„Der Sandmann“-Inszenierung Im Treibsand der Seele

Wuppertal · Nicht umsonst ist dieses Stück mit „nach E.T.A. Hoffmann“ gekennzeichnet. Die „Der Sandmann“-Inszenierung von Karsten Dahlem geht sehr frei, sehr modern mit dem Stoff von 1816 um. Und beweist: Wenn es um eine verletzte Seele geht, ist immer alles ganz aktuell.

Sehr stark: Julia Meier als Nathana in „Der Sandmann“. Im Hintergrund von links nach rechts Paula Püschel, Silvia Munzón López und Konstantin Rickert.

Foto: Björn Hickmann

Wie in einem Pina-Bausch-Klassiker beginnt es: Alle sitzen vorn und erzählen davon, was ihnen während der Kindheit die schönsten Gefühle von Sicherheit gab.

Dann fängt die Handlung an – und alle Sicherheit zerbricht. Regisseur Dahlem hat die originalen Geschlechterrollen umgedreht: Aus Hoffmanns Nathanael wird Nathana, aus der „Automatin“ Olimpia der männliche Olimp, aus Bruder Lothar die Schwester Lotte, aus der Verlobten Clara der Verlobte Carl. Das ist ein ganz neuer „Sandmann“. Einer, der mit der Fokussierung auf eine traumatisierte Frau besonders scharf hinsieht.

Das Ergebnis ist von intensiver Stärke: Ganz besonders wegen Julia Meier in der Rolle der Nathana. Nicht eine Sekunde lässt sie das Publikum los – keine Atempause. Fast immer begleitet von der wunderbaren Violinistin Lydia Stettinius.

Was Nathana erlebt (und erlebt hat: Missbrauch und/oder eine satanistische Messe mit ihrem Vater und dem Advokaten Coppelius?), lässt weder ihr noch den anderen Ruhe.

Alte Ängste brechen wieder auf, alte Zerissenheiten zeigen nie verheilte Wunden. Sie kommt immer wieder, die traumatische Erinnerung an den „Sandmann“, der den Kindern die Augen wegnimmt. Nathana kämpft sehr darum, ein gutes Leben (wie sähe das aus?) wiederherzustellen. Gelingen kann es ihr nicht.

Zu weit weg von Lotte (schnoddrig und cool: Paula Püschel), von Carl (verzweifelt: Konstantin Rickert) und ihrer Heile-Welt-Mutter (mal aufgeregt, mal klassisch: Silvia Munzón López) ist sie längst. Dass sie sich dann in den „Automaten“ Olimp verliebt, von dem sie Erlösung, ja Rettung erhofft, gibt ihr den Todesstoß. Diesen kalten und aalglatten Olimp, der herzlos ist, da er kein Herz hat, spielt Kevin Wilke. Der liefert damit einen seiner bisher besten Wuppertaler Auftritte ab.

Dass es etwas undurchschaubar bleibt, woher Olimp eigentlich in die Handlung dieser „Sandmann“-Fassung kommt, ist das einzige Haar in der Suppe.

Die Wuppertaler „Sandmann“-.Inszenierung mischt Modernes in Sachen Video-Technik oder bei Bühne und Kostümen (Claudia Kalinski) mit alten Textstellen von E.T.A. Hoffmann, ohne dass dabei Brüche spürbar würden. Ja, es gibt sogar Platz für einige Lacher. Und viel Raum für Julia Meiers großes Gesangs- und Pianotalent. Zumal am Ende, wenn sie den Song „L’Enfer“ (= die Hölle) des belgischen Hip-Hop- und Electro-Stars Stromae im Nebel performt. Den bitteren Text, der von Einsamkeit, Schuld und Selbstmordgedanken erzählt, ist im Programmheft in deutscher Sprache nachzulesen.

Seelischen Treibsand zeigt dieser nur 95 Minuten lang dauernde Schauspiel-Abend im Opernhaus. Und alle wissen: Wer in Treibsand gerät, ist umso schneller verloren, je stärker man sich gegen das Versinken wehrt.

Gut geht es nicht aus, was sich auf dieser Bühne abspielt. Schließlich gehört ja „Der Sandmann“ auch zu E.T.A Hoffmanns Erzählungs-Zyklus „Nachtstücke“. Aber ganz außergewöhnliches Theater ist das.