Tanztheater Pina Bausch: Sprung in die Zukunft gewagt

Tanztheater Pina Bausch : Sprung in die Zukunft gewagt

Sechs Jahre nach dem Tod von Pina Bausch zeigt das Wuppertaler Tanztheater erstmals wieder eine Uraufführung. Zu sehen sind die Arbeiten von vier Choreographen mit drei Stücken, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Theo Clinkard eröffnet den Abend mit seiner Choreographie "Somewhat still when seen above". Er scheint sich den Tänzern und seiner Aufgabe besonders behutsam genähert zu haben. Im Vorfeld hat er Partner und Familien seiner Darsteller mit einbezogen, wollte wohl so ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.

Bühnenarbeiter stellen Leitern auf, fluten die Luft mit künstlichem Nebel. Fast verloren wirken die neun Tänzer im leeren Bühnenraum, wagen zaghaft erste Schritte, werden mutiger. Wie eine Probensituation, man probiert, verwirft, beginnt erneut. Fast schon am Rande treffen sich Aida Vanieri und Cagdas Ermis, wagen einen kleinen Tanz. Kindliche Kreisspiele, Schuhtausch. Berührend, wenn sich Barbara Kaufmann und Julie Anne Stanzak zögernd ins Neuland vortasten. Am Ende gelingt ein wunderschöner poetischer Moment, wenn der Geiger Christopher Huber aus dem Zuschauerraum ein Solo spielt, das auf der Bühne tänzerisch aufgegriffen wird. Ein Abend, der noch unfertig wirkt, aber durchaus Potenzial hat.

Erfrischend respektlos geht das Choreographen-Duo Cecilia Bengolea und François Chaignaud mit dem Erbe der großen Choreographin um. Sie setzen von Beginn an auf ihre wuchtige Bildsprache, beschallen die Oper mit Dancehallmusik. Dazu verlangen sie den Tänzern zum Teil akrobatische Leistungen ab, bringen Erotik und Witz in atemberaubenden Tempo auf die Bühne. Selbst einen gestandenen Bausch-Tänzer wie Andrey Berezin zeigen sie von einer völlig neuen Seite. Doch gelingen ihnen auch einfühlsame leise Momente, etwa wenn Ditta Miranda Jasjfi zu ihrem eigenen Gesang tanzt, das Ensemble mit Kerzen auf die dunkle Bühne kommt, einen Choral singt. "The Lighters Dancehall Polyphony" nennen sie das 40-minütige Stück, das bei der Premiere nicht nur einmal Szenenapplaus erhielt.

Nach der Pause zeigt Tim Etchells "In Terms of Time", mit 65 Minuten den längsten Beitrag des Abends. Er hat seine Arbeit sehr am Werk von Pina Bausch orientiert, muss sich also Vergleiche gefallen lassen. Etchellls lässt die Tänzer mit Plastikbechern jonglieren, die später als Müll auf der Bühne landen. Tische und Stühle werden bestiegen, Luftballons aufgeblasen, ein Wettbewerb initiiert. Ähnliches hat man von Pina Bausch schon weitaus besser gesehen. Blaue Müllsäcke werden mit Luft gefüllt, am Rande der Bühne aufgehäuft. Hier macht sich eine gewissen Länge breit. Etchells hat mit Regina Advento, Eddie Martinez, Fernando Suels Mendoza, Nazareth Panadero, Franko Schmidt und Julie Shanahan die meisten langjährigen Compagniemitglieder in seinem Team. Da wäre mehr Luft nach oben gewesen.

Am Ende des dreistündigen Abends bedankt sich das Publikum mit stürmischem Applaus, nicht nur für die Leistung, sondern auch für den Mut von Choreographen und Tänzern, den Schritt in die Zukunft gewagt zu haben. Und sie haben gezeigt, dass das Tanztheater wandlungsfähig ist, auch weiterhin international in der ersten Liga spielt, Wuppertals kulturelles Aushängeschild bleibt.

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