1. Wahl

Wahl in Wuppertal: Auf ein Wa(h)lnuss-Eis mit Helge Lindh

Bundestagswahl 2021 : Auf ein Wa(h)lnuss-Eis mit ... Helge Lindh

Der Bundestagswahlkampf läuft auf vollen Touren, viel Stress für die Beteiligten. Die Rundschau beschert Kandidatinnen und Kandidaten aus dem großen Wuppertaler Wahlkreis I daher einen etwas entspannteren Termin und lädt sie in ihrem Lieblings-Eissalon auf ein „Wa(h)lnusseis“ ein. Rundschau-Redakteur Stefan Seitz unterhielt sich mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Helge Lindh (44) im Café „Viertel“ an der Friedrich-Ebert-Straße 43, das auch attraktive Eissorten zu bieten hat.

Rundschau: Herr Lindh, die SPD hat zurzeit ziemlichen Rückenwind. Wie ist Ihre Stimmung?

Lindh: „Sehr positiv, denn ich erfahre für meine Arbeit im Bundestag und in Wuppertal vor Ort viel Zustimmung. Mit dem Aufwind für die SPD erlebe ich natürlich jetzt eine größere Offenheit für die SPD und eine starke Resonanz für Olaf Scholz.“

Rundschau: Sie sind seit 2017 im Bundestag und wollen es jetzt zum zweiten Mal als Direktkandidat schaffen. Wie sehen Sie sich selbst als Abgeordneter?

Lindh: „Man darf nichts vorgaukeln, was man vorher nicht auch schon gemacht hat – beispielsweise auf lokaler Ebene. Für mich ist das Abgeordneter-Sein die Fortsetzung der Arbeit für die Menschen, die ich immer gemacht habe. Wer Abgeordneter ist, muss volle Energie in den Wahlkreis investieren und darf zugleich die Arbeit in Berlin nicht vernachlässigen. Meine Überzeugung ist, Lobby-Arbeit für Wuppertal zu machen. Den Begriff „kümmern“ finde ich diesem Zusammenhang gar nicht schlecht.“

Rundschau: Wo muss man sich denn besonders um Wuppertal kümmern?

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Lindh: „Den Menschen soll es besser gehen. Es gibt ja immer noch große Sorgen, etwa bei den Themen Arbeit, Integration oder Strukturwandel. Vieles läuft in Wuppertal, ist aber nicht immer optimal abgestimmt. Auch die Menschen, die in der Kultur und in der Dienstleistung arbeiten, darf man nicht vergessen. Als Bundespolitiker kann ich viel über Grenzen hinweg vermitteln und anbieten. Die Drei-Millionen-Euro-Bundesförderung, die ich für das Freibad Mirke akquiriert habe, ist ein Beispiel dafür. Außerdem habe ich viele Beteiligungsformate entwickelt, die schon seit meiner ganzen Amtszeit laufen. So werden Menschen aus unterschiedlichen Bereichen mit ihren Sorgen und ihrem Sachverstand mit ins Boot geholt.“

Rundschau: Kann man den Menschen denn vermitteln, wie Bundespolitik funktioniert und wie sie sich dann auch auf Wuppertal konkret auswirkt?

Lindh: „Bundespolitik ist nicht das Raumschiff in der Ferne. Die Menschen haben ehrliche Antworten verdient. Zum Beispiel, dass sich nichts wirklich 1:1 umsetzen lässt, dass es immer um Kompromisse geht, aber um möglichst optimale Kompromisse. Für mich steht fest: Wer Bundespolitik nur als Repräsentation oder Einsatz für diejenigen versteht, die sowieso der eigenen Meinung sind, hat Politik grundsätzlich nicht verstanden.“

Rundschau: Apropos 1:1 umsetzen: Klimaschutz ist ja so ein Thema, das viele Kompromisse erfordert ...

Lindh: „Ja. Und es wichtig zu verstehen, dass bei der Diskussion über Klimaschutz nicht alle einer Meinung sein müssen. Aber dass man sich einander zuwenden und bereit sein muss, auch andere Perspektiven einzunehmen. Die Menschen wollen zurecht das Gefühl haben: Das, was ich zu sagen habe, interessiert die Politik. Bei der von mir initiierten Bürger-Taskforce für den Lärmschutz an der A46 habe ich das live erlebt: Bei Menschen, die beteiligt werden, gehen Wut, Frustration und das Gefühl der Ohnmacht zurück.“

Rundschau: Sie werden immer wieder heftig bedroht und beleidigt. Vor allem von Rechten, aber auch von Linksaußen.

Lindh: „Kaum ein Politiker wird so extrem bedroht wie ich, das stimmt. Aber wer politisch etwas umsetzen will, muss klare Positionen haben. Ich gehe da lieber den schweren Weg. Beim Thema Flüchtlinge etwa fand ich es immer klüger, an Kompromissen zu arbeiten, um überhaupt etwas zu erreichen. Denn immer auf ,nein’ zu schalten und gar nichts zu verbessern, halte ich für falsch. Ein schlechtes Gewissen bleibt natürlich. Vor allem, wenn man wie ich schon dreimal vor Ort bei den Seenotrettern auf Malta und in Italien war und sieht, was alles noch zusätzlich nötig wäre, damit Flüchtlinge nicht einfach im Mittelmeer ertrinken.“

Rundschau: Lassen Sie die rechten Hass-Mails und anderen digitalen Angriffe denn von der Polizei verfolgen?

Lindh: „Ich mache regelmäßig öffentlich, dass ich bedroht werde. Ich verschweige das nicht. Außerdem zeige ich einen Teil, einen Bruchteil der Fälle an. Mit den Ermittlungsbehörden hier in Wuppertal arbeite ich dabei sehr gut zusammen. Und durch den neuen Verfassungsschutzpräsidenten Thomas Haldenwang, der ja auch Wuppertaler ist, wird es sicher auch auf überregionaler Ebene eine klarere Orientierung auf den Opferschutz geben. Bei seinem Vorgänger Maaßen war das leider ganz anders.“

Rundschau: Wie teilt sich Ihre Arbeitszeit auf?

Lindh: „Die Hälfte der Zeit bin ich in Wuppertal, die andere Hälfte in Berlin. Die Wochenenden verbringe ich immer in Wuppertal, um mit Menschen aller Art bei Veranstaltungen und im persönlichen Kontakt ins Gespräch zu kommen. Sowohl in Wuppertal und Berlin ist es mein Ziel, alles zu geben. Nur einfach seine Zeit abzusitzen, das geht gar nicht. Das würde ich schäbig finden. Wer Politik macht, muss den Menschen beweisen, dass es nicht um Marketing-Tam- tam geht, sondern um eine harte, alltägliche Arbeit mit hoher Verantwortung. Ich habe gelernt, dass man auch gegen starke Widerstände nicht einknicken darf.“

Rundschau: Sie sind ja auch von Anfang an ein, wenn man das entsprechend so sagen möchte, sehr fleißiger Bundestagsredner ...

Lindh: „Ich halte die drittmeisten Reden aller Bundestagsabgeordneten und innerhalb der SPD-Fraktion die meisten. In der Bedeutung des Wortes Parlament steckt ja auch ,reden’. Für mich geht es bei einer Parlamentsrede immer um Klartext. Vor allem natürlich in der Konfrontation mit der AfD und deren düsterem, menschenfeindlichen Gedankengut.“

Rundschau: Wie schätzen Sie Ihre Chancen am 26. September ein?

Lindh: „Ich denke nicht über den „Tag X“ hinaus, das lenkt nur ab. Es geht darum, sich darauf zu konzentrieren, das Beste zu geben, um den Wahlkreis zu gewinnen. Dabei geht es übrigens auch darum, nicht überheblich zu sein, sondern Demut zu zeigen. Abgeordnete verdanken den Wählerinnen und Wählern ihr Amt, deswegen müssen sie vor dem Volk als Souverän Respekt haben. Mit Blick auf den 26. September: Die Leute in Wuppertal wissen, was sie an mir haben. Ich habe ein klares Profil und klare Positionen, zu denen man sich verhalten kann. Ich gehöre nicht zu denen, die Show machen, mir geht es um ein gutes Programm. Grundsätzlich hat die SPD jetzt die Chance, stärkste Kraft zu werden.“

Rundschau: Nochmal Thema Wuppertal: Worum geht es hier aktuell und in nächster Zukunft?

Lindh: „Es geht um viele Themen, die mit Geld zu tun haben. Auch darum, was Corona und dann das Hochwasser angerichtet haben, sowohl in Sachen sozialer Konflikte als auch bei der Zerstörung von Dingen. Die Menschen wollen sehen, dass Geld fließt und ein durchdachtes Programm dahintersteht. Bei den Corona-Hilfen zum Beispiel hat man erkennen können, wo im System, das gut, aber nicht optimal lief, die Konstruktionsfehler stecken. Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass die Politik sich das grundsätzlich und genau anschaut – und dass es verbessert wird. Hier kann man von der Krise als Chance sprechen. Aber die Frage ist: Ist der politische Wille zur Veränderung da, oder setzt sich die Macht der Gewohnheit durch?“

Rundschau: Haben Sie ein Beispiel?

Lindh: „In der Corona-Krise haben wir gesehen, dass vieles im Gesundheitswesen nicht stimmt. Jetzt finde ich, dass man Veränderungen mit den Menschen zusammen erarbeiten muss, die im Gesundheitswesen tätig sind. Nicht, indem man sich mit den Gesundheitskonzernen zusammensetzt.“

Rundschau: Und der Altschuldenfonds, der Wuppertal und andere Städte wieder handlungsfähig machen würde?

Lindh: „Der muss kommen. Und wenn die CDU nicht mitmachte und ihn blockierte, hätte sie ein großes Problem zu erklären, dass der Altschuldenfonds nicht kommt. Er wird jedenfalls nicht am Geld scheitern, denn mit dem Fonds ist das Finanzrisiko ja viel geringer.“

Rundschau: Warum sollten die Wuppertaler Sie wählen?

Lindh: „Wuppertal braucht Kompetenz. Düsseldorf kann jeder.“