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Sinfoniekonzert auf der Couch: Gleich am Beginn der Höhepunkt

Sinfoniekonzert auf der Couch : Gleich am Beginn der Höhepunkt

Musikalisch werden nicht alle Wünsche erfüllt, aber Spaß macht es trotzdem: Das Sinfonieorchester Wuppertal streamt.

Immerhin applaudieren die Musikerinnen und Musiker des Orchesters der Solistin: Es ist schon einigermaßen absurd, wenn Pianistin Yulianna Avdeeva sich nach dem bravourös gemeisterten c-Moll-Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow brav verbeugt, aber der verdiente Beifall ausbleibt.

Das Sinfonieorchester Wuppertal spielt (mit Sicherheitsabstand) in der Stadthalle, das ist die gute Nachricht. Das Publikum sitzt zu Hause am Computer und hört per Stream zu, das ist leider die schlechte. Im Jahr zwei der Pandemie habe ich die Ausstattung dafür parat: Mit einem Handgriff ist die Verbindung von Laptop zu Stereoanlage und Fernseher hergestellt, und technisch läuft das digitale Konzert einwandfrei.

Das etwas merkwürdig zusammengewürfelte Programm beginnt mit Rachmaninows imposantem zweitem Klavierkonzert. Mögen die Bilder in den Großen Saal der Stadthalle vertraut sein – der akustische Eindruck ist es nicht. Statt des für diesen Raum so typischen, ein wenig unscharfen Mischklangs ist man in diesem Stream ganz nah am Konzertflügel, als säße man direkt neben der äußerst diszipliniert agierenden 35-jährigen Pianistin, die 2010 den renommierten Chopin-Wettbewerb gewonnen hat.

Wenn das Orchester zu laut wird – Rachmaninow hat gerne nach der Devise „viel hilft viel“ instrumentiert –, hebt die Tontechnik (Ingo Schmidt-Lucas, der in vielen CD-Aufnahmen subtilere Klangbilder erzeugt hat) das Klavier hervor, an anderen Stellen klingt der Streicherklang etwas „aufgepeppt“. Keine Frage, das Ergebnis ist eindrucksvoll, im Detail freilich Geschmackssache. Aber wenn man „in echt“ im Saal sitzt, klingt die Stadthalle halt ganz anders.

Chefdirigentin Julia Jones und Solistin Yulianna Avdeeva finden recht gut die Balance zwischen Disziplin und großer Emphase. Der Höhepunkt dieses Konzertabends steht gleich am Beginn.

Es folgen die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler, coronabedingt in einer reduzierten Orchesterfassung von Eberhard Kloke. Bariton Thomas Laske, lange im Ensemble der Wuppertaler Oper, imponiert mit großem Ton und draufgängerischem Impetus – mitreißend, bis es zu den leisen, lyrischen Tönen in der hohen Lage kommt, die ihm fehlen. Auch deshalb bleibt Laske den Liedern die volksliedhafte Schlichtheit, die Mahler neben die dramatischen Ausbrüche setzt, schuldig. Im Dirigat von Julia Jones klingt die Musik mitunter allzu statisch. Der typische Mahler-Sound allerdings stellt sich auch in dieser Fassung sehr schön ein.

Zum Abschluss dann die dritte Symphonie von Franz Schubert. Der hat großartige Werke komponiert (Lieder vor allem und Klavier- und Kammermusik) – diese Symphonie zählt eher nicht dazu. In einer Mini-Einführung stellt Julia Jones sie in die Nähe des von Schubert bewunderten Rossini: Da hätte sie besser gleich Musik des Italieners auf das Programm gesetzt. Gespielt ist das ganz hübsch, ein fröhlicher Kehraus nach den großen Gefühlen in den Werken zuvor.

Am Ende des knapp 80-minütigen digitalen Konzertabends fällt das Fazit verhalten positiv aus: Es macht Spaß, das Orchester endlich wieder zu hören und sehen – und noch viel stärker ist die Sehnsucht, solche Konzerte endlich wieder in der voll besetzten Stadthalle erleben zu dürfen.