Meinung: Ein echter Sympathieträger

Meinung : Ein echter Sympathieträger

Kommentar zum neuen Schauspielintendanten Thomas Braus

"Überraschend." "Mutig." "Charmant." Die Wahl von Thomas Braus zum neuen Schauspiel-Intendanten lockte verschiedenste Reaktionen hervor. Negativ war keine einzige. Das zeigt, wie geschickt die Entscheidung der Stadt war. Nach dem Abbrederis-Debakel und ihrer vorzeitigen Kündigung — was vor allem außerhalb Wuppertals als weitere Katastrophenmeldung aus der krisengebeutelten Kultur Wuppertals wahrgenommen wurde — musste man ebenso schnell wie klug agieren, um die Wogen zu glätten. Das dürfte gelungen sein.
Mit Braus hat sich der Aufsichtsrat der Bühnen für einen echten Sympathieträger entschieden. Der 50-Jährige kennt das Haus seit 15 Jahren, ist Aushängeschild der Bühnen, ein Publikumsliebling. Zwar hat der Schauspieler bislang keine Erfahrung als Intendant — ist aber so klug, sich zwei Berater ins Team zu holen, die diese Schwächen abfedern sollen. Punkten kann Braus hingegen mit all jenen Dingen, die unter Abbrederis vermisst wurden.


Das Ensemble-Mitglied der Bühnen bringt das nötige Engagement mit, die Anforderungen des Actori-Gutachtens ans Sprechtheater auch umsetzen zu wollen — sprich: Er will mehr im Opernhaus spielen und weiß, dass er mehr Besucher ins Haus holen muss. Dass er dabei auch aus Sicht der Schauspieler agiert und diese nicht verheizen will, sollte auch Skeptiker überzeugen. Was zumutbar ist, weiß er selbst am besten. Und beim verunsicherten Ensemble dürfte dies für Vertrauen sorgen.


Vor allem aber ist Thomas Braus vernetzt in der Stadt. Man darf sich bestimmt auf Kooperationen mit der freien Szene freuen, aber auch auf gemeinsame Projekte mit Oper, Orchester und Tanztheater. Wie das aussehen kann, macht Opernintendant Berthold Schneider derzeit auf beeindruckende Weise vor. Schneider schaffte mit seiner umjubelten Doppelpremiere nicht nur den Spagat, alt und jung gleichermaßen zu begeistern, sondern dürfte mit dem Projekt "Sound of the City" auch ein ganz neues Publikum ansprechen — und neugierig machen.
Braus hat in der Ära von Treskow gespielt — und dürfte viel aus dieser Zeit mitgenommen haben. Zum Beispiel, wie man mit wenig Geld und einem kleinen Ensemble dennoch spannendes Theater machen kann. Das kann helfen. Zugleich hat er aber auch erlebt, wie die Stadt ihre Ansprüche an die Intendanten immer wieder derart verkehrt hat, dass diese scheitern mussten. Dass es in Wuppertal immer wieder möglich war, dass gewisse Kreise ihre Macht derart geltend machen konnten, dass die Politik aus Sorge um vergrätzte Sponsoren Einfluss auf den Spielplan ausübte, ist ein Drama und hat in erheblichem Maße dazu beigetragen, dass Strukturen zerschlagen wurden — die Bühnen drohten in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.


Thomas Braus hat eine schwierige Aufgabe vor sich. Doch er hat die Chance, gemeinsam mit Berthold Schneider, Julia Jones und Adolphe Binder einen echten Neuanfang in Wuppertal zu schaffen und dem Sprechtheater neue Impulse zu geben. Gelingen kann dies aber nur, wenn Politik und Mäzene dies ohne Wenn und Aber unterstützen. Man kann nur beten, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit wirklich gelernt hat.

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