Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Watt mott, datt mott!

Wuppertal · Neulich ging ich in Ronsdorf eine ziemlich steile und unkomfortable Treppe herunter, die hinter mir auch eine ältere Dame in Angriff nahm. Sie war nicht mehr gut zu Fuß und schnaufte hörbar besorgt angesichts dieser Aufgabe. Statt zu jammern oder verängstigt abzudrehen sprach sie jedoch einen Satz, dessen wahre Größe und Kraft mir erst in diesen Tagen richtig bewusst wird: „Wat mott, dat mott!“

 Roderich Trapp.

Roderich Trapp.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Max Höllwarth

Wir erkennen hier bei näherem Hinsehen einen der großen Wuppertaler Universalsätze, der sich über Jahrzehnte hinweg aus der Last des Daseins in einer strukturschwachen Region mit Dauerregen herausgeschält und zu einem auf alle denkbaren Situationen passenden Alltagskommentar entwickelt hat.

Es gibt praktisch kein Lebenserschwernis, das sich mit diesen vier kargen Worten nicht zutreffend einordnen lässt: „Darmspiegelung?“ - „Wat mott, datt mott.“ - „Busse fahren bei uns nur noch, wenn man sich selbst ans Steuer setzt?“ - „Wat mott, dat mott.“ - „Beim Wuppertaler Weihnachtsmarkt braucht man einen Detektiv, um die Stände zu finden?“ - „Wat mott, dat mott!“ - „Du gehst zum WSV, obwohl der nicht gegen den 1. FC Köln, sondern den 2. FC Kleckersdorf spielt?“ - „Wat mott, dat mott!“

Als Meister der Beschränkung braucht der Wuppertaler für diese vier sinnstiftenden Worte übrigens nur drei verschiedene Wörter. Ein eindrucksvoller Beleg dafür, wie wir hier aus ganz wenig ziemlich viel machen können. „Wat mott, datt mott“ symbolisiert außerdem schon mit seiner robusten dunklen Lautfärbung besondere Widerstandsfähigkeit. Es ist damit sozusagen die Wuppertaler Übersetzung des Modewortes „Resilienz“, mit dem wir vor zwei Jahren im Zuge der täglichen Corona-Talkshows plötzlich und unerwartet konfrontiert wurden.

Bis dahin kannte ich eigentlich nur Lienz in Osttirol, wo sicherlich auch eine Resi wohnt. Aber seit Wichtigtuer durch die Benutzung des Wortes „Resilienz“ permanent ihre eventuell vorhandene Kompetenz öffentlich untermauern müssen, begegnet es uns überall. Genau wie die „vulnerablen Gruppen“. Von denen hatte ich noch nie gehört und staunte dann, wie selbstverständlich sie auf einmal jeder in den Mund nahm. Vulnerable Gruppen unterscheiden sich daher etwa von Kindergarten-Gruppen oder Selbsthilfe-Gruppen vor allem dadurch, dass ihre Mitglieder dank des Fremdwörterwahns gar nicht wissen, dass sie zu ihnen gehören. Corona hat eben nicht nur gesundheitliche Nebenwirkungen ...

Mit solcher Schlauschwätzerei haben wir in Wuppertal zum Glück nichts am Hut. Wenn uns bei der nächsten Stromrechnung auch ohne ans blanke Kabel zu fassen, der Schlag trifft, dann sagen wir mit Blick auf die atemberaubenden Beträge, die da drin stehen, nicht „Oha, das bringt mich aber jetzt eine außerordentlich herausfordernde finanzielle Situation“, sondern „Driete!“. Und natürlich „Wat mott, datt mott!“, weil man es ja nun mal schwerlich ändern kann und sich für das dann nicht mehr vorhandene Geld in Wuppertal mangels Handelsbesatzes sowieso kaum noch was hätte kaufen können.

Sollte jetzt auch noch der Kaufhof dicht machen, dann können wir demnächst nur noch Schafe züchten und aus deren Wolle die Pullis selbst stricken. Was sagen wir dazu? Wat mott, dat mott ...

Bis die Tage!

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