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Wuppertaler Tafel: Beirat veröffentlicht Details zu seinem Rücktritt

Ehemaliger Tafel-Beirat : „Großer Respekt vor hohen Rückforderungen“

Am Freitag hatte der Beirat der Wuppertaler Tafel geschlossen seinen Rücktritt erklärt (wir berichteten). Am Dienstag (26. Januar 2021) erläuterte das mit zahlreichen renommierten Persönlichkeiten besetzte Gremium in einer Video-Pressekonferenz diesen Schritt noch einmal ausführlich – und warf dabei gravierende Fragen zur aktuellen Situation der Hilfsorganisation auf, die Monat für Monat Tausende bedürftige Wuppertalerinnen und Wuppertaler mit Mahlzeiten versorgt und das „Medimobil“, Sozialkaufhäuser sowie die Tafelläden betreibt.

Die LIste der Beiratsmitglieder liest sich wie ein kleines Who-is-Who der Wuppertaler Stadtgesellschaft: Mecedes-Benz-Vertriebsdirektor Stefan Heinz, Schade+Sohn-Chef Jürgen Gadde, Architekt Stefan Müller, die Unternehmer Matthias Kießling und Dirk Emde, Jobcenter-Leiter Thomas Lenz, Steuerberater Dieter Heilmann und der Journalist Wolfram Lumpe ziehen jetzt nach teils jahrzehntelanger ehrenamtlicher Begleitung der Tafel für sich einen vorläufigen Schlussstrich, der ihnen sichtlich schwer fällt. Das wurde bei der sehr ausführlichen Präsentation der Gründe deutlich, die den Rücktritt ausgelöst haben.

Im Kern geht es um die aktuelle Struktur der Tafel und einen ganzen Komplex von Problemen, die daraus aus Sicht der acht Akteure für die Hilfsorganisation mttlerweile erwachsen sind und vom Beirat im Zuge des Rücktritts in einem offenen Brief an den Vorstand der Tafel dargelegt wurden (zum Inhalt hier klicken). Im Fokus steht dabei Tafel-Gründer Wolfgang Nielsen (Jahrgang 1950), der bis heute Vorsitzender des gemeinnützigen Trägervereins ist. Dessen in den vergangenen 25 Jahren erworbene Verdienste um die 1995 aus der Taufe gehobene Wuppertaler Tafel hob auch Jürgen Gadder noch einmal hervor: „Wir kennen uns seit 20 Jahren, er ist die Tafel und war sieben Tage die Woche im Einsatz. Dafür hat er zu Recht das Bundesverdienstkreuz bekommen.“ Seit mehreren Jahren habe man mit dem inzwischen nach zwei Herzoperationen gesundheitlich schwer angeschlagenen Vereinsvorstand aber schon darüber gesprochen, dass er Aufgaben aufteilen müsse, das habe nicht gefruchtet. Dazu muss man wissen: Unmittelbaren Einfluss auf den Verein hat der Beirat nicht, seine Mitglieder werden vom Vorstand ernannt und sollen ihn nur beispielsweise im Hinblick auf wirtschaftliche Fragen beraten.

„Wir möchten weder der Tafel noch Bedürftigen schaden, aber die Tafel hat inzwischen Umsatzgrößenordnungen wie ein mittelständisches Unternehmen und 200 Mitarbeiter“, so Matthias Kießling. Und für dessen Führung brauche man aus Sicht des ehemaligen Beirats eine neue Aufstellung mit professionellen Strukturen und qualifizierten hauptamtlichen Kräften statt einen Verein, der an einer einzigen Person hängt. Zum Hintergrund: Nielsen hat satzungsgemäß ein Vetorecht und Anspruch auf die Position des Kassenwartes, so lange er Vereinsmitglied ist.

„Wir haben mit Experten mehrere Vorschläge entwickelt, wie diese Konstruktionen nach dem Vorbild bei anderen Sozialeinrichtungen aussehen könnten“, so Dirk Emde. Im Mittelpunkt steht dabei jeweils eine gemeinnützige GmbH, die mit einem hauptamtlichen Geschäftsführer den operativen Teil der Arbeit leistet. Dem bestehenden Verein fiele dann die Rolle als Förderverein zu. „Wolfgang Nielsen sollte dabei dann selbstverständlich in repräsentativer Funktion eingebunden werden“, so Dirk Emde.

Nielsen habe dazu Ende des Jahres auch sein Einverständnis gegeben, das dann aber wieder zurückgezogen. Seitens der Tafel habe man eine Gemeinnützuige GmbH offenbar mit Profitstreben in Verbindung gebracht. „Dafür habe ich kein Verständnis“, so Jürgen Gadder angesichts der Tatsache, dass bei dieser Rechtsform Erlöse gemeinnützigen Zwecken dienen müssen. Auch ein finaler Vorschlag des Beirats, den Verein in seiner aktuellen Konstruktion zu belassen und die Vorstandspositionen neu zu besetzen, sei dann abgelehnt worden. Emde: „Wir hatte dafür drei ehemalige Führungskräfte in petto, das sind absolute Fachleute mit Erfahrung im Sozialbereich.“ Die Tafel selbst will nach Darstellung der ehemaligen Beiratsmitglieder stattdessen die jetzt aktiven Abteilungsleiter mit neuen Befugnissen ausstatten.

In diesen Kräften sehen Emde und seine Mitstreiter aber nicht die Richtigen für Führungsaufgaben. Sie lasten ihnen an, dass Ehrenamtler bei der Tafel durch rustikale Umgangsformen verprellt würden und erhebliche Defizite speziell bei der Betreuung der so genannten AGH-Kräfte bestehen, für die bei der Tafel (Stand 2019) rund 50 Stellen vorgehalten wurden. Und Letzteres könnte jetzt zu einem dramatischen finanziellen Bumerang für die Tafel werden: Nach Erkenntnissen des Beirats prüft das Jobcenter derzeit, ob die Vorgaben für die Übernahme der Kosten dieser Arbeitsgelegenheiten eingehalten wurden. Die Arbeitskräfte müssten im Rahmen dieser Maßnahmen aus- und weitergebildet werden, dabei habe die Tafel Schulungs-Standards nicht erfüllt – möglicherweise mit weitreichenden Konsequenzen. Dirk Emde: „Wir haben großen Respekt davor, was da auf die Tafel an Rückforderungen zukommen kann.“ Im Rechenschaftsbericht 2019 sind für die AGH-Kräfte und einige weitere für zwei Jahre Zuschüsse von weit über einer Million Euro verzeichnet.

Auf Rundschau-Nachfrage stellte sich Tafel-Vorstand Wolfgang Nielsen nach der Pressekonferenz ebenfalls der Situation. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit übernahm aber in Nielsens Anwesenheit CDU-Politiker Arnold Norkowsky das Wort, der selbst nicht im Vorstand ist, das aber bald sein will und sich derzeit als langjähriger Tafel-Förderer in einer beratenden Funktion sieht. Er stellte klar, dass Wolfgang Nielsen Ende 2020 nur erklärt habe, auf seine in der Satzung verankerten Sonderrechte zu verzichten. Die vom Beirat angedachten Strukturveränderungen habe er aber nie gutgeheißen. Norkowsky: „Die Tafel lebt vom ehrenamtlichen Engagement, deshalb soll sie ein eingetragener Verein bleiben.“

Zum vom Beirat kritisierten Umgang mit den Ehrenamtlern sagt Norkowsky, der in diesem Bereich selbst lange als Leiter aktiv war: „Die Ehrenamtlichen müssen sich natürlich in die Kollegialität bei der Tafel einfinden.“ Das sei möglicherweise im Hinblick auf die hauptamtlichen Kräfte, die vom Jobcenter kommen, nicht immer einfach. Die Problematik rund um die AGH-Mitarbeiter räumt Norkowsky unterdessen ein: „Man kann nicht bestreiten, dass die nicht so betreut wurden wie vorgesehen.“ Im Moment werde der Prüfungsbericht des Jobcenters formuliert, danach wolle der Verein dazu Stellung nehmen. Als die Zusammenarbeit zwischen Tafel und Jobcenter begann, sei allerdings schon klar gewesen, dass der Verein dabei nicht so leistungsfähig sei wie ein Wirtschaftsunternehmen. Sein Appell in der aktuellen Situation: „Wir wünschen uns, dass die Sponsoren uns wegen solcher formellen Dinge nicht im Stich lassen.“

Im Hinblick auf die ehemaligen Beiratsmitglieder, von denen die Mehrzahl die Tafel auch massiv durch Geld- und Sachleistungen unterstützt hat (Gadder: „In den letzten 20 Jahren war das bei mir ein mittlerer sechsstelliger Betrag“), sieht das aktuell anders aus. „Das Spendenverhalten wird sich ändern“, so Matthias Kießling. Und Stefan Heinz, der eigentlich mit der Tafel über drei neue Kühlfahrzeuge gesprochen hatte, ergänzt: „Ich habe von meiner Seite aus um Verständnis gebeten, dass wir da in der jetzigen Phase auf die Bremse treten.“ Zerschnitten ist das Tischtuch allerdings noch nicht: „Wenn die genannten Voraussetzungen erfüllt sind, dann kann ich mir vorstellen, wieder dabei zu sein“, so Heinz. Und Jürgen Gadder ergänzt: „Wir wollen ja nichts anderes, als die Tafel für die Zukunft richtig aufzustellen.“