„Richard III.“ in Wuppertal - 190 Minuten und kein Platz für Liebe

„Richard III.“ im Theater am Engelsgarten : 190 Minuten – und kein Platz für Liebe

Das Wuppertaler Schauspiel traut sich Shakespeares „Richard III.“ zu – und liefert in der Inszenierung von Henri Hüster eine abstrus-abstrakte Über-drei-Stunden-Schlacht der Worte, Bilder und Emotionen.

Kleiner Raum, kleines Ensemble, großes altes Königsdrama: In genial auf zwei mobile bluttriefende Gerüstbauwände reduziertem Bühnenbild (Hanna Rode), umspült von morbid-düsteren Elektronik-Musikblöcken agieren elf Schauspieler in teilweise mehrfach besetzten Rollen – gekleidet in stützstrumpffarbene asexuelle Ganzkörperkondomkostüme (ebenfalls Hanna Rode). Marionettenhaft bewegen sie sich oft, teilweise wie unter Techno-Dance-Drogen, die Köpfe künstlich kahl.

Ein paar verfilzte Perücken, ein paar Kleidungsstücke, ein paar Schwerter, blutige lebensgroße Stoffleichenpuppen, und eine aus Trump-gelben, vergilbten Zotteln zusammengekämmte Königskrone – das war‘s.

Und doch geht es gerade nur um diese Krone. „Richard III.“ (geschrieben 1592) zeigt den brutalen Weg Richards, des Herzogs von Gloucester, zur Macht. Und wie er dabei alles aus dem Weg räumt, was ihn behindert – zwei kleine Kinder sowie mehr oder weniger die komplette Verwandtschaft.

Thomas Braus (wer sonst?) liefert diesen Richard, den an Körper und Seele hässlichen Machtmenschen – hohläugig, hinkend, schmeichelnd und lügend trägt er die finstere Seele des bitteren Königs sichtbar im Gesicht. Alle verrät er, Freunde kennt er nicht. Liebe? Fehlanzeige. 190 Minuten lang.

Das gewaltige Shakespeare-Textgebirge bewältigt der Schauspieler-Intendant immer intensiv, säuselt die Worte, spuckt sie, beherrscht mit seiner fast anfassbaren Körperlichkeit die Bühne. Aber er macht das Stück ja nicht allein. Miko Geza etwa, wenn er (nur durch ein Ohrgehänge als Frauenrolle erkennbar) die düstere Flüche ausstoßende Ex-Königin Margaret gibt: Da ist ein Altmeister am Werk – das macht Gänsehaut.

Stark auch Julia Wolff in der Verzweiflung der Großmutter der möglichen Thronanwärter, die Richard im Tower ermorden lässt. Oder Lena Vogt als Chefintrigant Buckingham, der Richards Weg mitgeht, ebnet, möglich macht – und als er angesichts des Kinderdoppelmordes Skrupel bekommt, hingerichtet wird, als wär’ er auch nur ein Statist im bösen Plan des hasserfüllten Dreckskerls Richard. Nicht zu vergessen: Julia Reznik mit Blutgesicht und „unschuldigem“ Brautkleid. Als wütende Witwe des Richard-Vorgängers folgt sie dem von Liebe labernden Fake-Amor doch ins frisch gemachte Machthaberbett. Die Chance, ihn zu töten, hätte sie. Aber nicht den Mut. Sie wird es bereuen.

Leider hat das Stück auch schwache Phasen. Wenn allzu viele Verwandtschaftslinien und das ununterbrochene gegenseitige Ermorden während der endlosen Rosenkriege zwischen den damaligen Adelshäusern Lancaster und York aufgedröselt werden müssen, wird das Ganze arg langatmig. Da einiges zu streichen, wäre nicht die schlechteste Idee gewesen. Denn fest steht sowieso: Niemand hat eine weiße Weste, alle haben Leichen im Keller, good guys gibt es nicht. Auch nicht bei den Frauen. Die haben zwar noch wenigstens ihre Mutterliebe – die nützt ihnen aber auch nichts.

Mit ein paar Lachern hält Hüster dagegen: Die von Richard gedungenen Brudermörder schwadronieren in süddeutschen Dialekten. Das kann man störend oder witzig finden. Aber egal: Wer drüber lacht, dem bleibt’s im Halse stecken, denn gekillt wird trotz Schwäbisch oder Hessisch.

Warum ist dieser schlapp 500 Jahre alte Stoff noch immer nicht abgefrühstückt? Weil er hinter zeitlose Masken schaut. Weil das, was er zeigt, auch heute noch jeden Tag im Frühstücksfernsehen läuft: Despoten, die (durchaus, wie Richard III., vom „Volk“ legitimiert) in der Türkei, den USA und anderswo erbarmungslos ihre Bahnen ziehen. Dabei ihre Länder (so wie Richard III.) nicht etwa in den Frieden führen, sondern ins Verderben. Und wenn in Wuppertal eine in den Union Jack gehüllte Stoffleichenpuppe über die Bühnenmauer fliegt, ist jener Shakespeare-Satz, dass England in großer Gefahr, beinahe schon verloren sei, auch als Brexit-Kommentar zu verstehen.

Den Schlusspunkt setzt ein furioses Finale: Die Bühnenmauern öffnen sich, Thomas Braus‘ Richard hängt hoch zwischen den Eisenstangen, bedeckt mit den Kostümen all seiner Mitspieler, die sich wieder (wie am Anfang) um ihn versammeln, in babylonischen Sprachgewirr durcheinander rezitieren. Der böse König, dessen verfilzte Krone ihm vom Kopf gefallen ist, schreit immer wieder hinein ins Getöse jenes berühmte „Mein Königreich für ein Pferd!“

Es kommt kein Pferd. Anstatt dessen geht das Licht aus. Dann viel Applaus.

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