Interview zum 90-jährigen Jubiläum Barmer Theologische Erklärung: „Kern kirchlicher Existenz“

Wuppertal · Die Barmer Theologische Erklärung (BTE) wird 90 Jahre alt. Welche Bedeutung hat sie heute noch für Kirche und Wissenschaft? Ein Interview von Frank Grünberg (KiHo) mit Wuppertals Superintendentin Ilka Federschmidt und Kirchenhistorikerin Prof. Dr. Nicole Kuropka.

Superintendentin Ilka Federschmidt (li.) und Kirchenhistorikerin Prof. Dr. Nicole Kuropka.

Superintendentin Ilka Federschmidt (li.) und Kirchenhistorikerin Prof. Dr. Nicole Kuropka.

Foto: Frank Grünberg

Die BTE hat die Bekennende Kirche und ihre Rolle im Nationalsozialismus weltweit bekannt gemacht. Würden Sie dieses historische Ereignis als Glücksfall für den Kirchenkreis Wuppertal bezeichnen?

Federschmidt: „Ich würde nicht das Wort ,Glücksfall‘ wählen. Vielmehr sehe ich darin für den Kirchenkreis Wuppertal eine besondere Chance und zugleich eine Verpflichtung. Die erste Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche in Deutschland fand Ende Mai 1934 nicht zufällig in Wuppertal-Barmen in der Gemarker Kirche statt. Es gab dort eine Mehrheit der Bekennenden Kirche gegenüber den Deutschen Christen bei den Kirchenwahlen 1933. Der Boden für eine erste Versammlung schien hier gut zu sein.

In der Tatsache, dass es sowohl diesen spezifischen Bezug zwischen BTE und Wuppertal als auch den ,authentischen Ort‘ der damaligen Synode in unserer Mitte gibt, liegt ein besonderes Potenzial für uns. Hier lebt und wirkt bis heute eine konkrete Gemeinde – mitten in den sichtbaren Macken und Schatten wie auch Stärken unserer Stadt, da, wo Kirche hingehört. Das historische Ereignis ist für den Kirchenkreis Wuppertal ein kostbares, sehr vitales und zur lebendigen Auseinandersetzung herausforderndes Erbe.“

Kuropka: „Aus der Perspektive der Kirchlichen Hochschule halte ich die BTE insofern für einen ,Glücksfall‘, da sie die Grundlage für den Kooperationsvertrag zwischen dem Kirchenkreis und der Kirchlichen Hochschule bildet. Diese enge Zusammenarbeit mit einem Kirchenkreis ist in der theologischen Wissenschaft in Deutschland einzigartig. Damit können wir hier in Wuppertal ein Zeichen setzen, wie eng gemeindliche Praxis und gemeindliche Theologie mit wissenschaftlicher Theologie und theologischer Ausbildung verbunden sind.

Diese Verbundenheit finde ich angesichts einer unsicheren Zukunft für die Kirche unheimlich wichtig, weil wir unsere Studierenden eben nicht in einer wissenschaftlichen Blase ausbilden, sondern sie von Anfang an erden können mit dem, was an gemeindlichen Tätigkeiten notwendig ist.“

Welche Bedeutung hat die BTE heute für die gemeindliche Praxis der evangelischen Kirche?

Federschmidt: „Die BTE spricht ,Kernelemente‘ evangelischer Kirche an und trifft damit für mich auch heute den Nerv kirchlicher Existenz. Was ist die Quelle unserer Verkündigung, unseres Lebens als Kirche mit ihren Gemeinden und Aufgaben? Trauen wir Gottes Wort zu, uns zu orientieren, lebendig an uns und hoffentlich durch uns zu wirken? Oder schielen wir nach anderen Einflüssen und Wahrheiten und Werten?

In der BTE liegt für mich auch eine Infragestellung, ob das, was wir als Kirche immer noch ,haben‘, zu sehr uns hat. Ob es uns darum so schwerfällt, unsere gegenwärtigen Strukturen loszulassen, uns neu orientieren zu lassen und dort auch auf Macht und Einfluss zu verzichten, wo es der Klarheit dient. Da klingt es für mich höchst aktuell, wenn die BTE von der frohen Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt spricht, und sehr inspirierend vom dankbaren Dienst an Gottes Geschöpfen. Fröhliche Freiheit und dankbarer Dienst leben davon, dass wir die Quelle nicht verlieren, aus der wir leben.“

Blick in die Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung.

Blick in die Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung.

Foto: Barbara Herfurth-Schlömer

Gibt es Beispiele, die zeigen, wie sich die BTE in Ihrer täglichen Arbeit niederschlägt?

Federschmidt: „Sehr konkret schlägt sich die BTE natürlich in der Ausstellung .Barmer Theologische Erklärung. Gelebte Revolution‘ nieder, die wir vor zehn Jahren in der Gemarker Kirche eröffnet haben. Auch beim Thema Kirchenasyl spielt die BTE eine wichtige Rolle, wenn wir den Staat daran erinnern, ein gut qualifiziertes und sehr verantwortliches Kirchenasyl anzubieten und damit ein Gebot Gottes zu achten.

Eine schmerzliche Konkretion hatte die BTE zudem in einem Presbyterium, in dem ein Presbyter für die AfD kandidierte. Das war für uns ein Grund, dem Rücktritt des Presbyteriums zuzustimmen, damit beide Seiten sich voneinander trennen konnten. Wie ein Wink mit dem himmlischen Zaunpfahl wirkt es vor diesem Hintergrund, dass wir auf der Suche nach einem Gelände für das Archiv des Kirchenkreises auf das ehemalige NS-Konzentrationslager im Stadtteil Kemna gestoßen sind.

Dadurch haben wir die Chance erhalten, diese Immobilie aus der gewerblichen Nutzung herauszuholen, als Gedenkort zugänglich zu machen und den Blick auch auf die ganz unrühmliche und beschämende Rolle der deutschchristlichen Seelsorger zu richten, die dort gewirkt haben, und auf das deutschchristliche Konsistorium der Landeskirche, das hinter ihnen stand.“

Wo nimmt die BTE die Evangelische Kirche darüber hinaus in die Pflicht?

Federschmidt: „Die BTE nimmt uns in die Pflicht, gegen jeden Antisemitismus einzutreten und dabei auch den Antisemitismus in den eigenen Reihen ernst nehmen. Diese ,siebte These‘ fehlt der BTE ja. Ich bin daher dankbar, dass 2002 neben der Gemarker Kirche die Neue Synagoge errichtet werden konnte. Wir müssen aber auch unser Verhältnis zu Kommunisten und Sozialisten weiterdenken. Dass da etwas fehlt, merken wir in der Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Kemna und mit der Haltung des damaligen Protestantismus gegenüber der Arbeiterbewegung – auch in der Bekennenden Kirche.“

Welche Fragen richtet die moderne Forschung an die BTE?

Kuropka: „Theologiegeschichtlich ist die BTE gut erschlossen. Grundlegende Forschungen zur Textgeschichte liegen vor, ebenso wie Untersuchungen, wer an welchen Thesen beteiligt war. Ebenso wie die Frage danach, wo stärker reformierte und wo stärker lutherische Theologie zum Tragen kommt und wo es Spannungen zwischen beiden theologischen Ansätzen gibt. Gut erschlossen sind damit auch die ,großen Köpfe‘ der BTE wie auf reformierter Seite Karl Barth und auf lutherischer Seite Hans Asmussen.

 Mit einem Festgottesdienst in der Gemarker Kirche wird am 31. Mai die Entstehung der Barmer Erklärung gefeiert.

Mit einem Festgottesdienst in der Gemarker Kirche wird am 31. Mai die Entstehung der Barmer Erklärung gefeiert.

Foto: Barbara Herfurth-Schlömer

Historisch interessant ist jedoch, dass über die Hauptpersonen hinaus wenig Forschung zu den anderen Synodalen vorliegt. Die grundlegenden Biogramme sind in der Ausstellung in der Gemarker Kirche zugänglich. Über die unterschiedlichen sozialen, politischen oder religiösen Hintergründe aber könnte aus biographiegeschichtlicher oder sozialgeschichtlicher Perspektive noch viel geforscht werden.“

Die Bedeutung der BTE wird nicht nur in Fachkreisen kritisch diskutiert. Sie werde in ihrer Bedeutung überbewertet, es stecke nicht so viel Widerstandsgeist in der Erklärung wie vielfach behauptet, lautet die Kritik. Was sagen sie als Wissenschaftlerin dazu?

Kuropka: „Als Historikerin bin ich grundsätzlich zurückhaltend, wenn es um Wertungen geht. Was ich aber sagen kann: Verkürzungen, die aus der BTE eine Widerstandserklärung gegen Adolf Hitler machen, stimmen so sicherlich nicht. Genauso falsch aber ist es, die BTE kleiner zu reden als sie ist. In einem totalitären System, in dem alles gleichgeschaltet wird, kann eine politische Aussage selbst dann wahnsinnig mutig sein, wenn sie keinen Frontalangriff auf den Führer darstellt.

Eine andere Frage ist die nach der Relevanz der BTE in der heutigen Theologie und in den heutigen Landeskirchen. Diese Frage muss man im Gesamtgeflecht der Bedeutung von Bekenntnisschriften erörtern, neben der BTE also auch zum Beispiel die Confessio Augustana und den Heidelberger Katechismus mit einbeziehen. Wichtig finde ich, dass man auf dieser Grundlage sauber argumentiert. Verkürzungen helfen weder der einen noch der anderen Seite.“

Die Kirchliche Hochschule und der Kirchenkreis Wuppertal laden am 31. Mai und 1. Juni 2024 zu einer Fachtagung zur BTE ein. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Tagung?

Kuropka: „Die Konzeption der Feierlichkeiten ist so angelegt, dass kirchliches und wissenschaftliches Erinnern eine Einheit bilden. Das Herz ist dabei der Festgottesdienst, der räumlich am historischen Ort in Barmen-Gemarke mit Beteiligten aus Hochschule und Gemeinde gestaltet wird. Um diesen Festgottesdienst herum gibt es eine wissenschaftliche Rahmung mit einer Fachtagung.

Sie trägt den Titel ,Was Erinnern macht – Macht der Erinnerung‘ und greift damit nicht nur ein in der historischen Wissenschaft hoch aktuelles Thema auf, sondern auch die besondere Kritik an der evangelischen Erinnerungskultur. Aus unterschiedlichen Perspektiven soll das ,Erinnern‘ auf der Fachtagung beleuchtet werden: Wen erinnern wir wie, wenn wir von Pfarrern aus der NS-Zeit reden? Die ,Helden‘ der Bekennenden Kirche und die ,Täter‘ der Deutschen Christen? Welche Differenzierungen sind notwendig, um den einzelnen Personen wirklich gerecht zu werden? Welche Rolle spielte die BTE in der Nachkriegszeit bei den Gründungen der Landeskirchen? Wie wurde in der evangelischen Publizistik die BTE rezipiert?

Mit diesen Beispielen soll exemplarisch eine historisch notwendige differenzierte Zugangsweise eröffnet werden, die der Verstricktheit mit dem Nationalsozialismus, den Ambiguitäten des Alltags, aber auch dem Versagen und den mutigen Taten inmitten einer Diktatur gerecht wird.“

Welche Bedeutung hat die Erforschung der BTE für die Praxis eines Kirchenkreises? Wie profitieren Sie davon?

Federschmidt: „Die Forschung hilft uns ganz konkret, die Qualität unseres Ausstellungsprojektes zu sichern. Die Ausstellung erhebt ja den Anspruch, wissenschaftlich fundiert recherchiert zu sein und auch neue Themen aufzugreifen, etwa, wie Frau Kuropka gesagt hat, den Biografien einzelner Synodaler nachzugehen.

Die Forschung hilft zudem, den zeitgeschichtlichen Kontext klarer und gewissenhaft zu erhellen. Damit unterstützt sie das Bemühen, die Frage nach dem heutigen Kontext zu schärfen, keine vorschnellen Übertragungen vorzunehmen oder die BTE in einer oberflächlichen Aufnahme vor den eigenen Karren zu spannen.

Auch der Rezeption kommt die Forschung zugute, da sie hilft, die Bekennende Kirche eben nicht zu verklären, sondern aus ihren Grenzen und ihrem Versagen zu lernen und zugleich das hoch zu schätzen, was Menschen damals vermochten, an Wahrheit zu sagen. Durch all das trägt die Forschung dazu bei, dem Leben von Kirche und Gemeinde Orientierung zu geben. Und genau das will die BTE ja auch.“