Die heißt Emma Bunting und wird den Mann, von dem sie gleich zu Anfang ahnt, ja weiß, dass er der Täter ist, entkommen lassen. Weil er seelisch krank ist, weil es seinerzeit dafür keine Hilfe(n) gab, weil er sonst gehängt werden würde. Dieser Plot lässt viele Lücken, große Fragen offen.
Die etwa zweieinhalbstündige Wuppertaler Inszenierung von Greg Eldridge, die sich als Mischung von stimmstarkem Stummfilm-Flair mit Musical-Elementen präsentiert, kann dafür nichts. „Schuld“ ist der „The Lodger“-Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes von 1911, auf dem das Opernlibretto basiert.
Fürs Opernhaus hat Alyson Cummins eine offene Bühne mit „aufgeschnittenem“ Zwei-Etagen-Haus mitten im herbstnebligen London entworfen. Dezent und wirkungsvoll ergänzt durch Video-Designs von Ian Macintosh. Oft im täuschend echten Stummfilm-Stil. Sehr cool.
Die Klammer all dessen ist ein Erzähler – Alexander Wulke (als Gast) oder Schauspiel-Intendant Thomas Braus verkörpern ihn. Ist dieser Erzähler auch eine Dimension des „Rippers“? Vielleicht.
Dem echten „The Lodger“-Mörder gibt Bariton Zachary Wilson Gesicht und Stimme. Das tut er überzeugend. Sein klangliches Spektrum lotet vieles aus – die Finsternis religiösen Wahns, die Schatten einer offenbar bitteren Vergangenheit und das blutige Sich-selbst-Verletzen.
Die Hauptfigur jedoch ist Edith Grossman als Emma Bunting: Ihr facettenreicher Mezzosopran spannt sich über die Handlung, die Abgründe, in die sie blickt, nimmt man ihr ab.
Dagegen bleibt der sehr engagiert agierende Bass Andrew Nolen als ihr gutbürgerlicher Ehemann beinahe blass. Als er herausfindet, dass die Feuchtigkeit am Mantel des Untermieters im Obergeschoss Blut ist, hält er dicht. Warum? Edith Grossman bringt die Zerrissenheit ihrer Rolle stark ins Publikum. Andrew Nolen als ihrem Ehemann gibt das Libretto keine Chance dazu.
Ganz leichtfüßig und à la Musical zeigen sich Marianna Ortugno als Bunting-Tochter Daisy sowie Merlin Wagner als ihr zukünftiger Ehemann Joe: Wie nah er, ein Polizist, dem „Ripper“ schon ist – das ahnt er nicht.
Einen von ganz unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen getragenen starken Rahmen liefert der Wuppertaler Opernchor: Der Bogen spannt sich vom sensationslüsternen „Ripper-Hype“ der Straße bis zum letzten Bild, das fast einem Schafott-Gericht gleicht.
Apropos Rahmen: Das von Yorgos Ziavras geleitete Sinfonieorchester instrumentiert den keineswegs stillen Stummfilm in zur jeweiligen Situation passenden Wellenbewegungen. Inklusive feiner Details wie dem Ticken einer Uhr.
Diese gar nicht „moderne“ Oper hat viel Tiefgang, wo sie in Seelen schaut, bleibt jenseits davon leichtgewichtig – und ist in der ersten halben, dreiviertel Stunde stimmlich leider zu leise.