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Zwei Wuppertaler mit 17 PS durch Nepal

Top Wuppertal : Zwei Wuppertaler mit 17 PS durch Nepal

Vor zwei Jahren haben Michaela Hagemann und Frank Müller zehn Tage in Suriname im Amazonas-Regenwald verbracht. Ein Urlaub, in dem es selten Strom gab, die „Unterkünfte“ aus Pfahlhütten bestanden und die Flüsse, in denen die Wuppertaler regelmäßig badeten, von Kaimanen, Piranhas und anderem Getier bevölkert wurden. Schlangen, Pfeilgiftfrösche und Vogelspinnen waren ebenfalls tägliche Begleiter. Lässt sich das noch steigern?

Ja, fanden der bekannte Wuppertaler Immobilienmakler und seine Michaela. Und zwar mit einer Motorradtour durch Nepal auf einer vorsintflutlichen, per Hand zusammengeschraubten Royal Enfield. Im Top Magazin schildert das Paar seine abenteuerliche Fahrt durch ein Land, in dem (angeblich) Linksverkehr herrscht und alle anderen Verkehrsteilnehmer beliebig oft wiedergeboren werden …

„Angekommen in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, sind wir zunächst etwas irritiert. Nahezu überall wurde die B7 am Döppersberg neu gebaut (zumindest sahen die Straßen so aus), Bautätigkeiten gab es nirgends, jedoch war auch nichts gesperrt. Ein unbeschreibliches Gedränge, abenteuerlichste Fahrbahnverhältnisse mit badewannentiefen Schlaglöchern und kniehohen Schlammpfützen ließen uns einigermaßen überrascht aus den noch sauberen Motorradklamotten schauen.

Kathmandu liegt auf etwa 1.400 Metern. Wir kommen morgens gegen 11 Uhr an, es ist schön warm. Traumwetter Ende November. Das ändert sich jedoch schlagartig, als die Sonne untergeht. Unsere Unterkunft (der Begriff „Hotel“ wäre wenig sachgerecht) motiviert uns stark, die Schlafsäcke auszupacken, um keinesfalls in körperlichen Kontakt mit dem Bettzeug zu kommen. Bettbezüge gab es häufig nicht. Die Dusche, nebst Wasser, hatte morgens die Umgebungstemperatur von etwa 10 Grad angenommen. Ein Blick aus dem Fenster erdet den deutschen Touristen. Gegenüber steht eine Art Mehrfamilienwohnhaus. Dort gibt es eine Blechhütte vor dem Hause, in dem nach und nach alle etwa 20 Bewohner verschwinden, um die Morgentoilette und alles andere zu erledigen. Ein WC im Haus zu haben (von einer Dusche ganz zu schweigen) ist auch heute dort noch nur einem kleinen, elitären Personenkreis vorbehalten.

Es gibt in Nepal keine Heizungen. Vereinzelt sind in den Unterkünften Kaminöfen vorhanden, die man selbst befeuern kann – so die Theorie. Die erwähnten Nachttemperaturen von 8 bis 10 Grad im November und Dezember werden von erheblicher Luftfeuchtigkeit flankiert. Sobald die Sonne untergeht, ist es kalt, und ab dann wird es feucht oder besser nass. Die Packliste sah pro Person vierfach Unterwäsche etc. vor. Wäscht man die Sachen durch, sind sie am übernächsten Tag ungefähr so nass wie am Tage der Wäsche. Das bereitgestellte Holz brennt natürlich nicht, weil es ebenfalls zu feucht ist.

Wie wir in den nächsten zwei Wochen feststellen sollten, ist der größte Schatz Nepals die Menschlichkeit. Nirgends auf der Welt durften wir bislang eine solche Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit erleben. Nepal gehört wirtschaftlich zu den ärmsten Ländern der Erde. Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft werden leider von keiner Statistik oder Messwerten erfasst. Selbst der Himalaya darf vor den unglaublich liebenswerten Menschen etwas in den Schatten treten.

Mit den zuvor buchbaren Motorrädern hatte ich zunächst ein Problem. Warum soll ich mich zwei Wochen auf eine in Indien manuell zusammengeschraubte, technisch vorsintflutliche Royal Enfield mit 17 PS setzen? In Deutschland fahre ich auch (neben einigen Oldtimern von Tornax und NSU) eine moderne Bajuwarin als GS Adventure. Eine der Enfield-Werbeaussagen ist „made like gun“. Im Rückblick waren die 17 PS jederzeit ausreichend und die Werbeaussage ziemlich zutreffend.

Unsere wunderbare Reise startet zunächst in Richtung des tibetischen Grenzgebietes – also Richtung Himalaya. Dieser zeigt sich jedoch höchst selten, weil die erheblichen Temperaturdifferenzen für einen beständigen Nebel und Dunst sorgten. Am frühen Morgen oder am Abend zeigt uns das höchste Gebirge der Welt gelegentlich sein wunderbares Gesicht. Im Bereich des indischen Grenzgebietes überschneiden sich die asiatische und indische Kontinentalplatte, was vor 200 Millionen Jahren zur Entstehung des Himalaya geführt hat. Noch heute ist das Gebiet stark erbebengefährdet und hat zuletzt im Jahre 2015 unfassbare Zerstörungen erlebt. Experten rechnen damit, dass auf die Region ein Erdbeben zukommt, das erstmals die noch nie gemessene Stärke von über 10,0 erreicht. Vor Ort haben wir die Zerstörungen des letzten Erdbebens im Jahre 2015 noch sehen können. Die bei uns oft zitierten „Trümmerfrauen“ sind dort allgegenwärtig. Im Schutt suchen sie verwendbare Ziegelsteine, schrubben den Zement ab und packen sie in Körbe, um sie zu einer Baustelle zu schleppen.

Vom tibetischen Grenzgebiet geht es hinab in Richtung indische Grenze. Dort durften wir eineinhalb Tage im Chitwan-Nationalpark verbringen – auf etwa 400 Metern Höhe, also 2.600 Meter tiefer als zuvor. Der Nationalpark ist ein Dschungelgebiet, in dem wilde Elefanten, Panzernashörner, verschiedene Krokodilarten und viele Tiere mehr ihren Lebensraum haben. Am frühen Morgen, im dichten Nebel, sind wir ein paar Kilometer im Einbaum flussabwärts gefahren. Zurück ging es dann zu Fuß durch den Dschungel. Die Sichtungen von Eisvögeln, eines ausgewachsenen Elefantenbullen, eines Panzernashorns und zahlreicher Krokodile sind Reisehighlights.

Die nächste Station ist Budwar, eine alte Handelsstadt im indischen Grenzgebiet. Die Anzahl der Touristen oder Europäer dort dürfte ungefähr bei Null liegen. Man fühlt sich ein wenig wie im Zoo, nur auf der falschen Seite der Glasscheibe. Die Lebensbedingungen sind sehr hart dort. Die Menschen versuchen mit dem, was sie im Garten anbauen können, zu überleben und den Überschuss zu verkaufen. Die Straßen sind mehrheitlich unbefestigt, was zu einer irrwitzigen Staubbelastung in der Luft führt. Sämtliche der vielen aus Indien kommenden Lkw blasen riesige schwarze Abgaswolken in die Luft. Auch eine Dusche am Abend ist ziemlich sinnlos. Nach dem Abtrocknen ist das Handtuch sofort kohlrabenschwarz.

Von dort geht es am nächsten Tag nach Lumbini, dem Geburtsort Buddhas, der zugleich Teil des Unesco-Weltkulturerbes und der Pilgerort für Buddhisten ist. Das Gefühl, die Straßen seien katastrophal, ist überraschenderweise noch deutlich steigerungsfähig. Nach drei Stunden durch schwarze Abgaswolken und sichtbehindernde Staubmengen besichtigten wir Buddhas Geburtsstätte und den „Baum der Erkenntnis“, an dem Buddha den Ortsansässigen zufolge vom Mensch zur Gottheit wurde. Zudem stehen in Lumbini 64 (!) Tempel verschiedener Nationen, in deren Architektur und Gestaltung sich die unterschiedlichen Interpretationen des Buddhismus wiederfinden. Die Buddhisten aus Deutschland haben hier einen beeindruckenden Tempel errichtet. Die Existenz des Leidens war eine der wesentlichen frühen Erkenntnisse Buddhas, die auf dem Rückweg angesichts des Drecks und der Straßenverhältnisse wieder erlebbar wird.

Weiter ging es, unterbrochen von einer Outdoornacht an einem Fluss im Nirgendwo (angeblich tiger- und krokodilfrei), nach Pokhara. Zu unserer großen Überraschung ist dieser Teil Nepals ziemlich touristisch, und der dortige Phewa-See versprüht ein wenig Titisee-Atmosphäre, nur eben auf asiatisch. Das heißt jedoch nicht, dass es dort „gemütlich“ ist – zumindest nicht am Abend. Bei den gewohnten 10 Grad sitzen die asiatischen Kinder im Schneeanzug und mit Pudelmütze im Restaurant beim Essen. Wir vermissen am 6. Dezember den Glühwein …

Die vorletzte Unterkunft liegt wieder in den Bergen. Das Dorf gilt als „autofrei“. Das ist jedoch eher einer abenteuerlichen Topographie geschuldet als fehlenden Umweltplaketten. Mit unserem Gepäck müssen wir die letzten zwei Kilometer über Trampelpfade zum recht hübschen Quartier laufen. Ein Junge lamentiert, die Dorfjugend würde gerne Fußball spielen, was jedoch in Ermangelung eines Balls und fehlender Torwarthandschuhe schwierig wäre. Gegen eine Spende im Gegenwert eines Balles und der erwähnten Handschuhe wird unser Gepäck am nächsten Morgen wieder zu den Motorrädern gebracht. Das letzte Abenteuer auf dem Rückweg nach Kathmandu ist die erneute Überquerung des Tangkot-Passes. Den muss man sich im Hinblick auf Steigungen und Breite in etwa so vorstellen wie die Oberbergische Straße, nur eben 30 oder 40 Kilometer länger. Die Überquerung dauert etwa vier Stunden. Für indische und nepalesische Lkw ist dies die Hauptstrecke in die Millionenstadt Kathmandu. Die Fahrer wohnen – oft mit ihren Familien – in den Lkw und fahren sicher mehr als 16 Stunden täglich. Die Fahrzeuge sind völlig überladen und stoßen atemberaubende Rußwolken aus. Jeder deutsche Polizist oder TÜV-Prüfer würde angesichts der Fahrzeugzustände abends deprimiert eine komplette Kiste „Gorkha-Bier“ benötigen, um in den Schlaf zu kommen. Repariert wird jedes Fahrzeugteil an der Straße, vom Motor über Getriebe bis hin zu Achsen und Stoßdämpfern. Probleme mit der Fahrzeugelektrik sind selten, weil diese ohnehin gar nicht mehr oder nur noch rudimentär vorhanden ist. Überholt wird im Gegenverkehr. Ich meine damit wirklich im Gegenverkehr und nicht nur auf der Fahrbahn des Gegenverkehrs, wenn keiner kommt. Dennoch passiert relativ wenig. Das schönste an der Passstraße ist, sie hinter sich zu haben.

Die vielfältigen Eindrücke und die erstklassige Organisation verdanken wir Stephan Thiemann und Jörg Bär von motorbike- tour.com, an die sich unser herzlicher Dank richtet und die stets mit Rat und Tat zur Seite standen, wenn es nötig war.“