In Wuppertal stehen wir an einem anderen Punkt. Seit Längerem wird darüber diskutiert, ob die Zentralbibliothek in das leerstehende Galeria-Kaufhof-Gebäude am Neumarkt ziehen soll. Die Immobilie steht seit 2024 leer, nun wird sie als möglicher Kern eines Bildungscampus gehandelt – mit Zentralbibliothek, Volkshochschule, Bergischem Weiterbildungskolleg, Gastronomie und studentischem Wohnen unter einem Dach.
Die Vision: ein großer Bildungs- und Aufenthaltsort mitten in der City, der Lernen, Arbeiten und Begegnung bündelt. Noch ist das jedoch ein Konzept auf Papier. Die Stadt verhandelt mit Eigentümer und Projektentwickler Coinel aus Düsseldorf, parallel läuft eine Wirtschaftlichkeitsprüfung. Im Raum steht vor allem die Frage: Lieber langfristig mieten oder doch kaufen?
An dieser Grundsatzentscheidung hängt viel. Neben der politischen Zustimmung muss geklärt werden, ob sich ein solcher Campus für die Stadt finanziell überhaupt stemmen lässt. Erst, wenn die Zahlen auf dem Tisch liegen, wird der Stadtrat Farbe bekennen.
Ein paar Kilometer weiter östlich ist man schon weiter. In Gummersbach beschloss der Rat Ende 2023, die Stadtbibliothek von ihrem bisherigen, eher abgelegenen Standort an der Moltkestraße in das ehemalige Karstadt-Gebäude im „Bergischen Hof“ zu verlegen. Gut zwei Jahre später, im Herbst 2025, eröffnete dort die Neue Bibliothek Gummersbach.„Wir wollten mitten in die Stadt“, sagt Bibliotheksleiter Christian Bürgin.
Die alte Bücherei war wesentlich schlechter erreichbar. Zwischenzeitlich stand ein Neubau im Raum, der sich aber als zu teuer erwies. Also entschied sich die Stadt für den Umzug ins bestehende Kaufhaus. Heute nutzt die Bibliothek die erste Etage des früheren Warenhauses, direkt neben der ebenfalls hier eingezogenen Volkshochschule.
Offene Räume, niedrige Regale und viele Arbeitsplätze prägen das Bild. Die Regale sind bewusst so niedrig, dass man den gesamten Raum im Blick behält – das macht die Atmosphäre offen und freundlich. Große Fensterfronten holen Tageslicht hinein, warme Farben und verschiedene Sitzgelegenheiten lassen den Raum eher wie ein Wohnzimmer wirken als wie eine klassische Bücherei.
Neben Tischen und Stühlen gibt es Sitzsäcke in der Jugendabteilung und im Kinderbereich lädt eine kleine Spiellandschaft zum Entdecken ein. Fast überall gibt es Steckdosen, das WLAN ist kostenlos, im Lernzentrum stehen Plätze für Schüler und Studis bereit. Wer länger bleibt, kann sich in einem kleinen Cafébereich einen Kaffee holen – eine Maschine steht kostenlos zur Verfügung.
Wenn Natalie nach der Schule ihren Laptop aufklappt, eine Tasse Tee neben sich stellt und im Schulbuch blättert, wirkt das wie ein tägliches Ritual. „Ich komme jeden Tag her und bleibe, bis die Bibliothek um 17 Uhr schließt“, sagt die Schülerin. Früher habe sie die Bibliothek kaum genutzt: „Ich wusste gar nicht so richtig, dass es sie gibt.“ Der zentrale Standort habe das geändert.
Bibliotheken verstehen sich längst nicht mehr nur als Ausleihstation für Bücher. Bürgin spricht vom „dritten Ort“, einer Art öffentlichem Wohnzimmer. Wie gut dieses Konzept in Gummersbach aufgeht, zeigen die Zahlen: Früher kamen rund 150 Menschen pro Tag in die Bücherei, seit der Neueröffnung hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. Auch die Neuanmeldungen sind deutlich in die Höhe geschnellt.
Besucher Holger etwa schaut nun regelmäßig zum Lesen und Verweilen vorbei – aber auch erst seit dem Umzug. „Der alte Standort war mir zu weit“, sagt er, aber nun komme er extra öfter in die Innenstadt. Die Lehrerinnen Jana und Britta sind mit ihrer Schulklasse da. „Der Standort wertet die Innenstadt total auf“, sagt Britta. „Das alte Karstadt-Innere ist nicht wiederzuerkennen.“
Ganz reibungslos war der Weg zur neuen Bibliothek natürlich auch nicht. Beim Umbau gab es technische Probleme, etwa bei Akustik und Decke. Manche Bausteine entstanden erst im Prozess, das Lernzentrum zum Beispiel war zunächst nur eine Idee am Rand. „Man darf da keine Scheuklappen haben“, sagt Bürgin rückblickend. Vieles sei unterwegs gewachsen. Sein Rat an Städte mit ähnlichen Plänen fällt entsprechend knapp, aber bestimmt aus: „Keine Angst!“
Die Parallelen zu Wuppertal liegen auf der Hand. Auch hier steht ein ehemaliges Kaufhaus leer, auch hier sucht die Stadt nach einer neuen Nutzung. Und auch hier soll die Bibliothek mehr werden als ein Ort mit Bücherregalen – nämlich ein Treffpunkt, an dem man sich gerne aufhält.
Ganz deckungsgleich sind die Ausgangsbedingungen aber nicht. Während Gummersbach in erster Linie einen neuen, besser erreichbaren Standort für seine Bibliothek suchte, denkt Wuppertal größer: Der Bildungscampus am Neumarkt soll Bibliothek, Weiterbildung, Gastronomie und Wohnen bündeln. Damit wäre es ein deutlich umfangreicheres Projekt, das mehrere Funktionen und Institutionen unter einem Dach zusammenführt. Gerade diese Größe macht das Vorhaben jedoch auch komplizierter. Neben der politischen Grundsatzentscheidung geht es vor allem um die Finanzierung.
Während Gummersbach also längst eröffnet hat, steckt Wuppertal noch mitten im Abwägungsprozess. Der Blick hinüber zeigt jedoch, welches Potenzial in einem ehemaligen Kaufhaus steckt. Und, dass es mehr sein kann als ein Relikt aus Zeiten des großen Einzelhandels.
Natalie wird morgen nach der Schule jedenfalls wiederkommen. Mit Laptop, Block und ihrer Thermoskanne Tee.