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Nach Toreschluss - die Wochenendsatire: Die Bongpflicht

Nach Toreschluss - die Wochenendsatire : Die Bongpflicht

Es gibt Worte, mit deren Aussprache sich der Wuppertaler traditionell schwer tut. Ich meine nicht Düsseldorf - da haben wir ja eher ein inhaltliches Problem -, sondern solche mit Lautgruppen exotischer Herkunft, die robuste bergische Kehlköpfe akustisch schlicht und einfach nicht nachbilden können. Die exotischste dieser ausländischen Sprachen ist Französisch.

Das Hauptproblem am Französischen ist die häufige Verwendung des so genannten Nasalvokals. Der Begriff klingt eher wie eine ungünstige Diagnose beim HNO-Arzt, der Nasalvokal hat sich aber nicht nur deshalb bei uns nicht durchgesetzt. Rein technisch gesehen muss man zu seiner Erzeugung nämlich das Gaumensegel im Rachen dergestalt senken, dass pulmonale Luft gleichzeitig durch Nasen- und Mundraum entweichen kann. Im Idealfall entfährt dann dem Sprachapparat ein sanfter Hauchlaut, der sich federleicht in der Luft verteilt und die Ohren des Rezipienten verführerisch mild umschmeichelt.

Als die ersten Wuppertaler vor vielen Jahrhunderten die Anleitung für den Nasalvokal lasen und sich an seiner Bildung versuchten, wurden mehrere von ihnen bewusstlos und die anderen produzierten ein Geräusch, das an eine Mischung aus Kehlkopfentzündung und ersticktem Grunzen erinnerte. Aus Protest beschloss man daher spontan, Nasalvokale am Ende auch bei uns durchaus geläufiger französischen Begriffe wie Ballon, Flacon oder Blouson grundsätzlich zu ignorieren und durch ein gänzlich unkompliziert hervorzustoßendes „ong“ zu ersetzen: Ballong, Flakong, Blusong!

Für dieses „ong“ muss man weder Segel setzen noch irgendwelche Pullmolls beatmen, sondern einfach nur sprechen. Deshalb erfreut sich „ong“ bis heute konstant hoher Beliebtheit. Lorong sitzt noch aufm Balkong, geht aber gleich nam Restorong. Damit wissen alle Bescheid, ohne dass der Überbringer dieser Nachricht einen Gaumenkollaps erleidet. „Ong“ ist sogar mehrfach pro Wort verwendbar. Zum Beispiel in Schongsong - das im Original so kompliziert zu sprechen ist, dass deshalb der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ in „European Song Contest“ umbenannt werden musste. Ältere Wuppertaler benutzen „ong“ übrigens nicht nur für französische, sondern auch für englische Worte. Seniorensportler fragen mich gelegentlich unter der Dusche, ob ich ihnen mal mein „Schampong“ leihen kann ...

Nun ist aber so, dass in diesen Tagen in Deutschland ausgerechnet ein Wort mit Nasalvokal überragende Bedeutung gewinnt: der Kassenbon! Seit 1. Januar gibt es ja die Belegausgabepflicht, deshalb ist das „ong“ bei uns jetzt auf dem Höhepunkt seiner Karriere. In jeder Wuppertaler Bäckerei und anderen Etablissemongs wird man gefragt „Brauchensen Bong?“ Und alle sind sich einig „Dat is doch Driete mitte Bongpflicht! Wat soll ich mit dem Bong? Für meck is dat ön Affrong!“

In Falls des Bons erweist sich der Einsatz des „ong“ dabei auch inhaltlich als sehr nützlich. Denn „bon“ bedeutet auf Französisch an sich ja zunächst mal „gut“. Die Bonpflicht wird aber bei uns eher als schlecht wahrgenommen. Die meisten Leute glauben nicht daran, dass man durch das massenhafte Ausdrucken kleiner Zettelchen, die dank chemischer Vorbehandlung offenbar nur in Atommüllendlagern entsorgt werden können, wirklich Steuerhinterzieher stoppen wird. Und diese Skepsis kommt in dem verächtlich herausgeschossenen „Bong“ natürlich viel besser zum Ausdruck als in einem gekünstelt-luftigen „Bon“, der hinten weggehaucht unverbindlich im Raum verdunstet.

Geregelt ist die Bon(g)pflicht übrigens in der Neujahr in Kraft getretenen Kassensicherungsverordnung 2020. Die in Beamtenkreisen gebräuchliche Kurzform dafür lautet „KassensichV“. Sagen Sie dieses Wort jetzt bitte dreimal laut vor sich hin. Danach werden sie zunächst einen Aufnehmer holen müssen, um die Spucke-Pfütze vor sich wegzuwischen. Und dann die Erkenntnis gewinnen, dass es auch Worte ganz ohne Nasalvokal gibt, die man nicht aussprechen kann ...

Bis die Tage!