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Kommentar zur Wuppertaler Schwebebahn: Eine Stadt hat viele Fragen

Kommentar zur Schwebebahn : Eine Stadt hat viele Fragen

Wie viel Leid kann diese Stadt ertragen? So eine Boulevard-Überschrift in Sachen Schwebebahn wäre jetzt passend.

Die Schwebebahn ist – jenseits ihrer immensen Bedeutung für Stadt-Image und Tourismus – schlicht Wuppertals Nahverkehrs-Rückgrat. Wenn sie nicht fährt (wirklich verlässlich tut sie das auch schon vor dem jetzigen Debakel seit längerer Zeit nicht), reißt das ein Riesenloch in die Stadt. In persönlichen Gesprächen, Leserbriefen oder Social-Media-Posts sind Fassungslosigkeit und Unverständnis groß. Die Kette der Fragen ist lang. Kein Wunder.

Was lief bei der Entscheidung falsch, die neue Schwebebahn so bauen zu lassen, wie sie gebaut worden ist? War es sinnvoll, sich für den Düsseldorfer Hersteller Vossloh Kiepe (mit Fertigungshallen in Valencia, der drittgrößten Stadt Spaniens) zu entscheiden, wenn – so die Informationen der Rundschau – dieser Hersteller der einzige gewesen ist, der überhaupt bereit war, die neue Wuppertaler Schwebebahn zu realisieren? Hätten nicht die Stadtwerke selbst (siehe „Made in Germany“) ihre neue Bahn bauen können? Angesichts all dessen, was seit Jahren an den neuen Wagen nachgebessert wird, tun die WSW doch eigentlich schon längst genau das: Die Wagen quasi neu bauen.

Ist die Vergabe eines Auftrages von solcher Tragweite ins Ausland auch ein fehlerhafter Aspekt der Globalisierung, die zuletzt angesichts von Corona wieder stark ins Gerede gekommen ist? Haben wir überhaupt je einen Zwei-Minuten-Takt für die Schwebebahn gebraucht? Die Geschwindigkeit sowie das damit im Zusammenhang stehende Bremsverhalten gehören ja wohl offenbar zum aktuellen Gesamtproblemkomplex. Alle drei oder fünf Minuten eine (verlässliche) Schwebebahn – so war es früher: Wem hat dieser Takt zu lang gedauert?

Warum hat man nicht ein oder zwei der neuen Wagen ein Jahr lang im orange-dunkelblauen Verkehr mitfahren lassen? Die Problemvielfalt hätte sich gezeigt, wäre behebbar gewesen. Inklusive Weitergabe der gefundenen Fehler an die Fertigung weiterer neuer Wagen. Wer hat (und warum) Zeitdruck gemacht, dass alle alten Wagen so schnell wie möglich weg müssen?

Müssen jetzt Köpfe rollen? Mag sein. Aber wessen? Der des seinerzeit verantwortlichen WSW-Chefs Andreas Feicht, der als CDU-Staatssekretär ins Bundeswirtschaftsministerium entschwunden ist? Der des neuen WSW-Chefs Markus Hilkenbach, der für die ganze Misere gar nichts kann? Der von WSW-Mobil-Chef Ulrich Jaeger? Was würde das an der aktuellen Situation ändern?

Brauchen wir jetzt – wie es die CDU fordert – einen Ratssonderausschuss? In schon schön heiß laufenden Wahlkampfzeiten klingt das wohlfeil. Klar brauchen wir einen Haufen Antworten auf einen Haufen Fragen. Aber im Stadtwerke-Aufsichtsrat (und ein Aufsichtsrat erfüllt bei Gesellschaften wie den WSW die Funktion eines Kontrollgremiums) sitzen auch CDU, SPD, Grüne und Linke. Wenn ein Ratssonderauschuss mehr Wissen und/oder Fakten zutage fördert als der Aufsichtsrat hat(te): Welches Licht fiele da auf diesen Aufsichtsrat und seine Mitglieder?

Also: Es gibt viel zu klären. Langwierige Rechtsstreitigkeiten sind zwar wahrscheinlich unvermeidbar, aber nicht das, was die Bürger als Reaktion sehen wollen.

Die wollen jetzt, wo der saure Apfel des Schwebebahn-Ersatzverkehrs auf dem Teller liegt, vor allem eines: Dass dieser Ersatzverkehr deutlich besser läuft als während der monatelangen Stromschienenpause. Dass Corona mit Abstand, Masken & Co. noch nicht vorbei ist, gibt dem Ganzen zusätzliche Dringlichkeit.

Busse können die 25 Schwebebahnminuten zwischen Vohwinkel und Oberbarmen nie und nimmer „ersetzen“. Aber die WSW müssen jetzt richtig viele (und fahrplanmäßig verlässliche) Ersatzbusse auf die Straße bringen. Viel mehr als beim letzten Mal. Ja – das kostet sicher eine Menge Geld. Aber hier steht gerade das Image der Stadtwerke (und ein gutes Stück auch das Image Wuppertals) auf dem Spiel. Ich finde, da sollten Sparfüchse Sendepause haben.