1. Held des Alltags

Alltagsheld: Er bringt die Utopie ins Rollen

Alltagsheld : Er bringt die Utopie ins Rollen

Klaus-Georg Becher verleiht Fahrräder am Mirker Bahnhof. Es ist übrigens nicht sein einziges Engagement für die Stadt, aber er möchte für uns hier am Bahnhof der Alltagsheld sein. Denn: "Dieser Ort braucht weiter Unterstützung."

Für einen Moment strahlt die Sonne über die pfützengetränkte Trasse, aber keine zehn Minuten später schieben sich dunkelgraue Wolkenberge vor ihre gleißende Strahlen. "Es könnte doch gar nicht besser sein", schmunzelt Klaus-Georg Becher, 77 Jahre alt, der auf einer Palettenbank sitzt und unter seiner Schiebermütze herblinzelnd zum Himmel schaut.

Der Mirker Bahnhof hat ihm über den Winter gefehlt. In den warmen Monaten steht er jeden Mittwoch im Fahrradverleih und schiebt für jeden das richtige Rad nach vorn. Nur 20 Euro Pfand müssen die Radler hinterlassen. Die Räder sind gespendet, die ehrenamtlichen Schrauber haben sie fit gemacht und zu Becher und seiner Truppe in den Radstall gebracht.

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"Hinz und Kunz", sagt Becher, leihen sich bei ihm ein Fahrrad, um eine Runde über die Trasse zu drehen. Arm und reich, jung und alt, das mag er sehr.
Utopiastadt ist nun einmal eine Stadt für jeden, auch für ihn. "Die jungen Leute haben hier eine richtige Clique", erzählt er. "Aber auch ich als älterer Helfer habe hier meinen festen Platz. Dass ich hier bin, bewirkt etwas. Was genau, kann ich nicht beschreiben, aber das ist doch gerade das Besondere."

Die Welt um den historischen Bahnhof hat sich als bessere Parallelwelt zu einem ganz eigenen Biotop entwickelt. Und der Fahrradstand ist in diesem Biotop Bechers ökologische Nische. Denn Fahrradfahren, das hat ihm immer viel bedeutet. Mit neun Jahren hat er es sich selbst beigebracht, auf einem riesengroßen Herrenrad, mit 14 Jahren ist er mit Kumpels einmal um den Bodensee geradelt. Als Lehrer der Christian-Morgenstern Schule organisierte er Touren an der Ostsee und in Ostfriesland. Heute fährt er nur noch ab und zu auf der Trasse, dafür schickt er andere auf den bunten, unperfekten Rädern auf den ebenen Weg, hoch über dem hügeligen Tal.

Eigentlich sollte der Radverleih schon am 21. März beginnen, quasi symbolisch mit dem Frühling, aber bei all dem Optimismus hat das Wetter nicht mitgespielt. Becher hofft, dass sich genug Ehrenamtliche finden, um wie im vergangenem Jahr ab April jeden Tag Menschen auf eine kostenlose Trassentour einzuladen. "Ich finde es sinnlos, auf eine bessere Politik zu hoffen", erklärt Becher, wie Utopie auch anderswo zur gelebten Realität werden kann. "Wenn jeder ein bisschen hilft, würden wir uns selbst schaffen, auf was wir hoffen." Dass Wuppertal am Mirker Bahnhof genauso eine Welt erfunden hat, stimmt ihn froh. "Ich bin 1945 nach Wuppertal gekommen. Und irgendwie wollte ich nie so richtig bleiben. Aber jetzt bin ich doch froh, genau hier zu sein."

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