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Kitaplatätze in Wuppertal: Ein ausbaufähiges Bildungssystem

Interview mit Michael Neumann : Ein ausbaufähiges Bildungssystem

Der Kita-Platz. Was für ein riesiges Thema! Kriege ich einen? Wenn ja, wo? Und, wie wird heutzutage eigentlich betreut? Redakteurin Nina Bossy im Gespräch mit Michael Neumann, dem Stadtbetriebsleiter Tageseinrichtungen für Kinder, über die so wichtige und ausbaubedürftige Basis unseres Bildungssystems.

Rundschau: Ab welchem Alter wünschen sich Familien heute einen Kita-Platz? Wie sah das vor zehn Jahren aus?

Neumann: „Die bestehenden Zielquoten für Betreuungsplätze sind das Ergebnis einer Elternbefragung aus dem Jahr 2015. Es gibt den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Tageseinrichtung für Kinder (TfK) ab dem dritten Lebensjahr seit 2008 und seit 2013 besteht dieser Rechtsanspruch ab dem ersten Lebensjahr. Diese gesetzliche Änderung spiegelt die Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen wider – und somit die Bedarfe der Eltern. Ich gehe aufgrund dieser Entwicklungen davon aus, dass in der Zukunft die Nachfrage nach Betreuungsplätzen für Kinder im Alter von unter drei Jahren zunehmen wird.“

Rundschau: Wie setzt sich das Betreuungsangebot zusammen?

Neumann: „Neben den Plätzen in Kindertageseinrichtungen steigen die Betreuungszahlen in der Kindertagespflege (zum Beispiel bei Tagesmüttern, Anm. d. Red.). Des Weiteren werden Spielgruppen und Betriebskindergärten angeboten.

Rundschau: 2019 sind in Wuppertal 3.271 Babys geboren. Wie viele U3-, U2- und U1-Plätze gab es 2020?

Neumann: „Für das Kindergartenjahr 2020/21 konnten im Rahmen der Budgetplanung in Tagesstätten für Kinder 2.521 Betreuungsplätze angeboten werden. Auf Kinder im Alter von zwei bis unter drei Jahren entfallen dabei 2.044 Plätze und auf Kinder im Alter von null bis unter zwei Jahre 477 Plätze. Zusätzlich stehen seit dem 1. Januar diesen Jahres insgesamt 1.476 Plätze in geprüften Kindertagespflegestellen zur Verfügung.“

Rundschau: Wie viele Kinder haben keinen Platz bekommen?

Neumann: „Es gibt in diesem Jahr, wie auch in den Vorjahren, einen Fehlbedarf von über tausend Betreuungsplätzen. Eine konkrete Zahl kann ich nicht nennen, denn es gibt keinen abschließenden Überblick darüber, wie viele Mehrfach-Anmeldungen, unter anderem bei Freien Trägern, erfolgt sind.“

Rundschau: Wie viele Tagesmütter gibt es, und welche Rolle spielen sie beim Ausbau der Kinderbetreuung?

Neumann: „Kindertagespflegepersonen spielen eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung von Betreuungsätzen. Die Zielquote für Kinder im Alter von unter drei Jahren beträgt laut unserer Bedarfsplanung 50 Prozent – davon entfallen auf Tagesstätten für Kinder 33 Prozent und die Kindertagespflege 17 Prozent. Die Anzahl der Kindertagespflegepersonen liegt aktuell bei rund 250. Es ist ein steter Zuwachs zu verzeichnen.“

Rundschau: Wie viele Betreuungsplätze sollen in den nächsten Jahren entstehen?

Neumann: „Es wird von der weiteren Entwicklung, zum Beispiel der Geburtenrate und der Nachfrage der Eltern, abhängen, wie groß der Bedarf werden wird. An dem Ausbau der Betreuungsplätze wird seit mehreren Jahren aktiv gearbeitet. Sowohl die Stadt als auch die Freien Träger beteiligen sich daran durch Neu- und Erweiterungsbauten und auch die Zahl der Kindertagespflegepersonen steigt stetig. Der Ausbau der Betreuungsplätze hängt maßgeblich von der Verfügbarkeit geeigneter Grundstücke in Bedarfsgebieten ab.“

Rundschau: Und konkret, wann wird das bekannte Betreuungsdefizit ausgeglichen sein?

Neumann: „Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen hat sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt, da fällt es schwer, einen festen Termin zu nennen. Wir haben das Ziel klar vor Augen, gemeinsame Anstrengungen aller Träger und der Kindertagespflegepersonen werden uns diesem Ziel in den nächsten Jahren deutlich näher bringen.“

Rundschau: In Wuppertal orientieren sich die Beiträge am Jahreseinkommen der Eltern. In Düsseldorf ist die Kita beitragsfrei. Ist das gerecht?

Neumann: „Die Eltern in Wuppertal werden das wohl nur bedingt als gerecht empfinden. Aber ist die unterschiedliche finanzielle Ausstattung der Städte gerecht? Inzwischen sind bei uns die beiden letzten Kita-Jahre beitragsfrei und die Beitragssatzung sieht weitere Befreiungstatbestände vor. Etwa 25 von hundert Eltern zahlen einen Elternbeitrag.“

Rundschau: Kostet ein Kindergartenplatz Geld, in Wuppertal bis zu 465 Euro im Monat, müssen Familien rechnen. Die Konsequenz: Oftmals bleiben viele Frauen länger zu Hause, der Wiedereinstieg in den wird Beruf schwieriger. Sehen Sie einen kausalen Zusammenhang zwischen Kitaplätzen und der Chancengleichheit?

Neumann: „Immer dann, wenn die Inanspruchnahme einer Leistung mit einem Aufwand verbunden ist, werden die Menschen prüfen, was die für sie vorteilhafte Entscheidung ist. Die Familien werden hier schnell zu einer Entscheidung – meist pro Betreuungsplatz – kommen. Dass wir auch in 2020 immer noch, wie selbstverständlich, davon reden, dass im Zweifel die Frauen länger zu Hause bleiben, darüber sollte die Gesellschaft mal nachdenken. Ein Kita-Platz kann zur Chancengleichheit beitragen, ebenso wie eine Vereinbarung zwischen den Eltern darüber, wer zu Hause bleibt, und eine gleichberechtigte Bezahlung von Frauen und Männern. Eine größere Flexibilität bei den Arbeitgebern der Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger hinsichtlich Wochenarbeitszeit und Lage der Arbeitszeit könnte hier ebenfalls zu mehr Chancengleichheit beitragen.

Rundschau: Im April wurden die Elternbeiträge wegen der Pandemie ausgesetzt, um die Familien zu entlasten. Könnte sich eine solche Ausnahme wiederholen?

Neumann: „Zu Beginn der Pandemie fand in den Einrichtungen eine nur sehr eingeschränkte Betreuung für einige wenige Kinder statt, das war schon eine sehr besondere Situation. Für die meisten Eltern bedeutete das, dass es für einen relativ langen Zeitraum keine Betreuung gab, und die Aussetzung der Elternbeitragszahlung war sicher eine angemessene und logische Folge. Obwohl die Pandemie weiter andauert, hat sich die Betreuungssituation – trotz Einschränkungen – grundlegend verbessert. Für eine erneute Aussetzung der Elternbeitragszahlung wäre erneut eine politische Entscheidung notwendig.“

Rundschau: Wie viele Erzieherinnen und Erzieher arbeiten bei der Stadt? Reicht das? Wie viele Stellen sind unbesetzt? Wie sieht die Situation „Fachkräftemangel“ in diesem Bereich aus?

Neumann: „In den städtischen Kindertagespflege sind mehr als 800 pädagogisch Fachkräfte beschäftigt. Und es dürften gern deutlich mehr sein. Darüber hinaus können derzeit circa 30 Fachkräfte, weil sie zur Risikogruppe gehören, nicht eingesetzt werden. Auch der Fachkräftemangel macht sich gerade im Bereich der Kinderbetreuung sehr deutlich bemerkbar. Dabei handelt es sich meines Erachtens um ein strukturelles Problem, das spätestens seit Bestehen des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz ab 2013 und dem damit verbundenen Ausbau der Betreuungsplätze besteht. Während der Ausbau der Betreuungsplätze durch das Land gefördert wurde, ist eine finanzielle Unterstützung im Rahmen der Ausbildung von Fachkräften erst zum 1. August 2020 in das Gesetz aufgenommen worden. Entsprechend sind gut qualifizierte Fachkräfte am Arbeitsmarkt nur sehr schwer zu bekommen. Um dem entgegenwirken zu können, bilden wir seit Jahren verstärkt aus. Neben der klassischen Ausbildung zur Erzieherin oder zum Erzieher bieten wir ab diesem Jahr erstmalig auch den praktischen Teil des Dualen Studiengangs zur Kindheitspädagogin oder -pädagogen in Kooperation mit der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf ab. Stellenausschreibungen und mehr Informationen finden Sie auf der Homepage der Stadt.“

Rundschau: Wie hoch ist der Anteil männlicher Erzieher?

Neumann: „Glücklicherweise interessieren sich immer mehr Männer für dieses Berufsbild. Der Anteil der Erzieher an der Gesamtzahl der Fachkräfte ist aber immer noch eher gering.

Rundschau: Inwieweit hat sich das Berufsbild geändert?

Neumann: „Eine Tageseinrichtung für Kinder ist die erste institutionelle Bildungseinrichtung im deutschen Bildungssystem. Hier werden für Kinder in einer Bildungspartnerschaft zwischen deren Eltern und den Fachkräften der Einrichtung Voraussetzungen für einen gelingenden Start in der Schule und für das weitere Leben geschaffen. Es gibt also einen Bildungsauftrag, der weit über die reine Betreuung von Kindern hinausgeht. Entsprechend anspruchsvoll ist die Ausbildung und sind die Anforderungen im beruflichen Alltag.“

Rundschau: Was macht Ihnen am meisten Freude in Ihrem Joballtag?

Neumann: „Themen zu bewegen, die zur Weiterentwicklung beitragen, oder neue Chancen und Möglichkeiten eröffnen für Beschäftigte oder Kinder und deren Eltern.“

Rundschau: Was empfinden Sie als frustrierend?

Neumann: „Bei schwierigen Themen immer zu hören, was gerade nicht geht.“

Rundschau: Wie würden Sie sich die Betreuungslandschaft in Wuppertal wünschen?

Neumann: „In meiner Wunschbetreuungslandschaft gibt es für jedes Kind und dessen Eltern genau den Betreuungsplatz, den sie sich wünschen und zwar auch zu dem Zeitpunkt und mit dem notwendigen Betreuungsumfang und einer pädagogischen Konzeption nach den Vorstellungen der Eltern. Dann wäre es schön, wenn dieses Angebot für alle kostenfrei wäre. Die Vielfalt der verschiedenen Träger und Kindertagespflegepersonen runden das Angebot ab.“