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Bergische Uni Wuppertal: Ein Lehrbuch mit (Corona-)Weitblick

Bergische Transfergeschichten : Ein Lehrbuch mit (Corona-)Weitblick

Der Wuppertaler Zellbiologe Prof. Dr. Martin Simon ist an einem neuen Fachbuch der Biologie beteiligt und folgte damit einer Anfrage des Herausgebers und Biodiversitätsprofessors Jens Boenigk von der Uni Duisburg-Essen. Das Buch verfolgt ein neues Vermittlungskonzept und beschäftigt sich unter anderem ganz aktuell mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie. In den Bergischen Transfergeschichten berichten die Wissenschaftler über ihre Herangehensweise.

„Jede einzelne Replikation eines Virus bringt eine erhöhte Gefahr für eine neue Variante“, sagt Prof. Dr. Martin Simon, Zellbiologe an der Bergischen Universität. „Dementsprechend kann jede einzeln geimpfte Person die Replikation des Virus durch seine Schutzimpfung hemmen.“ Aufklärung sei das A und O in dieser Pandemie und diese Aufklärung müsse bereits bei den Studierenden beginnen, die die nächste Generation ausbilden würde. Das neue Lehrbuch blickt daher disziplinübergreifend und weitblickend über den Tellerrand.

„Ganz grundsätzlich vermitteln wir hier stark von Abbildungen ausgehend und verbinden damit visuelle Lern- und assoziative Verknüpfungen verschiedener Aspekte und Themenfelder mit den jeweiligen Fachbegriffen. Dadurch, dass wir das visuelle Lernen wesentlich stärker nutzen, als das in anderen Lehrbüchern der Fall ist, können wir auf wenig Platz, ohne allzu ausschweifende Erklärungen, komplexe Zusammenhänge fachgerecht vermitteln“, fasst Herausgeber Prof. Boenigk zusammen.

Die Informationsdichte sei durch die Anzahl der kommentierten Abbildungen extrem hoch und man könne übergeordnete Muster und Prinzipien auf geringem Platz auf den Punkt bringen. Der Wuppertaler Zellbiologe Martin Simon ergänzt: „Die Abbildungen sind auch anders aufgebaut als klassische Abbildungen. Wir haben Textabschnitte mit in die Grafiken eingebaut, dort, wo sie hingehören. Da wird ein Enzym über eine Sprechblase an der Stelle erklärt, wo es auch in einem Mechanismus funktioniert. Dadurch wird dieses Hin- und Herspringen der Leserinnen und Leser zwischen Text und Abbildung verkürzt.“

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Für das neue Buchkonzept musste Boenigk erst einmal eine Menge Überzeugungsarbeit leisten, denn alle Autorinnen und Autoren hatten für ein Lehrbuch so noch nicht gearbeitet. Dazu Prof. Simon, der einen Großteil zum Thema Genetik beisteuerte: „Das war für mich als Autor am Anfang komplizierter, weil ich nicht einfach meinen Text runterschreiben konnte, sondern ich musste die Abbildung mit Bleistift skizzieren, die dann von der Grafik gestaltet wurde.“ Das habe am Anfang etwas gedauert, bis man sich auf diese Arbeitsweise eingestellt habe.

Im Ergebnis haben Leserinnen und Leser nun die Übersicht und die Teilinformation in einer Abbildung: „Das erleichtert das visuelle Lernen ungemein!“ Und Prof. Boenigk ergänzt: „Das ,Making of‘ ist tatsächlich ein Punkt, der wesentlich arbeitsaufwändiger und komplizierter war, als bei einem Standardlehrbuch. Die Autorinnen und Autoren mussten erst einmal umdenken und die Informationen von der Abbildung aus denkend aufbereiten.“ Der zuständige Grafiker kam bei manchen Abbildungen an seine Grenzen, und auch für den Verlag bedeutete das Projekt Neuland.

Boenigk und Simon kennen sich bereits seit Jahren von diversen Fachtagungen und so fragte der Duisburg-Essener Biologe den Wuppertaler Genetiker an, bei diesem neuen Lehrbuchkonzept mitzuarbeiten. Noch im Entstehen des Buches entwickelte sich die weltweite Corona-Pandemie und die beiden Wissenschaftler entschlossen sich, der Epidemie zwei zusätzliche Kapitel zu widmen. Simon: „Ich hatte in meinem Genetikkapitel bereits die Grundlagen der Viren erklärt und wenn man die Medien der letzten anderthalb Jahre verfolgte, ergab es sich zwangsläufig, dass man näher auf die Translation zwischen den Grundlagen der Virologie und der Epidemiologie eingehen musste.“

Die neuen Virenvarianten seien genau das, was man in der aktuellen Corona-Pandemie erlebe, erklärt Simon, zwar könnten sich Geimpfte immer noch anstecken, doch die Replikation der Viren werde schwieriger. „Jede einzelne geimpfte Person trägt zur Vermeidung von neuen Varianten und zur verminderten Verbreitung der Viren bei!“

Das Buch frage auch, wo die neuen, immer virulenter werdenden Stämme herkommen und weise damit in die nahende Zukunft, denn das Problem der Pandemien werde man immer öfter sehen. Boenigk und Simon wollen im Lehrbetrieb bereits jetzt darauf hinweisen. „Wir alle haben in unseren Studiengängen auch Lehramtsstudierende“, erklärt Simon. „Wir bilden die nächste Generation Lehrerinnen und Lehrer aus, und wir müssen dieses Wissen jetzt schon dort anbringen und in den Lehrbüchern manifestieren, damit es an die nächsten Generationen in den Schulen übertragen wird.“

Das Kapitel schildere eindringlich die soziale Relevanz des Impfens und helfe durch die Vermittlung der Bevölkerung, diese Veränderungen nachzuvollziehen. Boenigk: „In der Genetik wird erklärt, was ein Virus eigentlich ist, wie es aufgebaut ist und funktioniert, und das, was wir jetzt sehen, sind die Effekte der Viren. Damit sind wir in der Ökologie, also wie sie mit ihrem Wirt interagieren, wie sie sich verbreiten. Deshalb haben wir diese zusätzlichen Kapitel auch in die Ökologie gepackt. Daran sieht man dann auch die engen Verknüpfungen der Disziplinen. Viren an sich werden bedeutend bleiben, und auch bedeutender werden“, sagt er. „In der Gesellschaft, bei steigender Bevölkerung werden wir häufiger mit Epidemien und Pandemien zu tun haben. Der Anteil von Viren in Genomen wird aber auch erst jetzt entdeckt. In den Bereichen der Gentechnik spielen Viren eine zunehmende Rolle, beim Verständnis des Aufbaus von Leben sowieso.“