Top Magazin: Messerscharf!

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Shesher ist Kult — und das nicht nur in Wuppertal. Schließlich war er schon für den "German Barber Award" nominiert.

Ich hatte gleich so eine Ahnung. Unter der Deutschlandflagge, die einem Nachbarn aus dem Fenster wedelt, schlummert ein Ladenlokal, in dem man eher Platinen, Festplatten und Laufwerke vermuten würde als einen kultigen Barber. Der kognitive Wackelkontakt erklärt sich nicht zuletzt aus der Typographie, die Shesher Emmanuel Sanwogou fürs Schaufenster gewählt hat. Er lacht: "Ich habe eigentlich Informatik studiert." Na siehste!

Mit 14 verließ er seine togolesische Heimat und ging nach Paris, wo er sich während des Studiums als Aushilfe in Friseurläden das Zubrot verdiente. 2002 zog Shesher nach Wuppertal, um als Vollzeitgatte, Vollzeitvater der soeben geborenen Tochter und ab 2008 auch als Vollzeit-Barber seinen Mann zu stehen. Aber ein Facelift für sein Schaufenster an der Westkotter Straße 21 kommt ihm nicht in die Tüte. "Ich hab anfangs sogar die Jalousien runtergelassen, damit mir die Kunden nicht die Bude einrennen."

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Es hat sein Gutes, dass Shesher den Zustrom drosselt. Denn bei mittlerweile etwa 400 Stammkunden ist es schwierig genug, einen Termin zu bekommen. Robin kann ein Lied davon singen. Vor drei Monaten hat er sich angemeldet, jetzt sitzt er mit dem Rauschebart Rübezahls endlich in "Da Barbershop" und wartet darauf, gestutzt zu werden.

Diese Atmo! Was draußen nach Wichlinghauser Dröppelmina aussieht, entpuppt sich innen als Auferweckung eines Edward-Hopper-Gemäldes. "I've got you under my skin", singt Frank Sinatra gerade aus dem CD-Player, während Shesher Schaum schlägt, mit dem er Robin einseifen wird.

Alle naslang öffnet ein neuer Bartträger die Tür — in der Hoffnung auf Terminvergabe. Theoretisch ginge so etwas übers Telefon, doch dafür ist Shesher nicht zu haben. Das ewige Klingeln würde nur die Stimmung verderben, außerdem gehört eine Hautdiagnose vor dem Cut zwingend zur Prozedur. Also können die Eintretenden nur eben drei Worte wechseln, Atmosphäre schnuppern und sich für irgendwann anmelden.

Das Schnuppern. Wäre Shesher nicht Barber, dann könnte er seinen Laden auch museal nutzen. Die drei Räume, Wichlinghauser Grundausstattung für so ein Lokal und oft genug lieblos mit Krempel zugestopft, wären perfekt für den Indoor-Schwenk in einem Roadmovie.

Auf einen Barbierstuhl hat sich Sheshers Sohn gelümmelt — Flegelalter und gefärbte Dreadlocks wie aus dem Rasta-Bilderbuch. Sinatra singt mittlerweile "That old black magic", als hätte er vom Himmel aus noch ein Auge für die passende Untermalung. Zwischen zwei Uhren, die völlig verschiedene Zeiten anzeigen, hängt Marlon Brando in seiner Rolle als Pate. Von einer anderen Wand schaut der legendäre Schwergewichtsboxer Muhammad Ali dem messerschwingenden Shesher bei der Arbeit zu.

"Cash only" und "No credit" verweisen an der Kasse auf das klare Geschäftsmodell. Und daneben hängt noch ein Foto, das der Pariser Erotikmeister Jonvelle von einer halbnackten Dame im Porträtautomaten geschossen hat: "Photos en 4 minutes".

Vier Minuten, die Zeit muss sein, um auch Robin den letzten Schliff zu verpassen: warme Kompressen und Puder. "Manche sagen, Shaving ist was für Pussys. Aber man sollte auch die Nassrasur drauf haben", erklärt Shesher und gibt eine kurze Einführung in diverse Techniken, die zu seinem geschliffenen Repertoire gehören.

Für Laien ist das ein wenig anstrengend und klingt sehr nach Bubbas Shrimps-Lektionen in "Forrest Gump". "Du kannst sie am Spieß braten, backen, auf den Grill tun, Shrimps Kebap, 24 Gesichtsmuskeln, mimische Muskeln, die das Gesicht formen, Shrimps Kreol." Das lässt zumindest ahnen, warum Shesher so schnell keinen zweiten Mann anstellen wird, obwohl Aushilfe bei dem Andrang nicht schaden könnte.

Immerhin gibt der Meister mittlerweile auch Seminare, etwa zu der Frage "wie man mit Fades und Shapes den Herrensalon erfolgreicher machen kann". Für diese Zeit bleibt der Laden dicht. Aber die Kunden haben Verständnis dafür.

Philipp, der nach Robin Platz nimmt und auf seinen Termin vier Monate gewartet hat, nennt den plausiblen Grund für seine Geduld: "Shesher macht den Laden aus." Ja, der Chef hat schon ein Bier in der Hand und reicht es seinem Kunden, der an diesem Tag sogar Geburtstag hat. "Ein guter Barber ist schließlich auch Psychologe", weiß Shesher. "Und was hier geredet wird, das bleibt auch im Laden. Das könnte ich vergessen, wenn ich einen Mitarbeiter hätte."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Kult-Barber in Wichlinghausen

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