Aus dem Tagebuch der Redaktion (4. April 2018): Der Krieger und die Kaiserin

Aus dem Tagebuch der Redaktion (4. April 2018) : Der Krieger und die Kaiserin

Auf der Rundschau-Kulturseite am 4. April 2018 lesen Sie über "Masurca Fogo" von Pina Bausch im Opernhaus. Anderswo können sie aber auch gut tanzen. Nur anders halt. Ich war am Ostersamstag im "Tanzhaus NRW" in Düsseldorf.

Dort gab es beim Flamenco-Festival Eduardo Guerrero aus Cádiz in Spanien, den man den "Shootingstar des Flamenco" nennt. Der 34-Jährige zeigte die deutsche Erstaufführung seines aktuellen Stückes "Guerrero". Das bedeutet, so wie sein Nachname, "Der Krieger". Zwei Gitarristen, drei Sängerinnen und der kurzbärtige, langhaarige, voll austrainierte Hauptdarsteller auf einer sparsamen Bühne im geschickt beleuchteten Halbdunkel.

Wenn ich mit meinen Eltern in Urlaub war, bin ich vor dem typischen Touristen-Flamenco immer geflohen. Aber vor fast 20 Jahren, als die Philips-Halle noch Philips-Halle hieß, habe ich eine großartige Flamenco-Show mit Joaquín Cortés erlebt. Jetzt hat's mich erneut gepackt.

"Guerrero" erzählt nicht vom Krieg mit Waffen, sondern vom Mann und den Frauen. Liebe, Sehnsucht, Verlust, Eifersucht. Die drei vollblütigen Sängerinnen sind Mutter, Freundin, Geliebte — spinnen Guerrero ein ins Netz ihrer Gefühle. Und er sie. Sehr (macho-)körperlich ist das, sehr klagend-laut begleitet von den typischen Flamenco-Liedern, die manchmal Gänsehaut und manchmal Schmerzen in den Ohren machen. Das Stampfen der Schuhe, das Klatschen der Hände, die Wogen des Gesangs, der Sturm der Gitarren.

Etwas eindimensional die Choreographie: Da hat meine Freundin, die es stets sehr genau nimmt, recht. Und ein paar Wackler, wenn Guerrero auf einem Bein stehend, das andere waagrecht in der Hand seines Gegenübers, sich biegt und bewegt. Aber kann man so eine Figur überhaupt halten, ohne zu zittern?

Apropos zittern: Das tut der Boden und damit der ganze Raum. Besser gesagt, er bebt. Immer wieder, wenn Geschwindigkeit, Athletik, Musik und Gesang ihre Höhepunkte erreichen, tobt der Saal. Sehr modern ist das — zugleich stolz, klassisch, elegant. Nicht zeitgemäß verzuckert, nicht stylisch gebügelt.

So was fehlt uns in Wuppertal. Ich wünsche mir, dass wir in zwei bis drei Jahren mit dem Pina-Bausch-Tanzzentrum im Schauspielhaus eine Arena bekommen, um solchen Gäste einen passenden Rahmen zu bieten. Eduardo Guerrero käme bestimmt gern.

Im Netz, auf "Flamenco divino", habe ich ein Interview mit ihm gefunden. Da kommt er ganz von selbst auf Pina Bausch — und sagt: "Ich bin ein großer Fan von Pina Bausch, ich bewundere sie sehr. Durch meine Arbeit in der Compañía von Eva Yerbabuena kam ich ihr sehr nahe. Ich hatte das Glück, dass ich neben ihr sitzen und sie beobachten konnte, wie sie sich bewegte, schon wenn sie sich eine Zigarette nahm, hatte das Qualität. Nur wenn sie da saß, war das schon Tanz. Selbst wenn sie sich nur an eine Wand lehnte, war das Bild perfekt: diese eingesunkene Brust, diese Haare, diese Nase … ich weiß auch nicht, alles an ihr war in perfekter Harmonie. Deswegen war sie Pina Bausch. Aber man muss gar nicht so viel darüber nachdenken, der Künstler offenbart sich schon, wenn er nur geht."

So schön (und vielleicht kaum schöner) kann man über Pina Bausch sprechen.

Mein Blick fällt auf das Plakat des Festivals "3 Wochen mit Pina Bausch", das seit 2008 in meiner Wohnung hängt, und bei dem die Liste der internationalen Gaststars gar kein Ende nehmen wollte. Eva Yerbabuena war damals (natürlich) auch in Wuppertal. So schließt sich der Kreis.

Möge unser Tanzzentrum bald Wirklichkeit werden. Und Eduardo Guerrero dann auch nach Wuppertal kommen. Ojalá! Das heißt auf spanisch: Hoffentlich!

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