Prozess in Wuppertal: Ein Grillfest mit „Fifty Shades“?

Vor Gericht : Ein Grillfest mit „Fifty Shades“?

Man sitzt auf der Zuhörerbank des Landgerichts, reibt sich die Augen und fragt sich: Was war da los in diesem plüschigen Café in Wuppertal? Dort soll der damalige Juniorchef eine 17-Jährige sexuell missbraucht und vergewaltigt haben - im Backstubenkeller, die Hände teilweise mit Kabelbinder gefesselt.

Die Jugendliche soll zur Tatzeit im April 2015 als Praktikantin in dem Betrieb gearbeitet haben und nun ist klar: Der Angeklagte war ihr Großvater, dessen Sohn ist mittlerweile mit der Mutter des Mädchens verheiratet. Vor Jahren musste er Insolvenz anmelden - das Café wird seither unter anderem Namen weitergeführt.

„Komm zu Opa auf den Schoß“, soll der 70-jährige Angeklagte seinem Opfer zugeraunt haben. Die Mutter des Mädchens - in diesem Fall also dessen Schwiegertochter - will beobachtet haben, wie der Angeklagte mit offener Hose und glänzenden Augen aus dem Keller der Konditorei gekommen sei. Bei einem Grillfest soll er mit seiner Enkelin „Fifty Shades of Grey“ geschaut haben - tief versunken in den Film. Ihr sei das alles komisch vorgekommen, und irgendwann sei ihre Tochter dann auch zu ihr gekommenen und habe befürchtet, schwanger zu sein. Wohlgemerkt: Die Siebzehnjährige vermutete den Opa als potenziellen Vater. „Da muss es doch Geschlechtsverkehr gegeben haben“, wendete sich der Vorsitzende Richter fragend an die Zeugin. Die zuckte mit den Achseln und hatte alle Mühe, die zeitlichen Abläufe vor vier Jahren zu ordnen. Die Tochter soll mit dem Opa auch bei Sektenabenden gewesen sein - immer freitags, und danach habe das Mädchen beim Angeklagten übernachtet.

„Irgendwann ist dann im Badezimmer die Bombe geplatzt“, erinnerte sich die Schwiegertochter an den Tag, an dem ihre Tochter über den sexuellen Missbrauch gesprochen habe. Aber nicht einfach so, sondern weil es zuvor familiäre Streitereien in der Backstube gegeben habe. Der Angeklagte soll seiner dort angestellten Schwiegertochter am selben Tag gekündigt haben, weil die einen Streit mit dessen ebenfalls dort arbeitender Ehefrau gehabt habe. Worum es dabei ging? Man weiß es nicht genau. Wohl am ehesten um innerfamiliäres Kompetenzgerangel, an dessen Ende sich Mutter und Tochter auf der Polizeiwache wiederfanden. Der Seniorchef habe dann durchgegriffen und sie wieder eingestellt. Daraufhin waren es der Angeklagte und seine Frau, die ihre Koffer gepackt hätten.

Spätestens hier hat man das Bedürfnis, die Sachlage nochmals zu sortieren: Im Café gab es den Seniorchef, der längst schon nicht mehr lebt. Dessen nun auf der Anklagebank sitzender Sohn war Juniorchef und behauptet nun von sich, seit mittlerweile sieben Jahren glücklich verheiratet zu sein. Und dessen Sohn wiederum war es, der die Mutter des 17-jährigen Missbrauchsopfers im Internet kennen gelernt und mittlerweile geheiratet hat. Die Frau war damals aus Süddeutschland von ihrem gewalttätigen Mann geflohen, der sie und die Kinder geschlagen haben soll.

Dort vermutete die Zeugin nun ich den Grund dafür, dass sich die Tochter nicht gegen die sexuellen Übergriffe ihres „Opas“ habe zur Wehr setzen können. Die Kinder hätten sich in Wuppertal wohl gefühlt und Angst gehabt, wieder ins Nichts abzustürzen. Deshalb habe die 17-Jährige die Dinge über sich ergehen lassen - dazu soll der Angeklagte noch damit gedroht haben, dass sie „ihr blaues Wunder erleben“ werde, wenn sie sich jemandem anvertraue.

Dass sie selbst den Angeklagten mit erregtem Glied habe durchs Café gehen sehen? Nun ja, das sei ihr schon komisch vorgekommen. Sie habe darüber auch mit dessen Sohn, also ihrem Mann gesprochen. Aber erst, als sie selbst die Kündigung in den Händen hielt und ihre Koffer packen wollte, sei die Geschichte der Tochter ans Licht gekommen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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