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Bergische Transfergeschichten: Ist das Göttliche darstellbar?

Bergische Transfergeschichten : Ist das Göttliche darstellbar?

Mit den „Bergischen Transfergeschichten“ zeigt die Bergische Universität Wuppertal beispielhaft, wie sich Forscherinnen und Forscher mit ihrer Arbeit in die Region einbringen, mit anderen Partnern vernetzen und die Gesellschaft so aktiv mitgestalten. Heute erzählt Dr. Angelika Michael über die Entwicklung der Bildwerke in der christlichen Kunst.

„In den ersten 200 Jahren der Kirchengeschichte gibt es keine christliche Kunst“, sagt Angelika Michael, Lehrbeauftragte für christliche Kunst und Religionsdidaktik in der Evangelischen Theologie der Bergischen Universität, und das liege zunächst einfach an der Tatsache, dass die christliche Religion im damaligen römischen Reich nicht anerkannt gewesen sei und Christen keine Möglichkeit hatten, ihren Glauben und ihre Gottesdienste in der Öffentlichkeit darzustellen.

Außerdem „wollte man sich auch absetzen vom Heidentum, das ja charakterisiert war durch die Vielzahl von Götterbildern, durch die Verknüpfung des Gottesdienstes mit einem Gottesbild“, sagt die Theologin. „Man hat gesagt, dass das Göttliche absolut undarstellbar, aber jeder Mensch berufen sei, immer mehr zum Bild Gottes zu werden, – und da bedarf es keines Bildwerkes.“ Bereits an dieser Stelle hat das viele Jahre später im sogenannten Bilderstreit scharf diskutierte Thema der Darstellbarkeit des Göttlichen seinen Ursprung.

Was ist christliche Kunst?

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„Christliche Kunst nennt man alle Darstellungen, die biblische oder auch kirchengeschichtliche Ereignisse oder Personen vor Augen stellen“, erklärt die Wissenschaftlerin. In einem weiteren Sinne gehört all das dazu, was im Zusammenhang privater Frömmigkeit und des öffentlichen christlichen Gottesdienstes geschaffen wurde, insbesondere auch die Architektur, also die gesamte Geschichte des Kirchenbaus.

Die Entwicklung der christlichen Kunst sei ein langer Prozess gewesen, an dessen Beginn erste Symbole stünden. „Und dann kam die Konstantinische Wende“ (In der Konstantinischen Wende gewann das Christentum an Einfluss im Römischen Reich und wurde schließlich 393 n. Chr. zur Staatsreligion erhoben, Anm. d. Red.), formuliert Michael die wohl prägnanteste Zäsur der frühen Kirchengeschichte. Danach wurde repräsentativ gebaut, der Gottesdienst repräsentativ gestaltet und in allen Bereichen der Gesellschaft christianisiert. „Im Grunde ist im Mittelalter dann alle Kunst christliche Kunst.“ Die Kirche fungierte oftmals als Auftraggeber und auch die Herrschenden gestalteten ihre Schlösser oder Burgen in dem Bewusstsein, christliche Herrscher zu sein.

Die Kunstwerke, erklärt Michael, seien zunächst ganz normal Gegenstand der Kunstgeschichte. „Kunstbeschreibungen gibt es schon in der Literatur der Antike und Spätantike, in der Renaissance finden wir Künstlerviten sowie Überlegungen über die Frage, was Kunst überhaupt ist“, sagt sie, aber erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt es Kunstgeschichte als Wissenschaft. An den theologischen Fakultäten gehörte eine Zeit lang die Beschäftigung mit der christlichen Kunst zum Studium der Kirchengeschichte, hier gab es Lehrstühle für „Christliche Archäologie“ – diese sind heute meist den philosophischen Fakultäten zugeordnet.

Ist eine göttliche Person darstellbar?

Wie kann man nun aber Glaubensinhalte darstellen? Das Problem dabei ist, dass eine Gottesbeziehung naturgemäß nicht sichtbar sei, sagt Michael, und man sei so vorgegangen, dass man zunächst Symbole gefunden habe, im weiteren Verlauf dann versucht habe, das biblisch berichtete Handeln Jesu darzustellen. „Und damit ergab sich die Aufgabe der Darstellung dieses Menschen, von dem der christliche Glaube sagt, er sei sowohl Mensch wie wir - als auch Gott.“ Daraus entwickelten sich wiederum Darstellungstraditionen, über die die Theologen irgendwann reflektierten und über die ein Streit entbrannte. „Es gab also Theologen, die sagten, es sei unmöglich, Christus darzustellen, denn er ist Gott, und das Göttliche ist nicht darstellbar. Also ist auch diese Person als göttliche Person nicht darstellbar.“

Auf der anderen Seite argumentierten die Befürworter mit der Notwendigkeit der Darstellung Christi. Diese Auseinandersetzung wurde über Jahrhunderte im so genannten Byzantinischen Bilderstreit geführt. (Der byzantinische Bilderstreit war eine Zeit der theologischen Debatte in der orthodoxen Kirche und dem byzantinischen Kaiserhaus während des 8. und 9. Jahrhunderts. Es ging um die Verehrung von Ikonen Anm. d. Red.). Der Streit drehte sich vor allem um die Christus-Darstellungen, obwohl auch andere Bildwerke wichtig waren: Zum Beispiel entstand das Pilgerwesen und Gläubige sammelten Erde oder Wasser von heiligen Orten, oder nahmen Heiligenbilder mit, denen sie wundertätige Kräfte zuschrieben.

Die bis heute gültige Entscheidung in diesem Streit wurde 787 n. Chr. auf dem durch Kaiser Konstantin VI. bzw. der Regentin, seine Mutter Eirene, einberufenen siebten ökumenischen Konzil in Nicaea formuliert. Dazu Michael: „Die Entscheidung damals lautete: Die Bilder dürfen und sollen verehrt werden. Sie haben einen guten Sinn im Leben der Christen. Das, was sowieso schon vorher da war, wurde nun also offiziell anerkannt. Insbesondere in der Orthodoxie kommt diese Entscheidung wirklich bis heute zum Tragen. Da gehören die Ikonen dazu, Bilder, die die göttliche Person oder die Heiligen vergegenwärtigen.“

Ein wichtiger Satz des Konzilsbeschlusses sagt, dass die Ehre, die dem Bild erwiesen wird, auf das Urbild übergehe, so dass man in Wahrheit nicht etwa den materiellen Gegenstand, sondern die göttliche Person im Bild verehre. „Das Bild ist für die Orthodoxie bis heute Mittler des Göttlichen und spielt eine große Rolle in der Ausstattung der Kirchenräume – die Bilderwand gehört dazu –; für orthodoxe Frömmigkeit offenbart das Bild das Göttliche“ sagt Michael, „auch zu jedem Haushalt gehört eine Ikone.“

Hier besteht also ein großer Gegensatz zu den anderen monotheistischen Religionen. „Im Judentum und auch im Islam ist es verboten, irgendeine Gottesdarstellung zu versuchen. Es ist nicht nur im Islam, sondern auch im Judentum unüblich, den gottesdienstlichen Raum mit irgendwelchen figürlichen Darstellungen auszustatten. Der Islam verbietet generell jede Darstellung mit figürlichem Charakter in der Richtung des Gebetes, und alle Darstellungen des Propheten Mohammed gelten als beleidigend. Wenn man sich mit den Fragen des Bilderstreits beschäftigt, dann klärt man die eigene Tradition, aber man kommt auch dahin, andere Traditionen besser zu verstehen.“

Verbannung von Bildwerken in der Reformationszeit

Eine zweite Welle der Auseinandersetzung begann im Spätmittelalter und erreichte ihren Höhepunkt in der Reformationszeit, in der Bildwerke aus Kirchen entfernt und zum Teil auch zerstört wurden. Wieder wurden Darstellungen Christi, aber auch Gemälde und Skulpturen der Heiligen in Frage gestellt. „Es ging allen Reformatoren darum, dass der Mensch, wenn er nach göttlicher Hilfe sucht, sich allein an Gott wendet“, erklärt Michael. „Die Heiligen sollten nicht in der Weise verehrt werden, dass man an sie Bittgebete richtet. Da, wo bestimmte Bittgebete vor bestimmten Bildwerken als besonders wirksam galten, und da, wo Bildwerke verehrt wurden, da waren sich alle Reformatoren einig, da mussten diese Bildwerke entfernt werden.“

In Bezug auf das Christusbild gingen die Meinungen der Reformatoren jedoch auseinander, weiß die Wissenschaftlerin. Zwingli und Calvin etwa schlossen sich quasi den Argumenten der byzantinischen Bildergegner an; und sie meinten, dass „der Mensch immer, wenn er etwas hat, was eine Darstellung des Göttlichen ist, zu der abergläubischen Auffassung neigt, mit dieser Darstellung das Göttliche selbst zu besitzen und über es zu verfügen.“

Diese streng reformierte Tradition könne man sogar bis heute sehen. „Wenn man gottesdienstliche Räume in streng reformierter Tradition trifft, gibt es dort weder Bildwerke noch irgendwelche Zeichen des Göttlichen. Keine Kerzen, noch nicht einmal das Zeichen des Kreuzes“, sagt Michael. Luther hingegen habe das moderater gesehen und gesagt, wenn man aufkläre und richtig predige, dann könne man Bildwerke durchaus zulassen. Man brauche sie zwar nicht, sie sollten auch nicht verehrt werden, aber sie könnten Erinnerungszeichen an die Inhalte des Glaubens sein.

Den Darstellungen von Jesus Christus folgen Darstellungen Gottes des Vaters

An der Grundeinsicht, dass das Göttliche nicht darstellbar ist, hätten eigentlich immer alle festgehalten. Dennoch, sagt Michael, „hat sich im späten Mittelalter eine Darstellungstradition etabliert, in der nicht nur der menschgewordene Gott, sondern auch die erste göttliche Person, der unsichtbare allmächtige ewige Vater abgebildet wird, und zwar in der Gestalt eines alten Mannes. Da spielte zum einen eine Prophetenvision eine Rolle, mit der man solche Bilder rechtfertigt, außerdem scheint es wegen des Vaternamens irgendwie nahe zu liegen, wenn man den Sohn als einen Mann mittleren Alters darstellt, dann dessen Vater als älteren Mann darzustellen.“

Man müsse sich aber fragen, ob solche Bildwerke hilfreich seien oder einem Verständnis doch eher im Wege stünden, formuliert Michael und fährt fort: „Wenn ich den Leuten Bilder vor die Augen setze, das ist auch eine Grunderkenntnis dieser ganzen Bilderstreitigkeiten, haben diese eine ganz unmittelbare Wirkung. Und wenn ich die Vorstellung oder den Affekt durch ein Bildwerk festlege, dann kommt das Wort, in welchem sich für uns in Wahrheit Gott offenbart, kaum mehr gegen das Bild an. Das muss man religionspädagogisch unbedingt berücksichtigen.“

Das Gerokreuz im Kölner Dom

Ein einzigartiges monumentales Bildwerk findet sich bis heute im Kölner Dom. Das so genannte Gerokreuz stammt aus dem 10. Jahrhundert und hat die Menschen seiner Zeit ungeheuer beeindruckt. „Es stand früher im alten Dom mitten in der Kirche, heute ist es mit einer Sonne barock gefasst an einer Wand zu sehen und dadurch etwas in eine himmlische Sphäre entrückt.“ In seiner Aufstellung am Kreuzaltar in früherer Zeit sei der Eindruck offensichtlich so realistisch gewesen, erklärt Michael, dass Zeitgenossen angesichts der Größe tatsächlich die Erfahrung einer Gottesbegegnung gemacht hätten.

Da man jedoch einem Bildwerk diese Kraft nicht ohne weiteres zuschreiben wollte, entstand schon bald die Legende, das Kreuz sei durch Gott selbst vollendet worden und es enthalte tatsächlich das, was es darstellt. Ein Chronist schrieb um das Jahr 1000 n. Chr., dass es einen Spalt im Haupt des Bildwerkes gegeben habe, in den der Erzbischof Gero eine Kreuzreliquie sowie eine konsekrierte Hostie gelegt habe, woraufhin der Spalt sich schloss. „Man rechtfertigte das Erleben durch die Legende“, erklärt die Theologin. „Man hat dieses Bildwerk bei einer Restauration gründlich untersucht und nichts von einer Kreuzreliquie oder Hostie gefunden. Man merkt, wie neu und ungewohnt diese Präsenzerfahrung war.“

Ein Kirchenraum spricht eine eigene Sprache

Bildwerke jeglicher Art sind heute in fast jedem Gotteshaus zu finden. Namhafte Künstler haben über die Jahrhunderte ihre Spuren in Form von Bildern, Skulpturen oder Fenstern hinterlassen. Im 20. Jahrhundert ziehen Namen wie Chagall, Lüpertz und Richter Tausende in die Kirchen, um die Pracht der monumentalen Fenster zu betrachten. Im Zuge vieler Kirchenaustritte kann man sich fragen, ob Kirchen zukünftig eine Alternative zu den Museen werden?

Das sieht die studierte Kunstgeschichtlerin allerdings anders. „Ich würde einen Unterschied zum Museumsbesuch sehen, denn im Museum habe ich meist eine gewisse Distanz. Man hat da Kataloge, informiert sich und schreitet die Dinge ab. In der Kirche dagegen wirkt der Raum als ganzer. Man geht vielleicht zunächst hin, um dieses eine Kunstwerk zu sehen, aber man betritt den Raum, und der spricht oft auch eine eigene Sprache. Vielleicht kann man die Erfahrung machen, dass man als Einzelner in einem großen Sinnzusammenhang aufgehoben ist. Ein entsprechend gestalteter Kirchenraum hat eine Botschaft ohne Worte.“

Kirchenräume in Wuppertal

Diese Botschaft ohne Worte kann man auch in der eigenen Stadt erleben. Michael hat eine Zeitlang oberhalb der Bergischen Universität gelebt und die umliegenden Kirchen besucht. In der Laurentiuskirche zum Beispiel gefalle ihr der klar strukturierte, sehr helle und kostbar, aber sparsam ausgestattete Raum. „Und besonders gut gefällt mir die Christuskirche hier am Grifflenberg. Die war ja sehr kriegszerstört und ist dann in den 50er Jahren innen ganz modern gestaltet worden, und das ist sehr gelungen. Man hat da diese schlanken Stützen, man hat den klaren, hellen Raum. Besonders schön ist das Apsisfenster. Das ist eine Darstellung des wiederkommenden Christus’, sehr vielfältig im Einzelnen und gerade, wenn die Sonne scheint, dann ist das Bild ein einziges glühendes Licht. Das ist sehr beeindruckend.“

„Religion“, sagt sie am Ende, „ist ja nicht nur Weltanschauung oder Ethik, sondern Religion hat mit dem Verhältnis zum Unendlichen zu tun“, und da kann vielleicht Kunst etwas zum Ausdruck bringen, was sich nicht leicht in Worte fassen lässt.