Leserbrief „Das bedeutet Verdrängung“

Betr.: Gehwegparken / Parken in der Nordstadt

So wie hier in der Ottostraße ist der Parkraum an vielen Stellen in der Stadt knapp.

So wie hier in der Ottostraße ist der Parkraum an vielen Stellen in der Stadt knapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau

Warum wird nicht darüber diskutiert, dass die größten Erzeuger von Kohlendioxid eine bestimmte gesellschaftliche Schicht darstellen? Die wohnt in Wuppertaler Stadtvierteln, wo es egal ist, ob ein Auto am Straßenrand oder auf irgendeinem Bürgersteig parkt. Da ist es auch egal, ob ich zwei, drei oder noch mehr Autos besitze. Ich kann diese in der Regel auf meinem eigenen Grundstück abstellen. Da hagelt es keine „Knöllchen“ und Auflagen.

Wenn ich das Pech habe, in einem Stadtviertel zu wohnen wie dem Ölberg, weil ich mir keine andere Wohnung leisten kann oder will, und dann auch noch ein Fahrzeug besitze, werde ich zusätzlich bestraft. Egal wie nachhaltig ich ansonsten mein Leben gestalte. Es gibt keine Lösung vorab wie ein kostenfreies Parkhaus für die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels. Selbst ein kostenfreier ÖPNV kann da nicht weiterhelfen. Die Menschen, die hier bisher wohnen, haben halt keine politische Lobby in dieser Stadt und anderswo.

Wer glaubt, dass Fahrradfahren eine super Alternative ist kann sich ja mal angucken, wie stark die Fahrradbügel genutzt werden – oder ob die Fahrradparkhäuser wirklich komplett ausgelastet sind. Für Menschen, die für ihren prekär bezahlten Job auf ein Auto angewiesen sind, ist Car-Sharing ebenso keine Alternative. Mal abgesehen davon, fordert meines Wissens kein Mensch von den Bewohnerinnen und Bewohner des Zoo-Viertels, Briller Viertels oder des Toelleturms, auf Car-Sharing und Fahrradfahren umzusteigen.

In der Nordstadt wohnen zum Beispiel Pizzataxifahrer oder andere Kleinverdiener (Rentner mit geringem Einkommen), die auf ihr Auto angewiesen sind. Abgesehen davon war ich selber alleinerziehend auf ein Auto angewiesen, um mein Kleinkind zum Eckbusch zur Tagesmutter zu bringen und um 8 Uhr morgens auf meiner Arbeitsstelle in Wichlinghausen zu sein. Nachmittags dann das ganze Spiel rückwärts. Ohne Auto hätte ich das zeitlich gar nicht geschafft.

Außerdem möchte und kann vielleicht nicht jede Bewohnerin bzw. jeder Bewohner mit Gepäck, Kleinkindern, gehbehinderten Menschen mehrere Hundert Meter zurücklegen, um zu irgendeinem Quartiersparkhaus zu gelangen. Was es zum jetzigen Zeitpunkt eh noch gar nicht gibt oder in Planung ist.

Der Wocheneinkauf muss dann später noch zurückgeschleppt werden, falls ich mir keinen hippen Lieferdienst leisten kann. Und bezahlt werden muss dieser „Ersatzparkraum“ ja auch irgendwie von den Bewohnerinnen und Bewohner. Nicht jede bzw. jeder ist in der Lage, sein Auto abzuschaffen (aus individuellen und sehr persönlichen Gründen). Fordert man das eigentlich auch von den ganzen Einfamilienhaus- und Eigentumswohnungsbesitzerinnen und -besitzer, die stadtnah wohnen?

Das bedeutet Verdrängung für all jene, die es sich nicht mehr leisten können, in diesem Viertel zu wohnen, unter anderem, weil sie auch keine teuren Privatparkplätze oder Parkhausplätze bezahlen können. Eine „woke“ Elite wird dann aber bestimmt gerne ihren Platz einnehmen und die Mieten weiter nach oben treiben.

Für mich geht diese ganze Diskussion an den Betroffenen vorbei. Dazu müssten die politischen Entscheidungsträger auch mal mehrsprachige Informationen verteilen und sich der wirklichen Bedürfnisse und Nöte aller Bewohnerinnen und Bewohner annehmen, anstatt Verbote auszusprechen, ohne (echte) Alternativen anzubieten.

Anna Kemper

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