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Naturheilkunde – die oft missverstandene Alternative

Medizin : Naturheilkunde – die oft missverstandene Alternative

Moderne Pharmazeutik und Medizin sind nicht nur dem Namen nach modern. Im Gegenteil: Über weite Teile der Menschheitsgeschichte und noch bis tief ins 20. Jahrhundert hinein konnten Menschen sich im Krankheitsfall nur mit anderen Verfahren und Mitteln helfen – solchen, die natürlichen Ursprungs sind.

Mit dem Fortschreiten der modernen Pharmazie und des Gesundheitswesens geriete die Naturheilkunde jedoch immer mehr ins Abseits, wurde als weniger wirksam angesehen, oft gar als Humbug, Scharlatanerie. Mittlerweile hat sich jedoch das Blatt wieder gewandelt. Erst zaghaft, dann immer stärker betrachtete die moderne Schulmedizin die Naturheilkunde aus einem streng wissenschaftlichen Blickwinkel – und musste feststellen, dass sie bei vielen Problemstellungen nicht nur eine sehr wirksame Alternative sein kann, sondern manchmal auch den modernen Methoden überlegen ist.

Was versteht man unter Naturheilkunde?

Für viele Laien steht Naturheilkunde nach wie vor sinnbildlich für Globuli, Homöopathie und führt somit den negativen Gedanken der Medizin im 20. Jahrhundert fort. Tatsächlich ist das jedoch eine weitgehend falsche Ansicht – auch wenn diese Mittel strenggenommen Naturmedizin sind.

Bei klassischer Naturheilkunde nach heutigem Verständnis geht es jedoch um etwas anderes. Grundsätzlich lässt sich darüber folgendes sagen: Es ist ein Dachbegriff, der mehrere Herangehensweisen umfasst, durch die primär die menschliche Selbstheilung verstärkt angeregt und/oder unterstützt werden soll.

Der Fachmann spricht bei der klassischen Naturheilkunde von den sogenannten Fünf Säulen. Konzipiert wurde sie von einem der bekanntesten Vertreter der neuzeitlichen Naturheilverfahren, dem Pfarrer Sebastian Kneipp:

  1. Die Phytotherapie. Sie stützt sich auf den Einsatz pflanzlich-natürlicher Wirkstoffe.
  2. Die Hydro- und Thermotherapie. Sie nutzt innerlich und äußerlich Wasser in allen Aggregatszuständen, um die gewünschten Effekte zu erzielen.
  3. Die Bewegungstherapie. Sie setzt auf Bewegung und körperliche Anstrengung.
  4. Die Ordnungstherapie. Ihr Schwerpunkt ist, grob ausgedrückt, die Wiederherstellung eines seelischen Gleichgewichts, etwa durch Stressreduktion.
  5. Die Ernährungstherapie. Sie nutzt gezielt Speisen und Getränke, um durch eine zielgerichtete Diätetik Krankheiten, aber auch Allergien zu bekämpfen.

Allen fünf Säulen gemein ist, dass sie im heutigen Sinn als „westliche“ Naturheilkunde betrachtet und genutzt werden. Auf der ganzen Welt gibt es zwar ähnliche Vorgehensweisen, für die moderne Medizin als ebenfalls „westliche“ Medizin haben die erstgenannten Methoden jedoch die größte Bedeutung.

Dabei sei vor allem unterstrichen, dass alle fünf Methoden den medizinisch-wissenschaftlichen Diskurs längst hinter sich gelassen haben. Die heutige Medizin sieht die Naturheilkunde als festen Bestandteil an und nutzt sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie moderne Herangehensweisen. Schon seit 2003 sind naturheilkundliche Verfahren sogar Teil der prüfungsrelevanten Themen für die Approbation junger Mediziner – niemand wird in Deutschland Arzt, ohne auch Naturheilkunde zu beherrschen; in vielen anderen Staaten sieht es ähnlich aus.

Ferner müssen die sogenannten rationalen Phytotherapeutika, also pflanzenbasierende Heilmittel, in Deutschland die gleichen Zulassungskriterien durchlaufen, die auch jeder andere Wirkstoff absolvieren muss. Erst, wenn Wirksamkeit und Unbedenklichkeit auf diese Weise bescheinigt wurden, dürfen die Präparate auf den Markt gebracht werden.

Warum erlebte Naturheilkunde ein Comeback?

Wer heute in der Kartenfunktion der Suchmaschine Google die beiden Begriffe „Wuppertal Naturheilkunde“ eingibt, wird feststellen, dass es im weitläufigen Stadtgebiet nicht weniger als 19 verschiedene Heilpraktiker und ähnliche Praxen gibt. Und von den ähnlich vielen allgemeinmedizinischen und spezialisierten Ärzten setzen aus den erwähnten Gründen ebenfalls viele auf die eine oder andere Naturheilmethode.

Naturheilkunde – die oft missverstandene Alternative
Foto: Pixabay/Carola68

Diese Tatsachen allein sollten dem geneigten Leser zeigen, dass es sich hier bei Weitem nicht um ein seltenes Phänomen handelt, nicht um Esoterik. Naturheilkunde hat durch den „Ritterschlag“ der modernen Medizin in den vergangenen Jahrzehnten ein riesiges Comeback erlebt. Dafür gibt es Gründe:

  1. Die erwiesene Wirksamkeit. Die Wissenschaft hat alle Methoden der Naturheilkunde sorgsam durchleuchtet und tut es auch noch weiterhin. Das sorgte zwar dafür, dass einige früher gängige Verfahren verworfen wurden, sorgte bei anderen jedoch auch für eine wissenschaftliche Bestätigung ihrer zuvor nur gesellschaftlichen Reputation. Auch ist dieser Prozess nicht abgeschlossen. Aktuell befasst sich die Wissenschaft unter anderem mit einem gesellschaftspolitisch stark diskutierten Wirkstoff – Cannabidiol (CBD). Er ist deshalb so vieldiskutiert, weil dahinter Hanf steckt und damit eine Pflanze, die lange Jahre wegen rigider Gesetzgebungen kaum wissenschaftlich erforscht werden konnte. Doch auch hier bestätigen erste Studien eine breite Wirksamkeit.
  2. Die Niedrigschwelligkeit. Alle naturheilkundlichen Maßnahmen haben eine Gemeinsamkeit: Sie stellen einen niedrigschwelligen Ansatz dar. Sie benötigen keine teuren Verfahren, keine chirurgischen Maßnahmen und kein Spezialwissen zur Umsetzung. So können sie in den Alltag von Patienten integriert werden – und genügend oftmals völlig, um ein Problem in den Griff zu bekommen. Zudem basieren sie weitgehend darauf, nur die sowieso vorhanden körpereigenen Heilungskräfte zu mobilisieren. Sie sind deshalb im besten Sinn „Hilfe zur Selbsthilfe“.
  3. Die weitgehende Unschädlichkeit. Moderne Pharmazeutik und auch operative Verfahren gehen oft mit dem Risiko zahlloser Nebenwirkungen einher. Nebenwirkungen, die teilweise so stark sind, dass sie fast die positiven Effekte überlagern – etwa Nichtsteroidale Antirheumatika, hochbeliebt als Schmerzmittel, aber auch als erhebliche Gefahr für Magen- und Darmschleimhäute bekannt. Bei Naturheilverfahren ist es anders. Schlimmstenfalls haben sie eine schwächere Wirkung als zeitgenössische Methoden. Bestenfalls jedoch liefern sie gleichwertige Linderung ohne negativen Beigeschmack, abermals, weil sie vor allem auf den Körper selbst setzen. Aus dem Grund sind sie auch für viele Allergiker die oft einzige mögliche Lösung.
  4. Die Kostenfrage. Die aktuelle Impfstoffdebatte rief zahlreichen Menschen deutlich vor Augen, was Gesundheit kosten kann. Vor allem dann, wenn sie durch moderne Medizin hergestellt werden soll. Tatsache ist, dass viele moderne Methoden extrem hohe Kosten verursachen. Nicht einmal nur aufgrund des dahinterstehenden Forschungs- und Umsetzungsaufwands, sondern weil hier, speziell bei Pharmazeutik, oftmals auch markenrechtliche Interessen mitspielen – neue Medikamente sind in aller Regel patentiert und somit monopolisiert. Abermals nimmt Naturheilkunde einen anderen Weg. Sie benötigt keine komplexen Pharmazeutika, keine patentierbaren Methoden. Dadurch liefert sie bei vielen Problemstellungen ein ungleich besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Naturheilkunde in der Praxis

Naturheilkunde – die oft missverstandene Alternative
Foto: Pixabay/Bru-nO

Viele Menschen sind es heute gewöhnt, bei allen möglichen Beschwerden von Augenbrennen bis Zahnweh nach einer modernen Antwort zu suchen. Tatsächlich jedoch liefert die Naturheilkunde für beinahe alles ein entsprechendes Gegenstück.

Basierend auf den oben erwähnten fünf Säulen der Naturheilkunde sei deshalb an dieser Stelle beispielhaft erklärt, wie ihre Umsetzung in der Praxis aussehen kann.

Phytotherapie: Ein Senior hat schon seit längerer Zeit keinen richtigen Appetit mehr. Der Hausarzt kann tiefergehende Krankheiten ausschließen. Es steht jedoch zu vermuten, dass die Appetitlosigkeit eine kombinierte Folge des Alterns und notwendiger Pharmazeutika ist, die der Mann einnehmen muss. In diesem Fall würde der Arzt Präparate verschreiben, die beispielsweise auf Chinarinde, Enzianwurzel oder Ingwerwurzel basieren. Diese haben eine erwiesenermaßen appetitanregende Wirkung.

Hydrotherapie: Eine Frau hat durch jahrelange Büroarbeit einen schweren Bandscheibenvorfall erlitten. Dieser wird mit konventionellen chirurgischen Methoden behandelt, es ist aber zur vollständigen Widerherstellung der Beweglichkeit zwingend vonnöten, nach der Abheilung eine mehrwöchige Reha-Maßnahme zu durchlaufen. Dabei muss sie unter anderem auch ein sogenanntes Bewegungsbad durchlaufen. In gezielten Übungen werden dabei Auftrieb und Widerstand des Wassers in einem Becken genutzt, um die Nackenmuskulatur sowie die Bandscheiben möglichst schonend wieder zu kräftigen und in ihre alte Form zu bringen. Um Probleme mit Muskelkater vorzubeugen, muss sie nach den Trockenübungen zudem kurze Bäder in Eiswasser nehmen.

Bewegungstherapie: Durch körperliche Fehlhaltung und Fehlbewegung hat ein junger Mann Probleme mit einem Tennisarm bekommen. Statt eines operativen Eingriffs verordnet der Facharzt ihm zunächst eine Bewegungstherapie. Diese teilt sich auf in spezielle Bewegungsübungen für den Arm sowie manuelle Techniken, bei denen ein ausgebildeter Spezialist die betroffene Region mit zielgerichteten Handgriffen behandelt.

Ordnungstherapie: Eine weibliche Führungskraft hat große Probleme mit Stress durch Überarbeitung und davon ausgelösten körperlichen Symptomen. Ihre Abwehrkräfte haben nachgelassen, die Verdauung leidet und Schlaf wird zum Problem. Ihr Hausarzt beschließt, nicht die Symptome zu behandeln, sondern die Ursachen. Als ordnungstherapeutische Maßnahme verordnet er den Gang zu einer Übungsgruppe für autogenes Training sowie einen Kurs für die praktische, tägliche Anwendung von Tai-Chi.

Ernährungstherapie: Bei einem Grundschüler wird Asthma diagnostiziert. Um die Symptome dieser unheilbaren Krankheit abzumildern, überweist der Hausarzt zu einem Spezialisten für Diätetik. Er erstellt dem Kind einen Ernährungsplan, der sich vor allem auf pflanzliche Nährstoffe sowie Vollkornprodukte stützt.

Fazit

Klassische Naturheilkunde hat weder etwas mit Scharlatanerie zu tun, noch mit in Fachkreisen weitgehend als wirkungslos verworfenen esoterischen Alternativmethoden. Im Gegenteil, moderne Naturheilkunde ist ein erwiesenermaßen wirksames Standbein der heutigen westlichen Medizin verworfen und hat sich in tausenden Beispielen eine Reputation erarbeitet, die sie schon hatte, bevor es die moderne Medizin gab.