1. Kultur

Tanztheater: Wuppertal mit „Ectopia“-Uraufführung in Leverkusen

Tanztheater: „Ectopia“-Uraufführung : Rot wie Blut, sinnlich wie selten

Acht Mitglieder des Wuppertaler Tanztheaters beeindrucken mit der Uraufführung von Richard Siegals Choreographie „Ectopia“ im Forum Leverkusen als Opernhaus-Ausweich-Exil.

Was man zuallererst sieht während dieser anderthalbstündigen Performance, ist das Bühnenbild – die in schattig-gedimmtes Licht getauchte Monumentalskulptur „Shooting into the Corner“ des Bildhauers Anish Kapoor. Eine Kanone links, vier Munitionsstapel rechts, geradeaus die Ecke, in die bereits zahllose mit einer roten Wachs-Emulsion gefüllte eimergroße Patronen geschossen wurden. Wände und Boden bedeckt mit roter Farbe – wie Blut. Dreimal wird die Kanone bei „Ectopia“ live zum Einsatz kommen: Die Bühne wird immer mehr zur „blutigen“ Gleitbahn.

Eine tänzerische Herausforderung, und eine Chance, sich streckenweise auf atemberaubende Weise fast wie schwebend zu bewegen – für Dean Biosca, Naomi Brito, Maria Giovanna Delle Donne, Taylor Drury, Alexander Lopez Guerra, Azusa Seyama, Oleg Stepanov und Tsai-Wei Tien.

Das Licht (Matthias Singer) bleibt allem Wechsel zum Trotz stets düster, die trance-elektrische Musik von „Alva Noto“ (alias Carsten Nikolai) schafft einen raumfüllenden Klang-Dom, der einen als Zuschauer immer einmal wieder fast von Kopf bis Fuß vibrieren lässt. „Ectopia“ – eine Mischung aus Endzeit-Szenario und Videogame-Ästhetik – ist reine Körperlichkeit. Faszinierend getanzt von einem Ensemble, das im Solo, in Duetten oder auch Gruppenbildern Menschen in ihrer Einsamkeit, ihren Versuchen der Annäherung, ihren ganz kleinen Berührungen wie unter einem Brennglas zeigt.

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Die Kostüme, die Choreograph Richard Siegal selbst entworfen hat, lassen an (Shaolin-)Kampfsport denken, entwerfen eine Welt, die an mythische Bilder von Kriegern und Kriegerinnen erinnert. Ihre streckenweise intensiv-sinnliche Körperbeherrschung fasziniert. Vor allem dann, wenn einzelne Laute der Klangwelt exakt mit der Bewegung einzelner Muskeln und Sehnen korrespondieren. Das könnte roboterhaft wirken, tut es hier aber gar nicht. Im Gegenteil: Viele Teile der „Ectopia“-Choreographie sind Bilder, auf die das Adjektiv „pflanzlich“ passt. Organisches Sich-Bewegen in Zeitlupe.

Wo und wann „Ectopia“ spielt, bleibt rätselhaft. Unter der Erde? In einem zerstörten Teil der Welt? Auf einem anderen Planeten? Nach der endgültigen Katastrophe? Allein in unserem Kopf? Oder doch einfach irgendwo draußen, irgendwo außerhalb – weil die griechische Vorsilbe „ekto“ außen und außerhalb bedeutet? So viele Fragen ...

Die Choreographie läuft nach etwa einer Stunde einen Moment lang Gefahr, zu ermüden – und dann verlässt Oleg Stepanov seinen Platz hinter der Farbkanone, steigt auf diese seltsame Waffe. Für die nun folgende letzte halbe Stunde nimmt „Ectopia“ wieder Fahrt auf, setzt mit einem aufsehenerregenden Solo von Naomi Brito ein Ausrufezeichen – und endet in überraschender Plötzlichkeit.

Nie fällt ein einziges Wort. Ganz anders als bei Pina Bausch. Männer und Frauen aber umkreisen sich stets, erreichen einander jedoch nie wirklich. Ganz wie bei Pina Bausch.

Die Kooperation mit Richard Siegal ist ein beeindruckendes Tanz- theater-Experiment. Eine Expedition nach „Ectopia“, die Draußen-(oder doch Drinnen?)Welt. Und bei einer Expedition weiß niemand, (bis) wohin man kommt, was und wen man findet, und wie verändert man zurückkommt. Wenn man zurückkommt.

Fest steht: Wer dabei war, hat ein großes Stück der Zukunft des Wuppertaler Tanztheaters gesehen.