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Fußball-WM 2018: Mücken, Wolga und Geschichte

Fußball-WM 2018 : Mücken, Wolga und Geschichte

Die WM-Kolumne des Wuppertaler ZDF-Reporters Martin Schneider in der Rundschau (Teil 3).

Bevor wir am vergangenen Donnerstag in Wolgograd ankamen, hatte ich mir ein paar Gedanken gemacht. Als ziemlich angstfreier Typ ein paar mehr als gewöhnlich. Nicht darüber, wie man als Deutscher im früheren Stalingrad empfangen wird, sondern wie sich die Billionen Fliegen und Mücken uns gegenüber wohl verhalten werden.

Das Steppenland mit vielen Flüssen und Seen rund um die Millionenstadt ist ein idealer Nährboden für die Insekten, und Mai sowie Juni sind deren Wonnemonate. Landung bei 35 Grad im Schatten, die Szenen aus dem Stadion mit wild um sich schlagenden Engländern im Kopf verlassen wir das Gebäude. Ein langer Weg zum Parkplatz, keine Fliege. Am Hotel auch nicht und beim Weg ins Restaurant abends in der Dämmerung begegnet uns kein einziger Moskito, seltsam.

Was der Putin und dessen Staatsapparat so alles beherrscht, selbst die Mücken gehorchen ihm, denke ich und schaue kurz drauf zum Himmel. Flugzeuge werfen ein paar Ladungen Chemikalien am Rande der Innenstadt ab, wir hören von vielen Maschinen, die das Gleiche tun. Also, die Chemiekeule schützt die Fußballtouristen vor der Insektenplage!

So macht auch ein wenig Sightseeing an einem arbeitsfreien Sonntagvormittag gleich viel mehr Sinn. Ich nehme die Spuren unrühmlicher deutscher Kriegsgeschichte auf, die einen hier im ehemaligen Stalingrad natürlich auf Schritt und Tritt begleitet. Denkmäler erinnern an die Hunderttausenden von Toten, man feiert die Verteidiger der Stadt und den Wendepunkt des nach russischer Lesart "großen vaterländischen Krieges" mit dem Sieg in der Schlacht um Stalingrad.

Beklommenheit macht sich bei uns breit, auch als wir das Hauptquartier des deutschen Generals und damaligen Befehlshabers Paulus betreten. Heute oben drüber ein Supermarkt, unten drin die Kellerräume als Museum, wo Paulus und sein Stab im Januar 1943 festgenommen wurden, nach dem Wahnsinn unfassbarer Kriegstaten. Wie soll man danach zur profanen Vorbereitung auf ein Fußballspiel übergehen?

Der Vorschlag unseres russischen Kollegen Michail ist die Lösung: Abtauchen in der Wolga. So, wie es die Russen auch machen. Also zögern mein Kollege Hanno Balitsch und ich nicht lange. Rein geht es in den recht sauberen, aber kalten Fluss. Fünf Minuten bei 18 Grad — und danach ist der Kopf wieder etwas freier für Viererketten der Schweizer und die Fünferabwehr Costa Ricas, mein nächstes Spiel am heutigen Abend in Nischni Nowgorod.

Do wstretschi, Martin Schneider