Volles Haus beim Bürgerticket-Info

ÖPNV-Diskussion : Volles Haus beim Bürgerticket-Info

Fast 80 Wuppertaler waren dabei, als die "Initiative Solidarisches Bürgerticket" ihr Konzept im katholischen Stadthaus detailreich der Live-Öffentlichkeit vorstellte. Zusatzstühle mussten her, dann gab es viele Fragen — und einiges an grundsätzlicher Kritik.

Jan Niko Kirschbaum präsentierte — wie vor einigen Wochen bereits der Presse — das sehr komplexe Konzept für ein Solidarisches Bürgerticket, mit dem alle Wuppertaler den Nahverkehr der Stadt komplett und ohne Ausnahmen nutzen könnten. Solch ein Ticket wäre deutschlandweit bisher einzigartig. Kirschbaums Einleitungssatz: "Was treibt uns uns um? Oder wie uns jemand gemailt hat: Was ist in Sie gefahren?"

Von der Frage der Luft- und Umweltqualität oder der Senkung von Verkehrsopferzahlen wandte sich das Interesse schnell dem Thema Geld zu: 50, 30 oder 12 Euro soll das Bürgerticket für jeden Wuppertaler kosten — abhängig vom Netto-Monatseinkommen. Schüler würden 12, 6 oder 0 Euro bezahlen, gestaffelt (wie heute schon) nach erstem, zweitem, dritten Kind. Nichts bezahlen müssten Kinder unter 6 Jahren, Schwerbehinderte und andere Härtefälle. Studenten fahren weiterhin wie gewohnt mit ihrem Semesterticket.

Jörg Hofmann vom "Netzwerk Bürgerhaushalt", der auch zu den Bürgerticket-Aktiven gehört, im Gespräch mit der Rundschau: "Für alle, die bisher schon ein Wuppertaler ÖPNV-Ticket haben, würde es durch das Bürgerticket billiger, und sämtliche bisher gültigen Vergünstigungen blieben erhalten."

Das "Problem" — und das zeigte sich auch beim Info-Abend am Dienstag — sind die, die den ÖPNV nicht nutzen, und das auch nicht tun wollen, aber trotzdem fürs Ticket bezahlen müssten. "Überstülpung wie bei der GEZ" hieß es da beispielsweise. Dass der Solidaritätsgedanke genau hier greift, und weniger Autoverkehr auch denen nutzt, die Auto fahren wollen/müssen, grundsätzlich nur Rad fahren oder zu Fuß gehen, ist (und bleibt) ein Kernthema bei der Vermittlung des Bürgerticket-Gedankens.

Auch dass das fürs Ticket eingenommene Geld den ÖPNV deutlich verbessern soll, musste immer wieder unterstrichen werden. Ein Beispieldialog: "50 Euro sind ganz schön happig bei dem aktuellen ÖPNV!" (ein Bürger) "Kann ich verstehen! Das Geld ist für einen besseren ÖPNV!" (Jan Niko Kirschbaum)

Die Initiative unterstrich ihre Offenheit für weitere Ideen, Kritikpunkte, Überlegungen zum Thema des monatlichen Beitrages — und für zusätzliche Hinweise. Etwa in der Frage, dass wer in einem Gebiet ohne adäquates ÖPNV-Angebot (Jan Niko Kirschbaum nannte Stadtbezirke weit außerhalb) wohnt, nichts für das Ticket bezahlen muss. Dabei müsse allerdings genau geklärt werden, was "nicht adäquat" bedeutet.

Insgesamt will man möglichst wenig Durcheinander beziehungsweise Bürokratie. Und vor allem einen Modellversuch im Jahr 2021 unter Echt-Bedingungen. Plus einen Fahrgastbeirat, der die Qualität des dann neu finanzierten ÖPNV zusätzlich zur Politik (mit-)überwacht.

Mit im Boot bei der Bürgerticket-Initiative ist auch wissenschaftlicher Sachverstand: Professor Dr.-Ing. Ulrike Reutter vom Lehr- und Forschungsgebiet Öffentliche Verkehrssysteme der Bergischen Uni und Professor Dr.-Ing. Oscar Reutter vom Wuppertal Institut. Ulrike Reutter sagte am Dienstag: "Wuppertal hat die Chance, den ersten Schritt zu machen, um den Trend des immer schlechter werdenden ÖPNV zu drehen. Darauf zu warten, dass Impulse beispielsweise vom Land oder Bund kommen, macht wenig Sinn."

Und Oscar Reutter: "Wuppertal wäre mit dem Solidarischen Bürgerticket Deutschland-Vorreiter. Aber es muss allen klar sein: Es gibt keinen leichten Weg für diese Idee."

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