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Interview mit Gewerkschafterin Helga Krüger: Situation der Lehrer: "Das ist ein Teufelskreis"

Interview mit Gewerkschafterin Helga Krüger : Situation der Lehrer: "Das ist ein Teufelskreis"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat eine Studie zur Überstundenbelastung von Lehrkräften an Wuppertaler Schulen veröffentlicht. Rundschau-Mitarbeiter Jan Turek fragte Helga Krüger vom Leitungsteam der GEW, wie dramatisch die Situation an den Schulen ist.

Rundschau: Was war der Anlass für die Studie?

Krüger: Die Landesregierung hat gesagt "Wir wollen jetzt mal ordentlich den Unterrichtsausfall zählen" und will dafür 183 Lehrer neu einstellen. Wir sind der Meinung, dass man durch Zählen keine einzige notwendige Unterrichtsstunde schafft. Diese 183 Stellen sollten eigentlich besser in die Vertretungsreserve gesteckt werden, quasi als Anzahlung. Und wir fragen uns auch, warum das hoch ausgebildete Lehrkräfte sein müssen, die diese Verwaltungsarbeit leisten. Gibt es da nicht intelligentere Lösungen? Zum Beispiel Verwaltungspersonal zur Verfügung zu stellen, wenn man das unbedingt dokumentieren will?

Rundschau: An der Umfrage, die Sie im Februar in durchgeführt haben, haben sich rund 700 Lehrkräfte der städtischen Schulen beteiligt. Was die wichtigsten Ergebnisse gewesen?

Krüger: Sie hat gezeigt, dass jeder Lehrer durchschnittlich seine fünf Überstunden im Monat macht. Die Misere an den Schulen zeigt sich aber nicht allein an der Anzahl der angefallenen Überstunden: Ein Lehrer muss zusätzliche Belastungen auf sich nehmen, weil er fachfremd unterrichten muss. Er hat plötzlich größere Klassen vor sich oder ist gleich für zwei Klassen zuständig. Er kann die Vorbereitungszeit, die er eigentlich braucht, nicht einhalten. All diese Belastungen wurden durch diese Umfrage sehr deutlich an uns herangetragen.

Rundschau: Was bedeutet das für die Lehrer?

Krüger: Die Lehrerarbeitszeit ist immer weiter ausgedehnt worden. Verwaltungsaufgaben sind ständig dazu gekommen, und wenn dann noch weitere Vertretungsstunden anfallen, gerät manche Lehrkraft an ihre Grenzen. Je mehr ich vertrete, desto anfälliger werde ich. Und dann bin ich die nächste, die ausfällt. Und schon ist wieder jemand dran und muss Vertretung machen. Das ist eine Spirale, die vermieden werden sollte — ein Teufelskreis. Es fehlen auch Erholungsmöglichkeiten im Schulalltag, Schülerpausen sind keine Lehrerpausen. Entweder der Samstag oder der Sonntag gehören schon wieder zur Arbeitszeit. Wir neigen dazu, uns selbst auszubeuten, um allen Notwendigkeiten gerecht zu werden. Das führt dann dazu, dass die Lehrergesundheit baden geht — mit entsprechenden Folgen: Burnout und langfristige Krankheitsfälle.

Rundschau: Welche Schulformen sind im besonderen Maße betroffen?

Krüger: Das ist unterschiedlich. Die Grundschulen klagen vor allem darüber, dass sie die Klassen aufteilen müssen, dass die sonderpädagogische Förderung wegfällt, dass Teilzeitkräfte aufstocken müssen, obwohl sie das eigentlich nicht möchten, weil sie ihre eigene familiäre Situation dann nicht bewältigen können. Den höchsten Anteil an Überstunden und Mehrarbeit bei den Lehrkräften haben aber nach unserer Rückmeldung die Gymnasien und Gesamtschulen.

Rundschau: Haben Sie das Gefühl, dass die Erkenntnisse, die Sie jetzt gewonnen haben, spezifisch auf Wuppertal zutreffen oder gilt das NRW-weit?

Krüger: Wir sind der Meinung, dass es eigentlich in NRW überall so ist. Es ist ein Grundproblem, das nicht neu ist. Es ist auch nicht erst seit der Vorgängerregierung, sondern seit Jahrzehnten so. NRW ist bei der Ausstattung der Schulen mit Personal und den Klassengrößen das Schlusslicht in der Bundesrepublik. Das muss man an dieser Stelle mal sagen.

Rundschau: Was kann gegen diese Situation getan werden? Haben Sie konkrete Forderungen?

Krüger: Die Landesregierung muss endlich eine verlässliche Reserve für Vertretungszwecke und Ausfälle einrichten. Und die muss nach unserer Berechnung mindestens acht Prozent betragen. 6,3 Prozent ist der Krankenstand allein und es kommen noch andere Vertretungsnotwendigkeiten dazu. Der Vertretungspool für die Grundschulen muss mindestens verdreifacht werden. Man darf nicht nur über Unterrichtsausfall reden oder ihn dokumentieren, sondern muss auch Ressourcen zur Verfügung stellen, damit er vermieden wird.