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Rundschau spricht mit Experten: Protest und Verschwörung

Rundschau spricht mit Experten : Protest und Verschwörung

Was bewegt Menschen dazu, gegen Corona-Maßnahmen zu demonstrieren? Wie entsteht der Glaube an Verschwörungstheorien? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, hat die Rundschau mit Dr. Günter Molz und Professor Hans J. Lietzmann von der Bergischen Uni gesprochen.

Vergangenen Samstag, 15 Uhr. Auf dem Laurentiusplatz in Elberfeld setzen Menschen mit einer angemeldeten Demonstration ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien. Zu ihnen gesellen sich Wuppertaler, die mit einer anderen Intention auf den Platz gekommen sind.

Sie wollen gegen bestehende Corona-Maßnahmen demonstrieren. Nicht nur in Wuppertal, überall auf der Welt kommen in diesen Tagen Menschen zu so genannten „Corona-Demos“ zusammen, tragen Pappschilder mit Aufschriften wie „Impf-Terrorismus“ oder „Corona-Hysterie“ in den Händen. Sie sind mit Kontaktverbot und Maskenpflicht nicht einverstanden, einige von ihnen vermuten hinter der Verbreitung des Virus gar einen perfiden Plan. Um Hintergründe und Intentionen dieser Personengruppen zu erklären, hat die Rundschau zwei Experten der Uni Wuppertal kontaktiert. Dr. Günter Molz lehrt an der Bergischen Universität im Fachbereich Psychologie, Professor Hans J. Lietzmann ist am Institut für Demokratie- und Partizipationsforschung beschäftigt.

Rundschau: Herr Molz, beginnen wir mit der psychologischen Perspektive. Wie lässt es sich erklären, dass Menschen in Krisensituationen in Verschwörungstheorien flüchten?

Dr. Molz: „Verschwörungstheorien sind auch unabhängig von Krisen verbreitet. Es stellt sich die Frage, warum diese durch Krisensituationen verstärkt werden. Neben dem Ausmaß der persönlichen Betroffenheit ist hier der Umgang mit Unsicherheit ein wichtiges Momentum.“

Rundschau: Also die Angst vor Kontrollverlust als treibende Kraft?

Dr. Molz: „Ja, beziehungsweise der Umgang mit Unsicherheit: Ein Lebensrisiko, von dem man glaubt, dass man es im Griff hat, wird als weniger negativ gewichtet (selbst wenn es sehr hoch sein sollte), als ein Risiko, das man nicht im Griff hat (selbst wenn es eher überschaubar sein sollte). Deshalb fürchten sich viele Menschen weniger vor dem Autofahren als vor dem Fliegen.“

Rundschau: Gibt es Menschen, die besonders anfällig sind für Verschwörungstheorien?

Dr. Molz: „Über alle Studien hinweg gilt, dass es so gut wie keine Zusammenhänge mit Intelligenz oder den gängigen Persönlichkeitsmasken wie Extraversion oder Verträglichkeit gibt. Neuere Forschungen zeigen, dass, wer an Verschwörungstheorien glaubt, auch empfänglich für andere nicht-rationale Überzeugungssysteme wie Aberglauben ist. Auch neigen Anhänger dazu, in zufälligen Mustern (nicht vorhandene) Regelmäßigkeiten zu erkennen.“

Rundschau: Wie können wir Menschen begegnen, die an Verschwörungstheorien glauben?

Dr. Molz: „Vor allem mit realistischen Erwartungen. In der Psychologie wird zwischen Zuständen und Wesenszügen unterschieden. Letztere sind über die Zeit relativ stabil und schwer beeinflussbar. Die Tendenz zum Verschwörungsdenken ist ein Wesenszug – schwer beeinflussbar.“

Professor Dr. Hans J. Lietzmann ist Politikwissenschaftler. Foto: Bundespräsidialamt

Rundschau: Herr Lietzmann, wieso äußert sich gerade in einer Krise verstärkt der Drang nach Protest und Auflehnung gegenüber von der Regierung befürworteten Maßnahmen?

Dr. Lietzmann: „Die gegenwärtige Krise ist geprägt davon, dass sie für alle Beteiligten völlig unkalkulierbar ist. Diese Verunsicherung provoziert eine vorherrschende Akzeptanz der Sicherungsmaßnahmen, zugleich aber auch die grassierenden Verschwörungstheorien, die ja im Kern nichts anderes sind als (eher irrationale) vorlaute Erklärungsmuster von Phänomenen, von denen allgemein angenommen wird, sie seien unerklärlich oder nicht definitiv absehbar. Zudem erleben wir weniger einen Protest gegen ‚die Regierung‘ als einen Protest gegen die ‚Mehrheitsgesellschaft‘. Es gibt ja kaum Opposition gegen die Maßnahmen. Diese allgemeine Einigkeit der Gesellschaft provoziert immer einen besonders lauten, wegen seiner Randlage besonders verletzten und irrationalen Protest.“

Rundschau: Entsteht der Protest aus dem Gefühl, in politische Entscheidungen nicht einbezogen zu werden beziehungsweise aus dem Unverständnis der Priorisierung von Gesundheit und Existenzsicherung heraus?

Dr. Lietzmann: „Man kann über einen ‚Virus‘ nicht abstimmen. Wir haben gegenwärtig ein Notstandsregime, einen klassischen ‚Ausnahmezustand‘, in dem Mitwirkungsrechte eingefroren sind. Dieser Zustand ist in einer Demokratie und deren politischer Kultur nur erträglich und legitim, wenn er keinen Moment länger andauert, als er offensichtlich begründet ist. Darüber lässt sich trefflich streiten. Insbesondere über die Abwägung zwischen gesundheitlicher ‚Existenzsicherung‘ und wirtschaftlicher ‚Existenzsicherung‘. Diese Einschätzung folgt politischen Argumenten, von ihr sind die Menschen unterschiedlich betroffen und sie wird natürlich strittig sein.“

Rundschau: In der Krise hat sich eine Bewegung gegründet, die sich selbst „Widerstand 2020“ nennt. Wie bewerten Sie die?

Dr. Lietzmann: „Es handelt sich um eine radikalisierte Minderheit, quantitativ und qualitativ eher (noch) vernachlässigenswert, aber irgendwann eventuell ein Fall für die Polizei und den Verfassungsschutz.“

Rundschau: Wann wären Corona-Proteste denn generell ein Fall für den Verfassungsschutz?

Dr. Lietzmann: „Zunächst einmal gar nicht. Sie sind ganz übliche, demokratisch erlaubte und in gewisser Weise erwünschte Meinungsäußerungen. Als Meinungsäußerung einer kleinen Gruppe oppositioneller und sozial irritierter Menschen sind sie legitim. Wenn und soweit sich die Proteste gegen die Verfassung und die verfassungsmäßigen Rechte anderer Menschen oder Menschengruppen richten, würden sie natürlich in das Beobachtungsfeld des Verfassungsschutzes und der Polizei fallen.“