Ein zentrales Anliegen ist ihr die sogenannte „jüdische Agency“ – also die Sichtbarkeit jüdischer Menschen als handelnde Akteure der Geschichte. „Jüdische Geschichte ist mehr als die Geschichte ihrer Verfolgung“, betont die designierte Leiterin. Die Vielfalt jüdischen Lebens und jüdischer Erfahrungen verdiene mehr Aufmerksamkeit.
Mit ihr beginnt in der Begegnungsstätte Alte Synagoge ein Generationswechsel. Nach mehr als drei Jahrzehnten an der Spitze der Einrichtung verabschiedet sich Dr. Ulrike Schrader Ende November in den Ruhestand. Einen Monat lang werden beide gemeinsam arbeiten, bevor Schrader die Verantwortung endgültig abgibt.
Derzeit leitet Brinkmann-Michalczyk die Kulturinstitution „uzwei“ im Dortmunder U. Darüber hinaus forscht sie an der Ruhr-Universität Bochum zu Darstellungen genozidaler Gewalt. Bereits während ihres Studiums setzte sie sich intensiv mit Erinnerungskultur auseinander. Gerade deshalb freut sie sich auf ihre neue Aufgabe in Wuppertal: „Erinnern ist kein abgeschlossener Prozess. Geschichte wird immer wieder neu betrachtet, diskutiert und vermittelt.“ Die Begegnungsstätte Alte Synagoge biete dafür ideale Voraussetzungen.
Besonders spannend finde sie den regionalen Bezug. Komplexe historische Entwicklungen würden für viele Menschen greifbarer, wenn sie sich unmittelbar vor Ort nachvollziehen ließen. Die Arbeit der Begegnungsstätte sieht sie dabei bereits auf einem sehr hohen Niveau. Die Einrichtung vermittle nicht nur die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern erzähle die Geschichte jüdischen Lebens in Wuppertal von den Anfängen bis in die Gegenwart. Diesen Ansatz möchte Brinkmann-Michalczyk weiterentwickeln.
Eine wichtige Rolle spielt für sie die Bildungsarbeit. Schon heute bestehen acht Bildungspartnerschaften mit Schulen aus Wuppertal, Remscheid und Solingen. Bildung und Dialog seien unverzichtbare Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft. Demokratie müsse immer wieder verteidigt werden – gerade in Zeiten, in denen gesellschaftliche Spannungen zunähmen.
Gleichzeitig möchte die künftige Leiterin neue Wege in der Vermittlung ausprobieren. Denkbar seien Ausstellungen, die analoge und digitale Elemente stärker miteinander verbinden sowie experimentellere Formate, die neue Zielgruppen ansprechen. Die Begegnungsstätte solle ein Ort für alle sein. „Ich möchte Menschen auf Augenhöhe begegnen und ohne erhobenen Zeigefinger ins Gespräch kommen“, sagt sie. Auch die Prävention von Antisemitismus gehöre zu den wichtigen Aufgaben der Einrichtung.
Besonders beeindruckt zeigt sich Judith Brinkmann-Michalczyk von der umfangreichen Quellen- und Dokumentensammlung der Begegnungsstätte. Viele der Bestände seien über Jahrzehnte hinweg aufgebaut worden und ermöglichten eine einzigartige Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte Wuppertals.
Damit verweist sie zugleich auf die Arbeit ihrer Vorgängerin Dr. Ulrike Schrader. Seit der Gründung der Begegnungsstätte im Jahr 1994 hat sie deren Entwicklung maßgeblich geprägt. Als sie ihre Arbeit begann, sei Gedenkstättenarbeit in Wuppertal noch keineswegs etabliert gewesen.
Vieles habe erst aufgebaut werden müssen. „Nach 32 Jahren ist eine Ära zu Ende, die mich stark geprägt hat“, sagt Schrader. Der Abschied falle ihr nicht leicht. Einerseits gebe sie eine große Verantwortung ab, andererseits freue sie sich auch auf mehr Zeit für sich selbst.
Mit Judith Brinkmann-Michalczyk übernimmt nun eine Historikerin die Leitung, die wissenschaftliche Forschung, Bildungsarbeit und Kulturvermittlung miteinander verbindet. Die Begegnungsstätte Alte Synagoge steht damit vor einem neuen Kapitel – ohne ihren bisherigen Auftrag dabei aus den Augen zu verlieren: Erinnerung lebendig zu halten und den Dialog über Geschichte, Demokratie und jüdisches Leben in Wuppertal zu fördern.