Raus aus dem gewohnten Alltag, weg von den Eltern und mit Anlauf rein in das große Sommerabenteuer mit Gleichaltrigen: Nach wie vor sind die kirchlichen Sommerfreizeiten bei vielen Kindern und Jugendlichen beliebt, denn es geht bei ihnen um weitaus mehr als bloß um einen simplen Urlaub zur reinen Erholung.
„Sich in einer so intensiven Gemeinschaft mit Gleichaltrigen außerhalb von Schule und Familie zu erleben, ist für viele Jugendliche neu. Sie können sich ohne Leistungsdruck ausprobieren, andere Seiten an sich entdecken und über sehr persönliche Themen ins Gespräch zu kommen, die sie beschäftigen“, erklärt die Jugendreferentin des Kirchenkreises, Bettina Hermes.
Erste Freizeiten im 19. Jahrhundert
Doch woher kommt eigentlich die Idee, Kinder und Jugendliche in Gruppen verreisen zu lassen? Die Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, wie Stadthistoriker Heiko Schnickmann weiß. „Damals entstand durch die Industrialisierung die Idee, unterprivilegierte Stadtkinder zur Kräftigung aufs Land zu schicken“, erklärt er.
Der Begriff der Freizeit selbst wurde laut Schnickmann 1913 im Umfeld des Evangelischen Verbandes für die weibliche Jugend geprägt. Zu dieser Zeit organisierte Hulda Zarnack vom Vorstand des Weltbundes Christlicher Junger Frauen (YWCA) - inspiriert durch schwedische Jugendferienlager - eine Reise für junge Frauen. Bei den Vorbereitungen für eine Winterreise ins thüringische Tambach suchte das Team einen Namen. Eine Kollegin schlug das Wort „Freizeit“ vor, das dann als Bezeichnung für diese Art der Ausflüge bestehen blieb.
„Hören auf das Wort Gottes“
Bis in die 1960er Jahre hinein seien Freizeiten fast ausschließlich als kirchliche beziehungsweise religiöse Veranstaltungen verstanden worden, deren gemeinsames Merkmal das "Hören auf das Wort Gottes" war“, sagt der Stadthistoriker. Allerdings habe auch die säkular-romantische Wandervogel-Bewegung in den 1920er Jahren Impulse für diese Art der kirchlichen Jugendarbeit gegeben, die sich inhaltlich jedoch erheblich von den Wandervögeln unterschied.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich laut Schnickmann vor allem ein Pfarrer in Wuppertal für Jugendfreizeiten stark gemacht: der Wichlinghauser Theologe Walter Posth. „Inmitten der grauen Trümmer erkannte er sofort, dass die Jugendlichen vor Ort nach all den Entbehrungen dringend einen radikalen Tapetenwechsel und vor allem vernünftige Mahlzeiten brauchten.“ Kurzerhand und völlig unbürokratisch habe er die allererste große Fahrt nach Herchen an der Sieg organisiert.
LKW statt Reisebus Stroh statt Bett
„Mit vierzig aufgeregten Jugendlichen startete die Truppe auf einem hastig organisierten LKW, für dessen Nutzung erst mühsam eine spezielle Sondergenehmigung der Alliierten-Militärregierung beschafft werden musste“, erzählt der Stadthistoriker.
Schon bald darauf führte eine weitere ins Siegerland. „Geschlafen wurde in kratzigem Stroh, und die täglichen Mahlzeiten wurden in mühevoller Kleinarbeit aus knappen Lebensmittelmarken sowie den spontanen Spenden der lokalen Landwirte zusammengekratzt.“ Die erste Reise, für die die Kirche Geld ausgab, führte übrigens auf die Insel Baltrum. Auch heute noch finden viele kirchliche Freizeiten für Kinder und Jugendliche an deutschen Ferienorten an der See statt.
Beliebte Reiseorte eher im Norden
Auf kratzigem Stroh muss niemand mehr schlafen – und für genug Essen ist auch gesorgt. „Das Reiseziel wird meist so ausgesucht, dass die Jugendlichen dort eine entspannte Zeit miteinander verbringen können und Platz für Aktivitäten, aber auch Rückzugsmöglichkeiten haben“, sagt Bettina Hermes.
In der Regel sei dies eher in den Freizeithäusern im Norden als im Süden gegeben. Außerdem könne es aufgrund des Klimawandels in den südlichen Feriengebieten so heiß werden, dass kaum Sport- und Spielangebote stattfinden könnten. Für die Jugendreferentin sind Freizeiten nach wie vor ein wichtiger Teil der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit. „Auf Freizeiten findet ganz viel Beziehungsarbeit statt“, betont sie. „Es ist eine Lebensgemeinschaft auf Zeit, von der alle profitieren.“