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175 Jahre Naturwissenschaftlicher Verein Wuppertal: Zeugen und Anwälte

175 Jahre Naturwissenschaftlicher Verein : 190 Zeugen und Anwälte der Natur

1846, bereits 40 Jahre bevor das Auto erfunden wurde, gründete Johann Carl Fuhlrott den „Naturwissenschaftlichen Verein von Elberfeld und Barmen“, der heute Naturwissenschaftlicher Verein Wuppertal heißt. Die Mitglieder beobachten Flora und Flora unserer Stadt – dokumentieren, was um uns herum war, ist und zu erwarten ist. Seit 175 Jahren.

Der Eskesberg ist ein gutes Beispiel für außergewöhnliche Entwicklungen in Wuppertal. 2004 wurde der ehemalige Steinbruch, der nach seiner Stilllegung als Mülldeponie aufgefüllt wurde, renaturiert. Erst spannte man eine Folie über die Vergangenheit, dann trug man Mutterboden auf. Nicht sichtbar liegt hier also, unter Tonnen von Erde, ein menschengemachter, hauchdünner, aber wesentlicher Einschnitt in das Klima des Berges. Die Mitglieder des Naturwissenschaftlichen Vereins schauten genau hin: Wie entwickelt sich die Natur, wenn Grundwasser nicht absickert, Wärme sich staut? „Eine einzigartige Biodiversität entsteht“, sagt Wolf Stieglitz. Der Naturwissenschaftliche Verein hat das seit 2005 ausgewiesene Naturschutzgebiet kartiert, seine Bewohner bestimmt und gezählt. Und seinen Reichtum an Pflanzen, zum Beispiel seltenste Orchideenarten, Wildbienen und anderen Insekten festgehalten.

Immer wenn sich in Wuppertals Natur etwas verändert, sehen die Mitglieder des Vereins genau hin und dokumentieren den Wandel. Wolf Stieglitz ist seit fast 50 Jahren mit dabei. 1974 kam der Apotheker aus Süddeutschland nach Wuppertal. Zunächst fremdelte er mit der Stadt. Im Naturwissenschaftlichen Verein, mit dem er die grünen Wiesen und Wälder um die steil bebauten Hänge entdeckte, fand er schließlich Heimat. „Und auf unseren Exkursionen gehen wir nicht nur mit geneigtem Kopf spazieren“, sagt Stieglitz, der sich seit 1980 im Vorstand engagiert. Mit Gleichgesinnten Freundschaft schließen: Das war für ihn und seine Frau der große Schatz, den sie neben seltenen Pflanzen auf den Ausflügen fanden.

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Unterteilt ist der Verein in Sektionen, quasi Interessengruppen. Die Gruppen für Botanik, Entomologie (Insektenkunde), Geologie, Mikroskopie, Mykologie (Pilzkunde), Ornithologie (Vogelkunde) gehen gemeinsam auf Exkursion, veranstalten Vorträge. Bei großen Projekten, wie eben am Eskesberg, arbeiten sie Hand in Hand.

Finden die Laien und Experten etwas, das sie für besonders schützenswert halten, treten sie nicht nur als Zeuge, sondern auch als Anwalt der Natur auf. Die Zauneidechse vertraten sie neun Jahre lang. Das Reptil, das international immer seltener vorkommt, fanden sie auf dem stillgelegten Bahngelände in Vohwinkel. Von 2009 bis 2016 engagierte sich der Verein dafür, dass neue Habitate geschaffen wurden und die seltene Echse im Bergischen Überlebungschancen hat.

Aber längst nicht jede Veränderung lässt sich aufhalten. In den fast 50 Jahren, in denen Wolf Stieglitz sich engagiert, habe sich die Natur stark verändert. Nicht das Vorkommen der Arten an sich, aber ihre Häufigkeit. „Je weniger unbebaute Flächen es gibt, desto stärker zieht sich die Natur zurück“, sagt Stieglitz.

Auch die Zahl der engagierten Naturfreunde im Verein ist rückläufig. Zählte der Verein in den 90er Jahren über 400, sind es heute noch 190 Mitglieder. Wird die Sehnsucht zur Natur, die auch bei der jungen Generation aufkommt, vielleicht neues Interesse auch für den Naturwissenschaftlichen Verein wecken? „Ich glaube, dass es jungen Menschen schwerfällt, sich in Vereinen zu binden“, sagt Stieglitz.

Zum Jubiläum wünscht er sich natürlich auch neue Mitglieder. „Aber allein, dass der Verein gesehen und wahrgenommen wird, ist ein schönes Geschenk.“