Cronenberg „Mut machen, Gemeinde ganz neu zu denken“

Wuppertal · Pfarrerin Ingrid Schneider wird im Gottesdienst in der Reformierten Kirche Cronenberg am Sonntag (1. Oktober 2023) in den Ruhestand verabschiedet. Zum Abschied spricht sie über den Zusammenschluss mit Küllenhahn und darüber, was andere Gemeinden davon „lernen“ könnten.

Pfarrerin Ingrid Schneider.

Pfarrerin Ingrid Schneider.

Foto: Schneider

Sie haben die Gemeinde Cronenberg anderthalb Jahre lang als Pfarrerin begleitet. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Schneider: „Ich war anderthalb Jahre in der Gemeinde Cronenberg als Pfarrerin im pastoralen Dienst im Übergang eingesetzt. Der pastorale Dienst unterstützt einerseits die Grundversorgung der Gemeinden mit Beerdigungen, Taufen etc. und gleichzeitig habe ich mich beratend eingebracht.

Ziel dieser Übergangszeit ist immer die Pfarrstellenbesetzung, gleichzeitig können die Gemeinden Luft holen und sich fragen, wo die Reise hingehen soll. Ich habe den Blick von außen mit eingebracht und im Laufe des Prozesses wurde schnell deutlich, dass eine Kooperation die Anforderung der Zukunft ist. So hat sich dann schnell der Zusammenschluss mit der Gemeinde Küllenhahn ergeben, der zum Januar 2024 in Kraft treten wird. Und wir haben die Pfarrstelle mit Niklas Schier neu besetzt.“

Welche Überlegungen haben zu dieser Entscheidung geführt?

Schneider: „Ganz am Anfang stand eine ausführliche Befragung der Gemeindeglieder in Cronenberg: Was macht uns aus? Was ist uns wichtig? Was ist unsere Identität? Was brauchen wir von der Pfarrperson, damit wir als Gemeinde unsere Identität leben können. Diese Fragen wurden übrigens auch an die Gemeinde Küllenhahn weitergegeben, damit sie ihre Perspektive dazu beitragen konnten.“

Und welches Profil hat die Befragung ergeben? Was sind für Cronenberg und damit auch für die gemeinsame Gemeinde mit Küllenhahn wichtige Schwerpunkte?

Schneider: „Ganz wesentlich für sie sind der Zusammenhalt untereinander und Netzwerke, die das Miteinander stärken. Das war der große Tenor seitens der Gemeindeglieder. Darum auch sind Treffpunkte so wesentlich und eine Kultur, die das ermöglicht.“

Wie steht die Gemeinde Cronenberg/Küllenhahn jetzt da?

Schneider: „Aus meiner Sicht sind die Gemeinden auf einem guten Weg. Es gab bereits gemeinsame Dienstbesprechungen und Presbyteriumssitzungen sowie weitere gemeinsame Begegnungsmöglichkeiten. Wir sind gerade dabei, uns auf eine gemeinsame Liturgie zu einigen.

Auch der Pfarrwahlprozess lief gut, die Küllenhahner waren von Anfang an beteiligt. Das war bei der Besetzung der Stelle des Kirchenmusikers auch so. Wir hatten ja entscheidende Positionen in der Gemeinde zu besetzen. Von Anfang an war klar, dass die Gemeinde Küllenhahn in diese Prozesse eingebunden und dass ihre Stimme gehört wird.

Bei solchen Themen zeigt sich, dass man es ernst meint miteinander. Sowieso – bei Zusammenschlüssen und Fusionen sind die Gespräche auf Augenhöhe das A und O. Natürlich ist das auch viel Arbeit und mit schmerzlichen Prozessen verbunden. Aber eine Fusion bedeutet im Idealfall, dass alle Möglichkeiten der neuen großen Einheit ausgeschöpft werden.“

Welche Herausforderungen gab es?

Schneider: „Für mich ging es in diesen Gesprächen darum, Sensibilitäten und empfindliche Stellen wahrzunehmen. Da geht es auch um die Frage, welche Ereignisse im Gemeindeleben in der Vergangenheit vielleicht nicht gut gelaufen sind. Ich versuche dann herauszuarbeiten, wie man daraus etwas ,lernen‘ kann.“

Sie haben ja schon einige Gemeinden in einem Umbruchsprozess begleitet. Was geben Sie der Gemeinde Cronenberg und auch den anderen Gemeinden auf den Weg mit Blick auf die anstehenden Veränderungen im Kirchenkreis Wuppertal?

Schneider: „Ich war zehn Jahre im pastoralen Dienst unterwegs und habe in der Zeit fünf Gemeinden begleitet, mehrere davon haben fusioniert. Zuallererst möchte ich Mut dazu machen, Gemeinde ganz anders zu denken. Sich davon zu lösen, allein bisher Gewohntes zu denken. Frei nach dem Motto: Gemeinde könnte auch ganz anders sein und wäre trotzdem toll.

Jeder Einzelgemeinde möchte ich auf den Weg geben, dass sie sich fragt: Was macht uns aus? Was ist unser Schatz und wie bringen wir den ein? Worauf sind wir stolz als Gemeinde? Hängt unsere Identität eher ab von der Kirchenmusik oder zeichnet uns unsere Flüchtlingsarbeit besonders aus? Genau dort sollten die gemeinsamen Gespräche dann starten, wenn es perspektivisch um die Zusammenlegung von Gemeinden geht. Wir sollten nicht strukturellen Fragen in den Vordergrund stellen.

Wenn es dann konkret an Fusionen geht, ist es natürlich auch wichtig, dass wir berücksichtigen, wie die Gemeindeglieder überhaupt von A nach B kommen. Ganz praktisch gesprochen: Ohne eine Verbindung von Bus oder Bahn kann Teilhabe am Gemeindeleben nicht gelingen.“

Sind es denn nicht vor allem die Pfarrerinnen und Pfarrer, die eine Gemeinde prägen?

Schneider: „Wir werden uns nicht wehren dagegen können, dass die Pfarrerinnen und Pfarrer immer weniger werden. Sie dürfen daher nicht die einzige Taktperson in einer Gemeinde sein. Wenn eine Gemeinde lebendig bleiben will, muss sie Dinge selbst in die Hand nehmen und sich für ihr Gemeindeleben verantwortlich fühlen und solches gestalten.“

Wer soll das denn leisten? In allen Bereichen werden immer mehr Aufgaben an Ehrenamtliche verteilt …

Schneider: „Vielleicht müssen wir lernen, Gemeinde als Ort zu denken, in dem wir uns begegnen, uns austauschen und uns umeinander kümmern. Vielleicht ist Gemeinde der Raum, um das zu erleben, was in der Gesellschaft zunehmend verloren geht, Begegnung, Austausch und Gemeinschaft. Das Religiöse und die Spiritualität bleiben natürlich wichtig, doch stehen erst mal nicht im Vordergrund.

In der Gemeinde Cronenberg zum Beispiel arbeiten wir eng mit dem Netzwerk Cronenberg zusammen. Da geht es um Netzwerke und Zusammenhalt und zwar weit über den originären Kontext von Gemeinde hinaus. Ganz wichtig ist dabei aber, dass wir uns vor dem Hintergrund begegnen, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist. Das ist eine originär christliche Botschaft und insofern schließt sich da der Kreis wieder.“

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