Tod als Teil des Lebens begreifen

Ein ungewöhnliches Projekt : Tod als Teil des Lebens begreifen

Pastorin Sylvia Wiederspahn führt seit 14 Jahren ein ungewöhnliches Projekt mit Vorschulkindern durch.

Tod und Sterben gehören zu den Themen, die in den meisten Familien tabuisiert werden. Aus Angst, Kinder zu überfordern, wird ihnen oft der letzte Besuch bei der sterbenden Großmutter oder die Teilnahme an der Beerdigung verweigert. Ein wirkliches Abschiednehmen kann so nicht stattfinden. Dies möchte die evangelische Seelsorgerin Sylvia Wiederspahn ändern und führt Kindergartenkinder behutsam an diese Themen heran.

Dazu hat Sylvia Wiederspahn ein Programm in mehreren Schritten entwickelt, das den Tod von vielen Seiten beleuchtet.

„Bevor ich damals loslegte, musste ich zuerst die Erzieherinnen überzeugen“, so Wiederspahn. Das gelang der engagierten Kirchenfrau und seitdem wird das Thema jedes Jahr mit den Vorschulkindern der evangelisches Kitas besprochen.

Beim ersten Besuch wird die Geschichte vom alten Dachs erzählt, der spürt, dass seine Tage auf der Erde gezählt sind und der allen seinen Freunden ein Geschenk zur Erinnerung zurücklässt. Nachdem die Tiere des Waldes ihre erste Trauer überwunden haben, erinnert sich ein jedes an die schönen Stunden mit dem Dachs. Hier gibt es viele Anknüpfungspunkte für die Kinder, denn fast alle sind schon mit dem Verlust eines geliebten Haustieres konfrontiert worden.

Einige Tage später besucht die Gruppe einen Friedhof. Besonders die kleine Glocke in der Kapelle findet viel Aufmerksamkeit. „Kann man die läuten?“ „Klar“, und Sylvia Wiederspahn lässt es Bimmeln. Gemeinsam werden unterschiedliche Gräber besucht und auf dem Grab eines Freundes wird eine Kerze angezündet. Dann werden von den kleinen Entdeckern die Grabsteine unter die Lupe genommen, die Inschriften entziffert, Engel und andere Figuren aus Stein angeschaut und auf einem Grab sogar ein Flötenspieler entdeckt. „Die Verstorbene, die hier beerdigt worden ist, war Flötistin im Symphonieorchester“, erklärt die Pastorin. Doch da steht auch schon der Bagger im Mittelpunkt des Interesses, mit dem die Gräber ausgehoben werden.

Nächste Station ist das Bestattungsinstitut Krizancic, wo Gaby Krizancic und Ehemann Stipo zusammen mit Mitarbeiterin Claudia Cremer schon auf die Kinder warten. Ohne Scheu geht’s in die Räume und direkt in das Sarglager. Hier werden die Holzkisten bestaunt und die Kreuze. „Die kann man natürlich abnehmen, wenn jemand nicht in der Kirche ist“, erklärt Gaby Krizancic, die auch die Innenausstattung der Särge zeigt. „Sieht gemütlich aus, fast wie ein Bett“, „Kann man auch im Badeanzug oder im Schlafanzug beerdigt werden?“, kommt es aus den Reihen der Kinder. „Alles ist möglich, ganz wie der Verstorbene und seine Angehörigen es wünschen“, geben die Bestatter Auskunft und zeigen dann die Urnen für die Feuerbestattung.

Einen Raum weiter steht ein Tisch, wie man ihn sonst nur aus der Anatomie kennt. „Wer kann sich vorstellen, wofür der gebraucht wird?“, fragt Sylvia Wiederspahn. Keiner kennt die Antwort und Gaby Krizancic erklärt: „Hier werden die Toten gewaschen, auf Wunsch auch geschminkt oder die Fingernägel lackiert, darin ist mein Mann Stipo besonders gut.“

Stipo Krizancic erklärt, dass er manchmal auch Verstorbene bis ihn ihr Heimatland transportieren muss. Anschließend dürfen die Kids die Leichenwagen anschauen und auch einmal hineinklettern, was sich besonders die Jungs nicht zweimal sagen lassen.

Am nächsten Tag feiert die Gruppe in der Kirche einen Gottesdienst, in dem die Geschichte vom Tod der Oma Lisa und die Trauer ihres Enkels Jasper im Mittelpunkt steht. Zum Abschluss des Projekts gibt es ein letztes Gespräch. Dazu ist Sylvia Wiederspahn in die Kita gekommen, sitzt mit den kleinen Experten im Kreis und lässt alle Stationen Revue passieren.

Verblüffend, wie viel die Kinder behalten haben. Zum Schluss geht es noch um die Trauer. „Wenn man traurig ist, dann weint man. Ich war auch ganz traurig, als mein Hund gestorben ist“, erzählt ein kleines Mädchen. „Und was kann einen trösten?“, fragt die Seelsorgerin in die Runde. „Die Eltern, aber auch ein Kuscheltier oder Geschwister“, ist die Antwort. „Eigentlich ist Sterben nicht so schlimm, man schläft für immer“, meint ein kleiner Experte und erzählt vom Tod der Oma. „Wie kann man sich an die Verstorbenen erinnern?“, möchte Wiederspahn wissen und die Kinder haben viele Ideen. „Wenn man sich Bilder anschaut oder zum Friedhof geht und Blumen hinbringt“.

Die Kinder reden auch mit ihren Eltern über ihre Erlebnisse, beziehen so die Familien in die Thematik mit ein. „Eine Mutter hat mir berichtet, dass beim Tod der Oma die Enkelin genau Bescheid wusste und die Eltern verblüfft hat“, ein positives Ergebnis für die Pfarrerin, die im Sommer mit den Kindern erneut den Friedhof besuchen wird. Dann jedoch in fröhlicher Mission, „Wir wollen uns mit den Bienenstöcken und dem Naturraum Friedhof beschäftigen.

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