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Uni-Professor Dr. Jürgen Gerlach im Interview: Weniger Staus durch harmonische Fahrweise

Uni-Professor Dr. Jürgen Gerlach im Interview : Weniger Staus durch harmonische Fahrweise

2015 gab es laut ADAC in Deutschland rund 568.000 Staus mit einer Gesamtlänge von etwa 1,1 Millionen Kilometern. Wie Staus entstehen, und wie man sie verhindern kann, erklärt Prof. Dr. Jürgen Gerlach vom Lehr- und Forschungsgebiet Straßenverkehrsplanung und Straßenverkehrstechnik.

Was sind die Hauptursachen für Staus auf Autobahnen?

Gerlach: Staus entstehen in etwa zu einem Drittel aufgrund von zu hoher Nachfrage, sprich zu viele Autos, bei mangelnder Kapazität meist an Anschlussstellen oder Autobahnkreuzen. Zu einem weiteren Drittel resultieren sie aus Unfällen. Ein Phänomen der letzten Jahre sind sogenannte "Gaffer", die aufgrund eines Unfallereignisses auf der Gegenfahrbahn abbremsen und so für einen Stau sorgen. Das sind Staus, die nicht sein müssten.

Und die dritte Hauptursache?

Gerlach: Das sind die Baustellen. Derzeit wird viel Geld für den Autobahnausbau ausgegeben und große Projekte vor allem für den Ersatz von maroden Brücken sind in Vorbereitung, sodass kurz- und mittelfristig viele Baustellen anstehen. Dafür kommt es mittel- bis langfristig zur Verbesserung der Verkehrssicherheit und der Kapazität, sodass die vielen Stauerscheinungen hoffentlich abnehmen werden.

Wann treten Staus am häufigsten auf?

Gerlach: Staus treten traditionell in den Spitzenzeiten der Nachfrage auf, also vorwiegend in den frühen Morgen- und späten Nachmittagsstunden. Eine Tendenz ist, dass diese Spitzenzeiten etwas aufgeweicht werden, also dass den ganzen Tag über recht kontinuierlich hohe Verkehrsmengen zu verzeichnen sind. Daher stehe ich vermehrt auch noch nach 8.30 Uhr oder schon vor 15.30 Uhr im Stau. Auf den großen Achsen wie der A 1, 2 und 3 kommen besondere Verkehrslagen wie vor langen Wochenenden und zu Beginn oder Ende von Schulferien hinzu.

  • Symbolbild.
    A 535 : Weiter Staugefahr im Sonnborner Kreuz
  • Die A 46 in Wuppertal (Archivbild).
    Trotz Ende der Homeoffice-Pflicht : ADAC: Zurzeit weniger Staus auf der A 46
  • Symbolbild.
    A 535 : Weiter Staugefahr im Sonnborner Kreuz

Warum sind gerade zu Herbstbeginn die Straßen so voll?

Gerlach: Die dunkle Jahreszeit erzeugt grundsätzlich mehr Kfz-Verkehr. Zwischen den Herbstferien und Weihnachten wird weniger Urlaub genommen, die Weihnachtseinkäufe beginnen und im Beruf muss mit Außenterminen zum Jahresende noch schnell alles fertig werden. Dunkelheit, Nebel, Regen und nasses Laub lassen zudem die Unfall- und damit auch die Staugefahr steigen.

Welchen Einfluss kann meine Geschwindigkeit auf die Entstehung von Staus haben?

Gerlach: Die höchste Leistungsfähigkeit haben Autobahnquerschnitte bei einer Geschwindigkeit von rund 80 Kilometern pro Stunde. Dann sind Geschwindigkeits- und Abstandsverhalten optimal, um die höchstmögliche Verkehrsmenge abwickeln zu können. Wichtiger als die mittlere Geschwindigkeit ist aus wissenschaftlicher Sicht aber eine geringe Standardabweichung, also möglichst geringe Geschwindigkeitsdifferenzen. Staus und Leistungseinbußen geschehen, wenn schnellere und langsamere Fahrzeuge interagieren. Wenn alle Verkehrsteilnehmer mit konstanter und nahezu identischer Geschwindigkeit unterwegs wären, gäbe es kaum Staus. Stauvermeidend ist insofern eine Fahrweise, die sich harmonisch ohne abrupte Fahrmanöver an den vorhandenen Verkehrsfluss anpasst.

Was sind typische Fehler von Autofahrern?

Gerlach: Zu dichtes Auffahren und dadurch abruptes Bremsen ist ein häufiger Fehler von Autofahrerinnen und Autofahrern auf Autobahnen. Physikalisch entstehen Staus meist durch starke Bremsvorgänge. Auch das häufige Wechseln des Fahrstreifens führt zu Bremsmanövern und Behinderungen des fließenden Verkehrs. Ebenso ist das schon angesprochene "Gaffen" ein Problem.

Wie sinnvoll ist es, beim Stau von der Autobahn abzufahren?

Gerlach: Da in der Regel mehrere Fahrzeugführer die Idee haben, die Autobahn zu verlassen, sind oft die Landstraßen hinter der Abfahrt überfüllt. Auch die Ausweichstrecken sind oft verstopft, was zu neuen Staus führt. Die Zeitverluste auf dem nachgeordneten Netz sind meist höher — es empfiehlt sich in der Regel, auf der Autobahn zu bleiben.

Und wie verhalte ich mich beim Auf- bzw. Abfahren richtig?

Gerlach: Bei Auffahren auf die Autobahn sollte beachtet werden, dass man bis zum Ende des Beschleunigungsstreifens fährt und sich in eine Fahrzeuglücke einfädelt. Zudem sollte nicht sofort auf den linken Fahrstreifen "herübergezogen" werden. Beim Abfahren von der Autobahn sollte man nicht im letzten Moment vom linken Fahrstreifen auf den Verzögerungsstreifen wechseln, sondern sich ausreichend vorher auf den rechten Fahrstreifen einordnen. Frühzeitiges und allmähliches Verlangsamen und rechtzeitiges Blinken circa 300 Meter vor dem Abfahren kann Staus vermeiden.

Stichwort Reißverschlussverfahren: Warum hapert es daran so oft?

Gerlach: Meist fahren Autofahrer nicht bis zum Ende des wegfallenden Fahrstreifens und fädeln vorher auf den durchgehenden Fahrstreifen ein. Zudem lassen Fahrer auf dem durchgehenden Fahrstreifen den Autos auf dem endenden Fahrstreifen keine ausreichenden Lücken zum Einfädeln. Korrekt wäre daher: Erst unmittelbar vor Beginn der Verengung des endenden Fahrstreifens auf den durchgehenden Fahrstreifen wechseln. Und einfädeln lassen!

Wie verhalte ich mich, wenn ich auf einen Stau zufahre?

Gerlach: Geschwindigkeit rechtzeitig verringern und dabei dosiert Bremsen: vorausschauend, gleichmäßig und nicht abrupt. Warnblinker einschalten und aufmerksam sein.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn die Straße wieder frei ist?

Gerlach: Nach dem Stauende die Fahrt zügig fortsetzen. Grundsätzlich sollten dabei langsamere Fahrzeuge den rechten Fahrstreifen und nicht die Überholspur benutzen.