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Wuppertal: "Circular Valley"-Erfinder Gerhardt im Rundschau-Interview

Interview mit Carsten Gerhardt : „Wuppertal kann die Spitze übernehmen“

Zwei Trassen und ein Park – jetzt will die „Wuppertalbewegung“ etwas anderes machen: Ohne Gegenstimmen (bei zwei Enthaltungen) haben die Mitglieder des überparteilichen bürgerschaftlichen Vereins bei ihrer letzten Jahreshauptversammlung im Dezember 2019 grünes Licht für den nächsten Schritt gegeben – und damit im wahrsten Sinn des Wortes für eine nächste Dimension votiert.

Die nachfolgende Themensuche hat ein klares Bild ergeben: Noch in diesem Jahr soll „Circular Valley“, ein von Wuppertal aus wirkendes globales Projekt für echte ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft, starten. Mit einem eigenen Gelände und Gebäude im Umfeld des Heckinghauser Gaskessels. Stefan Seitz und Roderich Trapp sprachen mit „Wuppertalbewegung“-Chef Carsten Gerhardt über „Circular Valley“ – und mehr.

Rundschau: Sind die Nordbahn- und die Schwarzbachtrasse jetzt für die „Wuppertalbewegung“ passé?

Gerhardt: „Ganz im Gegenteil! Erstens kümmern wir uns weiterhin um beide Strecken und um den Hackenbergschen Park, und zweitens sind die Trassen ein lebendiges Beispiel für den Gedanken von ,Circular Valley’, also von Kreislaufwirtschaft. Wir haben zwei alte Bahnstrecken zu etwas Neuem ,re-cycelt’, um ein zum Thema Radfahren passendes Wortspiel zu benutzen. Genau darum soll es auch in Zukunft gehen: im ,Circular Valley’ mit seinem ,Accelerator’-Gebäude, wo eine Denk-, Forschungs- und Ideenfabrik entstehen wird. 100 Milliarden Tonnen menschengemachter Abfall pro Jahr sind eine riesige Aufgabe. Wie kann es gelingen, produzierte Stoffe im Kreislauf zu lassen, sie nicht wegzuwerfen oder zu verbrennen? So dass es keine riesigen Müllhalden in Entwicklungsländern mehr geben muss, kein Plastik mehr im Meer, und, und, und.“

Rundschau: Gerade das Thema Plastikmüll bewegt ja viele Menschen …

Gerhardt: „… und dabei macht dieser Bereich ,nur’ 350 Millionen der eben erwähnten 100 Milliarden Tonnen aus. Plastik ist eigentlich eine gute Sache mit vielen Vorteilen, aber es sollte eben nicht in der Umwelt und im Meer landen, sondern wirklich recycelt werden können. Daran und an zahlreichen anderen Facetten echter Kreislaufwirtschaft forschen und arbeiten im Bergischen Land, entlang der Rheinschiene und im Ruhrgebiet viele Firmen und Institutionen. Sie alle wollen wir zum ,Circular Valley’ verbinden und dann Startup-Gründer aus aller Welt nach Heckinghausen holen. Das ,Circular Valley’ mit seinem Wuppertaler Kern soll groß gedacht und groß gemacht werden, denn die damit verbundene Aufgabe bekommt man nur gemeinsam hin.“

Rundschau: Das klingt nach einem dicken Brett. Die „Wuppertalbewegung“ traut sich das zu?

Gerhardt: „Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir können, was wir uns vornehmen. Die Schwarzbachtrasse etwa haben wir mitten in der höchsten Baukonjunktur pünktlich und unter dem Budget fertiggestellt. Wir sind unabhängig und haben Mitglieder aus allen nur denkbaren Bereichen, die dafür brennen, etwas für die Stadt zu tun. Wenn wir eine Frage stellen, finden wir sehr schnell jemanden, der uns helfen kann. Wir haben weit über die Stadt hinaus nur positive Reaktionen auf die ,Circular Valley’-Idee bekommen. Bis hin zu einer Mail, in der es hieß: ,Wenn ihr das macht, dann ziehe ich nach Wuppertal!’“

Rundschau: Was wäre es denn konkret, was die „Wuppertalbewegung“ in Zukunft machen möchte?

Gerhardt: „In Heckinghausen nahe dem Gaskessel, einem historischen Industrialisierungs-Ort, wo beispielsweise die Geschichte von Bayer begann, ein Gebäude zu errichten, in dem Menschen aus aller Welt nachdenken, forschen, Kontakt mit der örtlichen und weltweiten Wirtschaft aufnehmen, um innovative, hochwertige Recycling-Verfahren an einem Ort zu bündeln. Die Techniken dazu gibt es bereits, man muss sie aber marktreif machen. Das soll ,Circular Valley’ durch die Begegnung vieler kluger Köpfe in Heckinghausen möglich machen. Es soll Platz sein für etwa 40 Gründer und Startups aus allen Teilen der Welt, um deren Betreuung sich die ,Wuppertalbewegung’ kümmern wird. Solch einen Ort, an dem es nur um zukunftsorientierte Kreislaufwirtschaft geht, gibt es bisher nirgendwo auf der Welt. Wuppertal kann hier die Spitze einer großen Bewegung übernehmen.“

Rundschau: Nicht jeder Wuppertaler würde auf Heckinghausen als Standort für solch ein Projekt kommen …

Gerhardt: „Dabei ist Heckinghausen beziehungsweise der Wuppertaler Osten im Allgemeinen ideal dafür! Ein internationaler und kosmopolitischer Stadtteil ohne gutbürgerliche Gartenzwerg-Mentalität. Menschen aus Ghana, Kolumbien, den USA, Asien oder woher noch können sich hier wohlfühlen, finden preiswerten Wohnraum und sind gut an alle wichtigen Verkehrswege angebunden. Außerdem ist der Gaskessel selbst ein Beispiel für gelungenes Recycling und damit das ideale Wahrzeichen für ,Circular Valley’. Man kann Europas einzige 360-Grad-Leinwand im Gaskessel auch wunderbar für Präsentationen neuer Verfahren und Ideen nutzen.“

Rundschau: Die „Wuppertalbewegung“ ist eine Bürgerbewegung. Wie sorgen Sie dafür, dass der neue Schwerpunkt auch bürgernah bleibt?

Gerhardt: „Die Bürger werden im Heckinghauser ,Circular Valley’-Gebäude stets willkommen sein. Sie können und sie sollen hineinschauen, Fragen stellen, eigene Ideen beisteuern. Stellen Sie sich beispielsweise vor, jemand würde am Recycling von Windeln arbeiten: Da sind die Erfahrungen und Meinungen von Müttern gefragt. Vor Ort kann man schnell Kontakt miteinander aufnehmen und herausfinden, welche Verfahren der Wiederverwertung für die Menschen überhaupt sinnvoll sind. Wenn ,Circular Valley’ gut funktioniert, muss man keine Verbraucherbefragungs-Agenturen beauftragen, sondern macht die Türen auf, lädt die Menschen ein, zeigt ihnen, woran man entwickelt – und wird sehr schnell sehen, ob das zusammenpasst. Außerdem sollen auch regionale Mittelständler stets willkommen sein: Für die ist intelligente Wiederverwertung sehr wichtig, sie können aber nicht rund um den Globus tingeln, um gute Ideen zu suchen. In Heckinghausen würden sie sie im Idealfall alle unter einem Dach live finden können.“

Rundschau: Welches ist die Rolle der „Wuppertalbewegung“ in diesem Prozess?

Gerhardt: „Wir bringen alle Beteiligten zusammen, liefern die Sicht des späteren Konsumenten. Wir besorgen durch Eigen- und Fördermittel das nötige Geld, schaffen die notwendige Plattform, knüpfen Kontakte in die Stadt und den Stadtteil. Wir haben schon jetzt viele Hilfsangebote, etwa in Sachen Patentrechtsberatung oder Einführung ins deutsche Gesundheits- und Krankenversicherungssystem für Gäste aus aller Welt. Außerdem ist es natürlich unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das Haus steht, beheizt wird, die nötigen Räume und die Technik bietet. Unsere Kooperationspartner sollen global tätige Wuppertaler Unternehmen sein, die ihr weltweites Wissen wieder zurück in die Heimat importieren. Außerdem das Wuppertal Institut, die Bergische Universität, die Denkfabrik CSCP am Platz der Republik oder auch die global tätige Unternehmensberatung Kearney mit 4.000 Mitarbeitern, zu denen ich auch selbst gehöre. Es geht hier nicht um einen Recycling-Hof, sondern um eine Ideenschmiede für zukunftsweisende, überall einsetzbare Sortierungs- und Recyclingverfahren. Die Welt braucht keine extrem globalisierten Lieferketten mehr, das hat uns die Corona-Krise gezeigt, sondern wieder geschlossene Kreisläufe. Antworten auf die Frage, was aus den Kohlefasern wird, aus denen ,Dreamliner’-Flugzeuge hergestellt werden, oder wie die Lithium-Batterien von E-Autos recycelt werden können, sind für die Zukunft entscheidend.“

Rundschau: Was war denn Ihr eigener „Cirular Valley“-Wuppertal-Zündfunke?

Gerhardt: „Als ich vor einiger Zeit vor dem Heckinghauser Gaskessel stand, hat es ,klick’ gemacht und ich dachte: Das hier ist das Areal, wo das Herz von ,Circular Valley’ schlagen sollte. Die Gegend hat einerseits eine große Industriegeschichte und andererseits auch eine kleine Geschichte für mich, denn dort in der Nähe bin ich in den Kindergarten gegangen.“