Schüler und Lehrer als Streitschlichter sind keine „Hilfspolizei“

Ronsdorf : Schüler und Lehrer als Streitschlichter: Sie sind keine „Hilfspolizei“

An der Ronsdorfer Gesamtschule gibt es seit 20 Jahren Streitschlichtung, die von ausgebildeten Schülern selbst übernommen wird. Außenstehende denken unweigerlich an persönliche Auseinandersetzungen und körperliche Gewalt. Heute geht es aber vielmehr um die sozialen Medien – und deren Folgen.

Dabei fallen Mädchen weniger oft auf als die Jungen der Schule. Vor allem abends und nachts bauen Schülerinnen und Schüler gerne ihren Frust ab und so kommt es zu beleidigenden Nachrichten, die am nächsten Morgen häufig die Auslöser für Konflikte in den Schülergruppen sind.

Im Schuljahr 1996/97 haben die Mitglieder des Beraterteams der Erich-Fried-Gesamtschule ihr Konzept für ein Schüler-Streitschlichtungsprojekt vorgestellt. Die Initiatoren Jutta Webelsiep, Rolf Schäfer (beide inzwischen im Ruhestand) und Claudius Kopietz ahnten den großen Erfolg ihrer Idee nicht.

Aber Kopietz, der 2021 nach über 40 Dienstjahren die Schule verlassen wird, erlebt die Früchte seiner Arbeit und freut sich, dass die von ihm ausgebildeten Jugendlichen mit viel Professionalität, Engagement und Einfühlungsvermögen manchen Konflikt in eine neue positive Richtung lenken.

Nach dem Grundsatz „Schadenswiedergutmachung hat Vorrang vor Strafe“ werden seit 20 Jahren Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs für die ehrenamtliche Tätigkeit innerhalb der Schule ausgebildet. Das Konzept basiert darauf, dass bei Streitigkeiten beide beteiligten Parteien berechtigte Interessen haben – und dass nicht eine auf Kosten der anderen „gewinnen“ muss. „Denken an die Zeit danach“, erklärt Kopietz den Schlüssel des Schlichtungsgedankens und das Ziel der 40-stündigen Schülerausbildung, der sich begleitende Supervisionen anschließen.

Es gilt, Streitpunkte zu erkennen, professionell am Konflikt zu arbeiten, eigene Standpunkte zu überdenken, Kompromisse zu finden und Konfliktlösungen ohne Niederlage zu erarbeiten.

Die Streitschlichter, die sich nicht etwa als „Hilfspolizei“ der Schule verstehen, verwalten sich selbst: Ihnen steht ein Büro für vertrauliche Gespräche zur Verfügung. Nur bei Bedarf werden Lehrer, Schulleitung, Elternrat oder Eltern zu Rate gezogen.

Im April 2018 wurden sieben neue Streitschlichter ausgebildet. Unter ihnen war Lea Kiese, die schon ein Praktikum beim Gericht absolviert hat und auf ein Jurastudium zielt. „Beruflich kann sich dieses soziale Engagement nur positiv auswirken“, ist Claudius Kopietz überzeugt. Lea Kiese, die den wöchentlichen Aufwand mit zwei Stunden und einer Frühstückspause für Streitgespräche und Nachbereitungen beziffert, hat bemerkt, dass es im Winter mehr Streit als im Sommer gibt, „weil die familiäre Enge größer ist und sich Streit schneller entlädt.“

Celina Weil aus dem elften Jahrgang hat bereits einige Erfahrungen im Bereich der Streitschlichtung gemacht. Sie glaubt, dass ihr diese Ausbildung auch in ihrem Praktikum bei einem Anwalt sehr geholfen hat. Sie weiß, wie sehr persönliche Online-Nachrichten und Cybermobbing verletzen. In Chatgruppen fühlen sich manche Teilnehmer stark und geschützt. Massenangriffe sind wie persönliche, körperliche Angriffe.

Mediator Claudius Kopietz: „Nur durch das Zusammenwirken aller im Schulalltag tätigen Menschen erreichen wir dieses stress- und gewaltfreie Klima, wobei die Streitschlichtung eine ergänzende Maßnahme im Rahmen der Gewaltprävention darstellt und den Arbeitsalltag von Lehrern entlasten kann.“

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