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Nachwuchs und Finanzen: Wuppertaler Traditionschöre unter Druck

Nachwuchs und Finanzen : Wuppertaler Traditionschöre unter Druck

Beide sind Aushängeschilder der Wupppertaler Chorlandschaft. Doch momentan kämpfen die Wuppertaler Kurrende und die Kantorei Barmen-Gemarke mit großen Problemen. Für die Barmer könnten Forderungen der Rentenversicherung sogar existenzgefährdend werden.

Wie bei vielen anderen Gesangsensembles spielt natürlich die Pandemie eine gewichtige Rolle. „Die Lage ist in der Tat prekär“, erklärt der musikalische Leiter der Kurrende Markus Teutschbein. Nachwuchs für den bundesweit bekannten Knabenchor zu finden, ist in Zeiten des Lockdowns nun mal schwierig bis unmöglich.

Castings fielen den Beschränkungen ebenso zum Opfer wie Besuche von Grundschulen, mit denen ansonsten junge Stimmen angeworben werden. Dabei ist jeder Jahrgang wichtig. „In der Regel sind unsere Jungen nur drei Jahre im Konzertchor, wenn da ein Jahr lang fast alle Aufführungen ausfallen, ist das unwiederbringlich verloren“, bedauert Teutschbein. Dennoch sieht er die Zukunft des führenden Knabenchors der Kirche im Rheinland nicht bedroht: „Es gibt sehr viele Kinderchöre, in denen sich Knaben aber in diesem Alter nicht wohlfühlen – die bleiben da lieber unter sich“, schmunzelt Teutschbein, der schließlich auch mit den sportlichen Angeboten im Kurrendeheim punkten kann.

Die Nachwuchssuche wird Teutschbein allerdings zukünftig mit einem neuen Manager angehen. „Von Manager Jonathan Wahl haben wir uns getrennt“, bestätigt der Kurrende-Vorsitzende Olaf Rosier. „Die momentane Situation ist brutal“, räumt der Vorsitzende ein, betont aber, die Rahmenbedingungen der Corona-Krise hätten bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt. Die Suche nach einem Nachfolger läuft bereits, Ende des Monats endet die Bewerbungsfrist. Rosier ist angesichts der bisherigen Eingänge zuversichtlich, dass man die Stelle adäquat besetzen kann.

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 Musikalisch freut sich die Kurrende, dass man in diesen Tagen immerhin einige kleine Auftritte arrangieren konnte. So sind zwölf Kurrendaner am Samstag (20. März 2021) um 11 Uhr beim WDR-Fernsehgottesdienst zu sehen, wenn Manfred Rekowski, Präses der evangelischen Landeskirche, sein Amt an Thorsten Latzel übergeben wird. Und schon an diesem Sonntag ist ein achtköpfiges Ensemble in einem Livestream-Kantate-Gottesdienst zu sehen und zu hören – in der Immanuelskirche auf Einladung der Kantorei Barmen-Gemarke, die diese Reihe mit wechselnden Gästen veranstaltet und auf ihrer Homepage anbietet.

Apropos Kantorei: Dort tut sich neben den allgemeinen Corona-bedingten Einschränkungen ein weiteres großes Problemfeld auf. Als Ergebnis einer Betriebsprüfung flatterte dem renommierten Chor ein Bescheid über nachzuzahlende Rentenversicherungsbeiträge ins Haus. In Medienberichten ist die Rede von 48.000 Euro für die Jahre 2016 bis Ende 2019, ein Betrag, den der Kantorei-Vorsitzende Arno Gerlach weder bestätigen noch dementieren will. Doch er räumt ein: „Sollte die Forderung Bestand haben, so wäre die Lage für uns existenzbedrohend.“

Hintergrund der Forderungen ist die Tätigkeit des früheren langjährigen Chorleiters, die bereits bei einer Prüfung der Jahre 2010 bis 2015 zu einer hohen Nachzahlung geführt hatten. „Nachdem ich 2014 den Vorsitz übernommen habe, wurden umfängliche Satzungs- und Vertragsänderungen vorgenommen“, erklärt Gerlach. Die von der Rentenversicherung dennoch aufgeführten Belege für eine „Scheinselbstständigkeit“ des Chorleiters, der die Kantorei 2017 verließ, seien völlig haltlos.

Ein Beispiel von vielen: Es fehle eine eigene Betriebsstätte: „Sollte der Mann uns etwa in seinem Wohnzimmer zur Probe einladen?“ Für ihre Stellungnahme hat sich die Kantorei anwaltlicher Hilfe versichert und hofft auf einen Änderungsbescheid. „Wir sind alle Ehrenamtler, die einzige Honorarkraft ist der Chorleiter und kein Konzert, das wir durchführen, ist kostendeckend. Vor diesem Hintergrund bedroht das bundesweit zu beobachtende Vorgehen der Rentenversicherung einen wichtigen Teil der deutschen Kulturlandschaft“, fasst Gerlach zusammen. Der Bundesverband der deutschen Konzertchöre VDKC jedenfalls beobachte das Geschehen mit großer Sorge und auch Gerlach mahnt alle Chöre, sich dem Thema „mögliche Scheinselbstständigkeit“ zu widmen, um böse Überraschungen auszuschließen.