultät für Design und Kunst absolvieren, um das minimierte Angebot in der Architektur zu kompensieren. Vorgesehen ist, dass ein Drittel aller gesammelten Punkte in den neuen Bereichen erworben werden sollen. Dass dadurch „Leuchttürme in der Architektur“ vermisst würden, sei schlecht, allerdings werde sich auch einiges verbessern, sagt Holger Hoffmann.

Die wichtigste Aufgabe sei es zusammenzuarbeiten. Das könne der Universität gelingen, machte Susanne Buch klar. „Viele kennen sich“, sagt sie. Zudem sei eine Transformation eines Studiengangs „normal“. Dinge, die etwa derzeit nicht gut laufen, könne man jetzt besser machen. So sehen es fast alle bei der Podiumsdiskussion: Es ist eine Chance.

Zwar ist der Umbau erst am Anfang, doch die Zeichen stehen nicht schlecht: Alle Beteiligten wollen den Studiengang retten und fit für die Zukunft machen. Sie sind nun dessen Architekten.