1. Lokales

So verdienen Krankenkassen durch Falschdiagnosen an älteren und kranken Menschen

So verdienen Krankenkassen durch Falschdiagnosen an älteren und kranken Menschen

Die Bevölkerung in Deutschland wird stetig älter, bis zum Jahr 2060 soll die stärkste Altersgruppe die der 70-75-Jährigen sein. Da mit zunehmendem Alter das Risiko für verschiedene Krankheiten steigt, werden immer mehr Deutsche auf ihre Krankenkassen angewiesen sein.

Um diese zu unterstützen, gibt es seit 2009 den morbiditätsorientierten Risikoausgleich. Doch es gibt Hinweise darauf, dass Krankenkassen diesen gewinnbringend ausnutzen.

Beim sogenannten morbiditätsorientierten Risikoausgleich, kurz Morbi-RSA, werden Krankenkassen aus einem Gesundheitsfonds der Regierung bei Kunden mit besonders häufigen, langwierigen oder teuren Krankheiten finanziell unterstützt. Unter anderem gehören viele Krankheiten im Alter dazu. Das Geld in dem Fonds, mit dem Kassen mit einer hohen Anzahl an alten und kranken Menschen entlastet werden sollen, stammt aus Beiträgen der Versicherten und Steuergeldern. Jedes Jahr werden dabei mehr als 200 Milliarden Euro umverteilt. Doch scheinbar arbeiten Krankenkassen und Ärzte zusammen, um das System auszunutzen und daran zu verdienen.

Laut der freien Journalistin Franziska Draeger gibt es eine Liste mit 80 Krankheiten, die von dem Fonds unterstützt werden. Darunter einige Krankheiten, die besonders im Alter vorkommen, wie Demenz, Depression, chronische Bronchitis oder Osteoporose. Diagnostiziert ein Arzt eine dieser Erkrankungen beim Patienten, bekommt die Krankenkasse dafür Geld aus dem Fonds und der Patient wird bei einer besonders teuren Krankheit erfasst. Selbst Jens Baas, Chef der TK, gibt in einem Interview zu, dass viele Kassen schummeln. So werden Ärzten Geldbeträge gegeben, wenn diese die Codierung bei einer Diagnose etwas verändern. Die Codierung zeigt an, um welche Krankheit es sich handelt.

Indem Ärzte beispielsweise jemandem mit Kopfschmerzen eine Depression bescheinigen, bekommt die Kasse mehr Geld. Der Arzt wiederum wird von der Krankenkasse entlohnt. Hat dieser Patient allerdings nur auf dem Papier eine Depression, hat die Kasse keine weiteren Unkosten für eine Therapie und bekommt trotzdem Ausgleichsgelder aus dem Fonds.

Scheint es im ersten Moment irrelevant zu sein, ob einem Patienten eine Depression oder Asthma statt Kopfschmerzen oder Erkältung bescheinigt wurde, kann es später durchaus zu negativen Konsequenzen führen.

In einem Beispiel von Franziska Draeger möchte ein Mann eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, kann dies jedoch nicht mehr machen, da er vorher zu Unrecht eine Depression diagnostiziert bekommen hat.

Auch wenn jemand in die private Versicherung wechseln möchte, bekommt er möglicherweise gar keinen Vertrag, höhere Beiträge oder was vor allem ältere Menschen betrifft, keine Berufsunfähigkeitsrente mehr.

Schwierig ist es vor allem bei älteren Menschen, wenn durch vorhergehende falsche Diagnosen und eine dadurch verfremdete Krankenakte tatsächliche Erkrankungen nicht mehr richtig erkannt werden. Zudem werden die Patienten zum Teil zu Therapien gedrängt, die sie eigentlich nicht brauchen, um dann im Ernstfall eine Behandlung vielleicht nicht genehmigt zu bekommen, die sie tatsächlich benötigen.

Das Thema wird mittlerweile wieder in der Regierung diskutiert. Doch eine kurzfristige Verbesserung dieses Systems ist momentan nicht in Sicht. Deswegen lohnt es sich für Patienten, die eigene Krankenakte einzusehen. Dazu ist jeder Mensch berechtigt, nur in wenigen Ausnahmefällen kann die Einsicht verweigert werden. Zudem hilft es sich eine zweite Meinung einzuholen bei Diagnosen, die sich nicht ganz schlüssig anhören.