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Wuppertaler Schwebebahn-Liebhaber und sein Abschied vom alten Modell

Letzte Fahrt am Sonntag : Abschied von alter Schwebebahn: „Sie ist ein Kind der Siebziger“

Am Sonntag (26. Mai 2019) schicken die Wuppertaler Stadtwerke Wagen 28 aus der 1972er Generation auf Abschiedsfahrt. Für Schwebebahn-Liebhaber Mike Brüggemann ein trauriger Anlass. Sein Herz hängt einfach an der Bahn mit dem 70er-Jahre-Charme. Als die Bahn im Herbst vergangenen Jahres noch fuhr, war die Rundschau mit ihm einmal gemeinsam durchs Tal unterwegs.

Zuerst ist da dieses Quietschen, das sich unnachgiebig und leicht schrill ins Ohr bohrt. Dann folgt das bekannte Rattern. Und Sekunden später schiebt sie sich langsam aus dem Wendekreis und fährt in die Haltestelle Oberbarmen ein. Dass diese Schwebebahn orange-blau ist, weiß Mike Brüggemann auch ohne hinzusehen. Das erkennt er am Geräusch. Immerhin kennt es der 32-Jährige seit seiner Kindheit. „Das“, sagt Brüggemann und setzt sich in den hinteren Teil des Zugs, „ist sicher ein Vorteil der neuen Reihe, sie ist leiser.“

Was noch etwas kritisch gegenüber der neuen Generation klingt, wird sich auf der Fahrt nach Vohwinkel aber vor allem als ganz große Liebe für jene Baureihe entpuppen, die so lange das Wuppertaler Stadtbild geprägt hat und bald Geschichte sein wird: die GTW72.

Als Brüggemann 1986 geboren wird, hat die 72er schon 14 Jahre auf dem Buckel. Die Familie wohnt im Osten der Stadt und einer der ersten Gänge, die der Junge allein unternimmt, ist der runter zur Schwebebahn. Fasziniert schaut er, wie sie durch das Tal juckelt. „Natürlich wollte ich damals auch Schwebebahnfahrer werden“, sagt er und schaut aus dem Fenster. Die bunte Junior Uni strahlt dort in der Sonne. Zwar hat er beruflich doch eine andere Richtung eingeschlagen, aber die Liebe zur Schwebebahn, sie ist geblieben.

Nein, wirklich schön sei sie nicht, diese Baureihe, muss der Mann mit der schwarzen Mütze einräumen. Aber so ist das ja oft mit der Liebe, da zählen einfach andere Werte. „Sie schreit mit ihren knalligen Farben und den Plastiksitzschalen ja geradezu nach Ilja Richter und ,Disco‘, sie ist einfach ein Kind der 70er“, schwärmt Mike Brüggemann und muss selbst etwas schmunzeln. Für ihn ist es schwer vorstellbar, dass es sie bald nicht mehr geben soll.

„Wenn alle 72er ausgemustert sind, gibt es eine Lücke von fast 50 Jahren Schwebebahn-Geschichte. Es sei denn, es geschieht noch ein Wunder und ein Wagen darf bleiben“, sagt er hoffnungsvoll. Aber Brüggemann ist nicht nur verklärter Liebhaber, er kennt auch die Fakten: „Das wäre allerdings eine teure und komplizierte Angelegenheit.“

Inzwischen geht es vorbei an den Stationen Kluse und Döppersberg. Mike Brüggemann kann zu allem was erzählen. Er kennt die technischen Details ebenso wie die historischen Ereignisse und die Stadtgeschichte im Schwebebahn-Universum. Woher er das alles weiß? „Ich habe, seit ich klein war, einfach alles verschlungen, was zur Schwebebahn veröffentlicht wurde“, sagt er und räumt ein, wohl sowas zu sein wie ein Nerd. „Als ich 12 Jahre alt war, habe ich ein Referat gehalten über sämtliche technischen Details der 72er Baureihe. Die Lehrerin war beeindruckt, wirklich verstanden hat sie es aber wohl nicht“, erinnert er sich amüsiert.

Sein Wissen gibt er übrigens regelmäßig weiter. Zusammen mit immer neuen Fotos der Schwebebahn veröffentlicht er sie seit acht Jahren unter dem Namen „Die Wuppertaler Schwebebahn“ auf Facebook. Knapp 20.000 Fans aus aller Welt hat seine Seite. Immer öfter geht es in den Beiträgen auch um den Abschied von den orange-blauen Wagen. Die Leser wollen wissen, wie viele neue Wagen schon in Betrieb sind und wann endgültig alle 72er verschwunden sein werden. Brüggemann hat auf alles eine Antwort.

An der Station Pestalozzistraße steht eine himmelblaue Schwebebahn in der Gegenrichtung. Aufmerksam schaut der 32-Jährige aus dem Fenster. „Die Farbe ist schon schön, aber das Zischen finde ich noch gewöhnungsbedürftig“, sinniert er.

Als die GTW15 vorgestellt wurde, war auch Brüggemann zur nächtlichen Testfahrt eingeladen. „Klar, war ich sehr neugierig auf die Neue. So oft wird man das ja nicht erleben, dass eine ganz neue Schwebebahngeneration eingeführt wird – wahrscheinlich sogar nur einmal im Leben.“ In Vohwinkel steigt Brüggemann aus und geht direkt zum Ende der Fahrbahn. Von hier hat man einen guten Blick ins Depot. Ein Schwebebahnfahrer winkt ihm zu, man kennt ihn hier inzwischen.

„Das Bild wird man nicht mehr lange haben“, sagt er und zeigt auf drei nebeneinander hängende Bahnen: Kaiserwagen, ein 72er und eine Himmelblaue.