Der Stadtradeln-Blog der Rundschau Radrunde: Pendeln auf zwei Rädern

Der Stadtradeln-Blog der Rundschau Radrunde: Pendeln auf zwei Rädern

Radfahren, das ist für mich wie Bootfahren. Fortbewegung zum Entspannen, Seele baumeln lassen. Auf dem Rad sitze ich zwar öfter als auf irgendeinem Schiffsdeck, aber das Gefühl ist dasselbe. Naherholung, kurzer Urlaub vom Alltag.

Erst eine kleine Tour in schöner Umgebung, dann ein Flammkuchen und ein Gläschen Wein. War das herrlich.

In der Rundschau-Redaktion lege ich meinen Autoschlüssel in die Schreibtischschublade. Es ist Mittwochmittag, die Sonne scheint, immerhin. Im Keller übergibt Roderich Trapp mir das Leih-E-Bike von "Zweiradexperten in Wuppertal". "Ganz leicht", sagt unser Redaktionsleiter. Und: "Viel Spaß!" Meine erste Station ist der Radlertreff schlechthin, der Mirker Bahnhof. Auf dem Weg dorthin verfahre ich mich drei Mal. Wussten Sie, dass Einbahnstraßen besonders verwirrend sind, wenn man sich nicht an sie halten muss?

"Da bist du ja endlich", ruft mir eine strahlende Simone Bahrmann entgegen, mit der ich von dort weiter zum Termin nach Barmen radele. Unsere Fotografin kommt mir haushoch überlegen vor. Ich, in Jeansrock und mit Handtasche auf dem Gepäckträger, sie mit Helm, Handschuhen, schnittiger Brille. Simone Bahrmann ist beim Stadtradeln unser ganzer Stolz. Sie macht fast jeden Termin mit ihrem E-Bike, sie sagt, sie hat sich tatsächlich umgestellt. "Weißt du", erzählt sie beim Fahren, "du kriegst ein Stück Lebensqualität. Statt dumpf im Auto zu sitzen, siehst du die Jahreszeiten, du riechst sie, schmeckst sie. Das tut einfach gut." Simone Bahrmann lacht und wirkt tatsächlich auf mich so entspannt, als ob sie gerade im Urlaub an der Ostseeküste wäre.

Fotografin Simone Bahrmann und Redakteurin Nina Bossy im Gespräch über das Fahrrad im Alltag. Foto: privat

Eine Stunde später geht's dann vom Rott aus alleine 15 Kilometer nach Wülfrath. Über die Trasse und über stark befahrene Straßen, die ich mehrmals wöchentlich mit dem Auto befahre und die mir vom Rad aus seltsam bedrohlich erscheinen. Viele, das weiß ich, pendeln zwischen Wülfrath und Wuppertal mit dem Rad, das klappt gut. Aber der Wechsel vom Auto mit Knautschzone auf das ungeschützte Fahrrad, das ist für mich krass. Ich fahre auf der Katernberger Straße lieber auf dem Bürgersteig und lächele den Fußgängern entschuldigend zu.
Dann geht's durch Aprath, über Felder und Wiesen. Es riecht nach Kühen und satter Wiese. Und irgendwie geht der Ballast des Tages im Fahrtwind verloren. Zu Hause gönne ich mir auf der Terrasse einen Flammkuchen und ein Gläschen Wein. War das herrlich.

Donnerstag, 7.30 Uhr morgens, dicke Wolken, Nieselregen. Das E-Bike schaut mich im Wohnzimmer fast schon provozierend an. Ich seufze. Soll ich mit der Bahn ab Aprath fahren, schlägt eine leise Stimme in mir vor. Der Plan B macht das Losfahren leichter. Ich starte mit Regenjacke und Rucksack (ich habe bereits dazu gelernt) auf der Trasse der Niederbergbahn und biege dann doch nicht in Aprath am Bahnhof ab. Weiter geht's am Bayer-Forschungszentrum vorbei, durch die Birken auf die Briller Straße. Die B7 spare ich mir und radele durchs Luisenviertel. Eine Dreiviertelstunde später stelle ich fest: Ich habe nur wenige Minuten länger als mit dem Auto gebraucht. Und so frisch habe ich mich noch nie gefühlt, als ich auf meinen Schreibtischstuhl plumpse. Noch stolzer wäre ich allerdings, hätte ich keinen kleinen Motor gehabt, der mich wie eine unsichtbare Hand die Berge hoch schiebt. Wie herrlich muss es sich anfühlen, wenn man auf dem Weg zur Arbeit schon ein Workout erledigt hat? Herausforderung angenommen.

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