Wegfall des Bundeskulturpreises „Applaus 2026“ „Insel“, „Ort“ und „Loch“ warnen vor Insolvenzen

Wuppertal · Der Wegfall des Bundeskulturpreises „Applaus 2026“ trifft die Wuppertaler Spielstätten „Insel“ und „Loch“ nach eigenen Angaben „in einem ohnehin existenzbedrohenden Moment“. Er mache „schonungslos sichtbar, wie lückenhaft die aktuelle Kulturfinanzierung aufgestellt ist“. Die Stellungnahme im Wortlaut.

Die Verleihung des „Applaus“-Preises an die „Insel“ und an das „Loch“ (Archivbild).

Foto: Loch

„Aufgrund geänderter Regularien können sich die beiden Häuser erstmals seit Jahren nicht mehr für den höchstdotierten Preis für Livemusikspielstätten bewerben. Was nach einer formalen Änderung klingt, ist für die betroffenen Einrichtungen ein stiller Schock mit drastischen Konsequenzen. Die Preisgelder waren nie bloß symbolische Anerkennung, sondern – notgedrungen – ein zentraler Bestandteil der Finanzierung. Sie haben geholfen, strukturelle Defizite auszugleichen und in einzelnen Fällen sogar Insolvenzen zu verhindern.

Und genau darin liegt das eigentliche Problem: Preisgelder sollten in einer stabilen Förderstruktur keine tragende Rolle spielen. Sie sind als Auszeichnung gedacht, nicht als Ersatz für eine unzureichende Grundfinanzierung. Dass Einrichtungen dennoch gezwungen sind, mit ihnen zu kalkulieren, zeigt, wie angespannt die finanzielle Situation bereits seit Jahren ist.

Der ,Ort“, der bereits sechs Mal mit dem ,Applaus‘ ausgezeichnet wurde, musste 2025 aussetzen und konnte diesen Ausfall nur mühsam durch Spenden und ein reduziertes Programm kompensieren – hofft nun aber auf eine neue Chance für 2026.

Dass ausgerechnet Wuppertal über Jahre hinweg gleich drei Spielstätten hervorbringt, die wiederholt und teils in der höchsten Kategorie ausgezeichnet wurden, ist im bundesweiten Vergleich alles andere als selbstverständlich. Gerade deshalb ist die aktuelle Situation so brisant. Sie zeigt deutlich, dass selbst mehrfach ausgezeichnete Exzellenz keine Sicherheit bietet und dass eine verlässliche Finanzierung nicht durch Preise ersetzt werden kann.

Doch die eigentliche Brisanz liegt tiefer: Die Freie Szene in Wuppertal steht bereits jetzt unter massivem Druck. Wie auch in der aktuellen Berichterstattung deutlich wird, sind vielerorts nur noch die ersten Monate des Jahres finanziell gesichert. Ab der zweiten Jahreshälfte drohen konkret Personalabbau, Programmkürzungen und Insolvenzen. Der Wegfall der Applaus-Preisgelder beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich.

Dabei geht es nicht um neue oder überzogene Forderungen, sondern um Verlässlichkeit politischer Entscheidungen. Der Kulturausschuss hat für eine Erhöhung der institutionellen Förderung gestimmt und diese deutliche Empfehlung in die Fraktionen und den Rat der Stadt Wuppertal getragen. Im Haushaltsentwurf findet sich diese Entscheidung bislang jedoch nicht wieder. Die endgültige Entscheidung steht nun unmittelbar bevor.

Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht die Schieflage: Der Anteil der Freien Szene am städtischen Haushalt liegt bei lediglich 0,14 Prozent. Gleichzeitig erwirtschaften die Einrichtungen der Freien Szene den Großteil ihrer Mittel selbst (ca. 80 Prozent). Öffentliche Förderung ist hier kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass weitere Mittel überhaupt eingeworben werden können und kulturelle Angebote bestehen bleiben. Jeder öffentliche Euro erzeugt dabei ein Vielfaches an wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wirkung. Kürzungen oder ausbleibende Anpassungen sind vor diesem Hintergrund nicht nur kulturpolitisch fatal, sondern auch wirtschaftspolitisch kurzsichtig.

Die Freie Szene ist kein Randbereich. Sie prägt das kulturelle Leben der Stadt maßgeblich. Über 200.000 Besucher jährlich nutzen ihre Angebote. Sie stärkt Quartiere, schafft kulturelle Teilhabe, wirkt in die Stadtgesellschaft hinein und leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur gesellschaftlichen Verständigung. Darüber hinaus ist sie ein wichtiger Faktor für die Attraktivität des Standorts – kulturell, sozial und wirtschaftlich.

Trotzdem basiert ihre Existenz zunehmend auf unsicheren Einnahmen wie Projektmitteln oder Preisen. Genau vor dieser Entwicklung haben die Spielstätten immer wieder gewarnt. Dass diese Unsicherheit nun konkret wird, verschärft die Situation erheblich.

Die nächsten Tage werden zeigen, in welche Richtung sich Wuppertal entwickelt. Mit der Verabschiedung des Haushalts wird sich zeigen, ob die Politik bereit ist, ihre eigenen Beschlüsse umzusetzen und die notwendige finanzielle Grundlage zu schaffen oder ob sie den dauerhaften Verlust zentraler kultureller Infrastruktur in Kauf nimmt.

Denn klar ist: Was einmal wegbricht, lässt sich nicht einfach wieder aufbauen. Als Insel, Ort und Loch sprechen wir hier mit einer gemeinsamen Stimme. Wir stehen exemplarisch für viele weitere Akteurinnen und Akteure der Freien Szene in Wuppertal, die unter denselben Bedingungen arbeiten und zunehmend an ihre Grenzen geraten. Wir fordern die politischen Entscheidungstragenden der Stadt auf, jetzt Verantwortung zu übernehmen und die notwendigen Mittel im Haushalt verbindlich zu verankern. Es geht nicht um einzelne Häuser, sondern um die Zukunft einer lebendigen, vielfältigen und offenen Kulturlandschaft. Die Zeit zu handeln ist jetzt.“