Eine Reise in die Heimat: Die Sehnsucht nach Elberfeld oder Wellenrauschen

Eine Reise in die Heimat : Die Sehnsucht nach Elberfeld oder Wellenrauschen

Ist Heimat Glück? Ja, sagt Rina Bossy, obwohl sie oft Heimweh hatte. Entweder nach dem Meer oder nach Wuppertal. In diesem Jahr fuhr sie zum ersten Mal mit ihrer Enkelin, der Rundschau-Redakteurin Nina Bossy, gemeinsam in ihr Heimatdorf.

"Signora, können Sie ein bisschen leiser sprechen? Der ganze Bus hört ja Ihre Geschichte", sagt Oma Rina auf Italienisch zu den zwei Frauen, die in der Linie 611 Richtung Pahlkestraße neben ihr stehen. "Sie sprechen perfekt unsere Sprache und benehmen sich wie eine Deutsche. Was sind Sie eigentlich?", kommt die Antwort. Und das hat sogar Oma Rina sprachlos gemacht.

Am 17. Mai 1958 ist meine Oma als 20-jährige Rina Maurel aus einem Zug im Wuppertaler Hauptbahnhof gestiegen. Auf dem Gleis wartete Wolfgang, ihr deutscher Freund, mein Opa. Er hatte blonde Locken und strahlte über das ganze Gesicht. Wolfgang schloss seine Rina in die Arme, dann nahm er ihren Koffer und führte sie durch die zerbombte Stadt.

Jedes Jahr besuchten sie die Familie in Istrien. In den sechs Wochen sehnten sie sich immer nach den Enkeln und ihrem Zuhause in Elberfeld. Foto: Bossy

Rina schaute durch Häuser, die nur noch aus Wänden bestanden und Wolfgang kaufte ihr bei Spathmann ein Eis. An der Tür in einem Mehrfamilienhaus in der Nordstadt hing ein Schild: "Herzlich willkommen" — das hat Oma damals schon verstanden. Und auch die Aussage ihrer Schwiegermutter, die beim Anblick der jungen Italienerin sagte: "Wolfgang, jetzt kann ich dich verstehen."

Das Kapitel der ersten großen Liebe, das zwischen einem deutschen Touristen und einer Einheimischen so zaghaft in Istrien begann und das zwei Jahre in sehnsuchtsvollen Briefen fortgeschrieben wurde, fand seine Fortsetzung auf dem Wuppertaler Standesamt und wurde zu Oma Rinas Lebensgeschichte. 1960 wurde mein Vater geboren, 26 Jahre später meine Schwester Anna, schließlich ich und im Dezember 2016 ihr Urenkel Levin.

Vor 60 Jahren haben Rina und Wolfgang Bossy in Wuppertal geheiratet. Foto: Bossy

Vergangenes Jahr haben wir von dem Mann, in den sich Rina an der Küste verliebt hat und der unser aller Hand immer mit demselben zuversichtlichen Klopfen gestreichelt hat, in einem Krankenzimmer im Bethesda Abschied genommen. Wolfgang ist gegangen, seine Rina 1.150 Kilometer entfernt von ihrer Heimat geblieben.

Oma und ich steigen aus dem Flugzeug, es ist Mai diesen Jahres und der Wind ist herrlich warm. Dieses Mal trage ich ihren Koffer. Ihr Bruder und seine Frau warten schon auf uns, dann geht es mit dem Auto nach Salvore, dem Fischerdorf, das einmal in Italien lag, dann Jugoslawien wurde und heute zu Kroatien gehört. Am frühen Abend gehen Oma und ich am Leuchtturm spazieren, neben dem sie aufgewachsen ist.

Wir halten uns an den Händen, es riecht nach salzigen Wellen, die an Felsen brechen, wilden Blumen und ihrem Chanel Nummer 5. Vor 42 Jahren ging Rina einmal denselben Weg nach einem wunderschönen Abend. Die Pinienbäume, die heute hochgewachsen den Weg säumen, waren frisch gepflanzt und die Straße nicht gepflastert. Rinas Eltern spazierten ein Stück vorneweg, Wolfgang und sie hinterher. Und kurz vor der Haustür küsste er sie blitzschnell auf die Wange.

"Oma, ist es Glück, wenn man zwei Zuhause hat?" "Ja, doppeltes Glück, das auch traurig machen kann. Weil man immer einen Ort vermisst." "Und was macht dich heute so richtig glücklich?" Oma lacht: "Du, mein Schatz, deine Eltern. Deine Schwester und ihr Kind."

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